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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-02-24 · Heft 8 (24.2.1887) · p. Seite 122

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 8 (24.2.1887)
Date
1887-02-24
Page
Seite 122 (sequence 10)
Language
German
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122 Abgeordneten zum Reichsrathe abspielte, ihr Ende erreicht. Man wird sich erinnern, daß im ungarischen Abgeordnetenhause die kleine Zahl der Antisemiten sich in der Linken eingenistet hatte, weil die „Regierungspartei" und die der „gemäßigten Opposition" nichts mit ihnen gemein haben wollten. Aber auch in der Linken behielten sie nicht lange ihren Platz. Auf den Antrag Jranyi's, des consequenten Verfechters der Religionsfreiheit, wurden die Antisemiten auch von der Linken ausgeschlossen. Sie gleichen deshalb im ungarischen Hause einem Baume, der keine Wurzeln mehr hat und deshalb, wenn der Rest seiner Säfte verzehrt ist, absterben muß. Dies hat sich nun bei uns wiederholt. Es bestehen in der deutschen Partei zwei Clubs: der „deutsch-österreichische" und der „deutsche Club", zwischen welchen augenblicklich eine Versöhnung stattgefunden. Der letztere hat das deutsch-nationale Moment auf seine Fahne geschrieben, und ihm gesellten sich daher die Antisemiten zu, die sich ja fanatisch für Deutschnationale ausgeben und von hier aus gegen die Juden losziehen. Der Führer der letzteren v. Schönerer glaubte endlich die Zeit gekommen, wo er mit seinem Anhang auch in Action treten müsse, und brachte einen Antrag ein gegen die Zulassung ausländischer Juden in den cisleithanischen Kaiserstaat. Es war dies nicht bloß gegen die russischen und rumänischen Juden, sondern auch gegen die ungarischen gerichtet. Er suchte nun die Unterstützung des deutschen Clubs nach, um für seinen Antrag Unterschriften zu gewinnen. Darüber entstanden im genannten Club mehrtägige heftige Debatten. Ein Theil der Mitglieder schlug vor, den Antrag Schönerer's aus die russischen Juden zu beschränken. Die Mehrheit aber wollte auch hiervon nichts wissen. In einer Zeit, wo das Dcutschthum in Oesterreich so hart bedrängt sei und um seine Existenz so schwer zu kämpfen habe, dürfe man nicht noch den Racen- und Religionshaß predigen, einen Theil der deutschen Partei ausstoßen und sich nützlicher Mittel berauben. Endlich am 12. d. fand die Entscheidung statt. Es wurde beantragt, den Beschluß wegen Freigebung der Abstimmung über die antisemitischen Anträge wieder aufzuheben, und dieser Antrag mit sehr scharfen Worten begründet. Nach heftiger Gegenrede verließen die antisemitisch gesinnten Mitglieder, 13 an der Zahl, den Club. Hierauf wurde der Antrag mit 21 gegen 2 Stimmen angenommen und der bisherige Clubvorstand, Heilsberg, Weitlof, Knotz einstimmig wiedergewählt. Die Antisemiten wollen nun einen besonderen Club bilden, den „deutsch-nationalen". Bei der geringen Zahl derselben und der entschiedenen Opposition, die sie selbst da gefunden, wo sie bisher Platz gegriffen, schwindet diese Fraction zur Unbedeutendheit, noch dazu, da einige der aus dem deutschen Club Ausgetretenen ihre Mandate, die sie dem Club verdanken, niederlegen wollen. Es ist dies ein Sieg der guten Sache und hat hiermit der Antrag Schönerer's, der sich doch gegen ausländische Juden richtete, keinerlei Aussichten. Wien, 16. Februar. (Privatmitth.) Das auch im Auslande rühmlichst bekannte „Israel. Taubstummen-Institut" unter dem Director Joel Deutsch, kais. Rath, hat seinen 33. Bericht über das Jahr 1886 ausgegeben. Die Anstalt war in diesem Jahre von 90 Zöglingen besucht, von denen 16 entlassen, während 17 ausgenommen wurden. Bemerkenswerth ist, daß unter diesen 90 Zöglingen 40 taubstumm geboren waren, unter welchen 6 aus Berwandtschaftsehen, durch Scharlach wurden taubstumm 2, durch Fracsen 10, durch Meningitis 19, durch Typhus 10, durch Ohrenfluß, durch Sturz 1. Die Jahresrechnung balancirt mit 42,516 fl., von denen 7000 fl. für Ankauf von Effecten verausgabt worden und 2209 fl. in Kassa bliebeu. Wie die Leistungen der Anstalt sich auf der erreichten Höhe erhalten, so auch die Gunst des wohlthätigen Publicums, da die Zinsen der Fonds noch lange nicht hinreichen, um das Institut durch dieselben zu erhalten. Erfreulich ist, daß auch die Zahl der auswärtigen Gemeinden wächst, welche ihm feste Beiträge zugesichert haben. Wien, 17. Febr. (Privatmitth.) Durch die Debatten und die Beschlußfassung im „Deutschen Club" sind 11 bisherige Mitglieder desselben bewogen worden, aus demselben auszutreten, und haben eine Proklamation an ihre Wähler erlassen, in welcher sie sich ganz direct als Antisemiten bezeichnen. Hierdurch wird die bisher nur aus 4 Mitgliedern bestehende Antisemitenfraction des Abgeordnetenhauses ansehnlich verstärkt. Aber dagegen wird auch in der Majorität des Clubs der Widerstand gegen den Antisemitismus gekräftigt und dies kann uns nur erfreulich sein. Das Schwanken auf diesem Gebiete wirkt stets nachtheilig, da die in ihrer Ueberzeugung Schwächeren sich leicht verleiten lassen, neutral zu bleiben oder gar bei Gelegenheit den Gegnern Hilfe zu leisten. Sind die Ansichten erst geklärt und die Stellungnahme entschieden, so kann man einem etwaigen Kampfe mit Ruhe entgegensehen. Pest, 15. Febr. Im Laufe dieses Jahres werden in Ungarn Neuwahlen zum Abgeordnetenhaus? stattfinden. Die Partei der „Unabhängigen", d. i. äußerste Lwke, hat bereits ihr Wahlmanifest erlassen. Man muß sich erinnern, daß eine Zeit lang die Antisemiten sich in diese Partei eingedrängt hatten. Da nämlich Jstoczy eigentlich der Regierungspartei angehört hatte, von dieser aber seines Antisemitismus wegen ausgeschlossen worden und die „gemäßigte Opposition" dasselbe that, nahmen die Antisemiten ihre Zuflucht zur äußersten Linken. Einige Mitglieder schwankten und neigten sich der antisemitischen Gesinnung zu, weshalb wir damals ein offenes Sendschreiben erließen, das in vielen ungarischen Leitungen willige Aufnahme fand. (S. 1884, S. 113). In-- ) i

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