Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-02-24 · Heft 8 (24.2.1887) · p. Seite 121

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 8 (24.2.1887)
Date
1887-02-24
Page
Seite 121 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3227663-3227672--44215-3266481
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

121 die Frage ist nur, ob jene antisemitischen Hetzer außer ihrem einmaligen Anhänge im größeren Publikum wieder Anklang und einen fruchtbaren Boden finden? Wir möchten dies nach dem gewöhnlichen Verlause der Dinge bezweifeln. Denn da sie, sobald es sich um reelle Dinge handelt, schon bis jetzt unwirksam geblieben und schließlich retiriren mußten, so haben sie das Ansehen verloren, welches von vornherein für eine wirksame Agitation nothwendig ist. Wir machten diese Bemerkung nur, um einer etwaigen Ueberraschung vorzubeugen. Berlin, 18. Febr. (Privatmitth.) W. In der Sitzung der jüdischen Gemeinderepräsentanz von 13. d. M. empfahl Justizrath vr. Makower in zündender Rede, die Zinsen des Legates von 75,000 Mark, welche der verstorbene Fabrikbesitzer Adolf Reichenheim der Lehrer-Bildungs-An» stalt zum Zweck der Gewährung von Stipendien, Prämien und Auszeichnungen, dazu zu benutzen, daß als Prämie und Auszeichnung den Studirenden Gelegenheit gegeben werde, sich auch körperlicher Leibesübungen, Schwimmen, Exerciren, Turnen re. rc. zu erfreuen, und sich gesellschaftlichen Tact rc. anzueignen, so daß mau nicht nur im Seminar (Lehrer- Bildungs-Anstalt) Lehrer heranbilde, sondern wirkliche Erzieher für die Jugend schaffe, die geistig und körperlich veredelnd auf dieselbe einwirken müssen. Dieser Antrag Makower's fand allseitige Zustimmung und wird in eingehender Weise formulirt und später der Versammlung zur Annahme unterbreitet werden. Frankfurt a. M., 17. Febr. Der Herr Cultusminister hat auf Befürwortung des kgl. Prov.-Schulcollegiums zu Cassel genehmigt, daß fortan die Realschule der hiesigen (orthodoxen) israelitischen Religions-Gesellschaft ihren Schülern schon nach vollendetem sechsten Schuljahre das Reisezeugniß für den einjährigen Freiwilligendienst auszustellen berechtigt sein solle. Bisher war die Berechtigung erst nach dem siebenten Schuljahr zu erlangen. Die bisherige Obersecunda wird die Bezeichnung Unterprima führen, und die bisherige Prima wird als Oberprima für solche Schüler weiter bestehen, welche in der Erlangung eines Berechtigungsscheines für den einjährigen Freiwilligendienst ihr Bildungsbedürfniß nicht befriedigt sehen. Witte«, 14. Februar. Zur vollständigen Charakterisirung der Situation gehört wohl auch der Beschluß einer antisemitischen Versammlung, die unter dem Vorsitz des vr. König hier stattgefunden, für den nationalliberalen vr. Haarmann zu stimmen, weil die Nationalliberalen in Siegen für Stöcker stimmen werden. So wäscht eine Hand die andere! Aus Schlesien, 18. Febr. (Privatmitth.) Der Bericht aus dem ostpreußischen Provinzialverbande der jüdischen Gemeinden in vor. Nr. hat lebhaftes Interesse erweckt. Man sieht ein, daß den kleineren Gemeinden zu Hilfe zu kommen und den Religionsunterricht zu regeln und zu heben kein Mittel zweckmäßiger sei, als ein solcher Provinzialverband zu den beiden bezeichneten Zwecken. Dabei verlieren die Gemeinden nichts von ihrer Selbständigkeit und die Jnspi« cirung des Religionsunterrichtes gewährt ja nur Rath, welchen die Gemeinden befolgen können oder nicht. Das Urtheil eines vorurtheilslosen Sachkenners thut immer seine Wirkung. Auch für den deutsch-israelitischen Gemcindebund sind solche Provinzialverbände sichere Stützen für seine Wirksamkeit, und cs wäre wohl der Erwägung des Ausschusses werth, auf welche Weise weitere Provinzialverbände zu Stande zu bringen wären. Die Delegirten des Bundes möchten wohl hierzu die geeignetsten Männer sein. Denn frägt man sich, warum das im nördlichsten Theile des deutschen Vaterlandes gegebene Beispiel noch gar keine Nachfolge gehabt, da den Gemeinden durch eine solche Einrichtung nur geringe Opfer auferlegt werden, so liegt dies in der Lässigkeit und Unkenntniß der meisten Gemeindevorsteher. Die großen Gemeinden haben natürlich bei ihren wohlorganisirten Anstalten kein Bedürfniß nach solchen Verbänden, und so sehen wir auch gerade Königsberg in dem ostpreußischen Verbände fehlen. Aber in ihnen leben diejenigen Männer, welche einem solchen Verbände das regste Leben verschaffen und zumeist zur Schulinspicirung am geeignetsten sind, wie uns wiederum der Rabbiner von Königsberg, der überaus thätige und verdienstvolle vr. Bamberger, erweist. Es darf nie vergessen werden, welch ein wesentliches Mittel für die Erhaltung des Judenthums und für die religiös-sittliche Erziehung der Jugend der Religionsunterricht ist, da er bei einer wachsenden Zahl der Jugend Haus und Synagoge, so weit er es vermag, ersetzen muß. Rechte Bildungsanstalten für Religionslehrer und Provinzialverbände zur Unterstützung armer Gemeinden und zur Jnspicirung des bestehenden Religionsunterrichtes sind deshalb unabweisliche Bedürfnisse. Mögen sich unsere Wünsche für diese beiden Institute immer mehr erfüllen. Daß jetzt für die Bildung der Rabbinen durch die in Deutschland bestehenden drei Lehranstalten genügend gesorgt ist, kann man wohl behaupten. Aber für die Lehrerbildung ist noch lange nicht ausreichend gesorgt, da für die sieben östlichen Provinzen Preußens bis jetzt nur das eine Seminar in Berlin besteht; von dem in Posen zu gründenden hat man seit längerer Zeit wieder nichts gehört. Das Geld dazu ist da, aber über die Herstellung scheint man sich noch nicht einigen zu können. Fürwahr, es ist in den letzten Jahrzehenden innerhalb des Judenthums recht viel geschehen, aber noch lange nicht genug, und doch sind die Wege, die man einzuschlagen, klargelegt und an Mahnungen fehlt es nicht. Kämen die letzteren doch nur immer an die rechte Adresse! Oesterreich-Ungarn. Wim, 14. Februar. (Privatmitth.) Endlich hat eine Tragikomödie, die sich innerhalb eines Theilcs der deutschen 8

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.