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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-02-24 · Heft 8 (24.2.1887) · p. Seite 118

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 8 (24.2.1887)
Date
1887-02-24
Page
Seite 118 (sequence 6)
Language
German
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118 heraus die Reichsrathsabgeordneten zu wählen hatten. Im Cultusministerium besitzen wir keinen einzigen Vertreter, während die katholische Kirche stets einen Vortragenden Rath hat, die Protestanten wenigstens einen Hofrath, der übrigens neuerdings durch Berufung ins Herrenhaus ausgezeichnet wurde, den letzten Sectionschef, der dieses Ressort im Unterrichtsministerium zu verwalten hatte, hat man offenbar der geänderten Verhältnisse wegen nicht mehr vollständig ersetzt, wir Juden aber haben nicht einmal einen Conceptspracticanten, der unsere Angelegenheiten zu vertreten hätte und dem Vernehmen nach ist es ein getaufter Jude, der in Fragen des jüdischen Cultus den Referenten die nöthige Aufklärung giebt. Wenn wir nun ohne Vertretung im politischen Leben sind, wenn man uns unter dem Scheine pädagogischer Nothwendigkeit das Recht entzogen hat, welches nach der Verfassung jedem Staatsbürger ohne Unterschied des Glaubens zusteht, das Recht, das Lehramt als Oberlehrer ausznüben, wenn man ferner auf dem Wege der Politischen Verständigung uns auch das Recht entzieht, in den Schulangelegenheiten des Landes, des Bezirkes oder des Ortes, Ivo wir wohnen, mitzuberathen, so fehlt wohl nicht viel, daß man auch aus Gründen der Staatsraison das Richteramt in katholischen Bezirken Juden absprechen kann, wie ja das anläßlich des Falles Hapke in Berlin verlangt wurde, und die Consequenz wäre das Ghetto. Leider besitzen wir kein Centralorgan für Wahrung unserer Interessen — ich meine selbstverständlich nicht ein literarisches, sondern eins von Fleisch und Blut — und während die protestantischen Gemeinden doch wenigstens Schritte gethan haben, um das Gesetz-Werden der Tiroler Schulaufsichtsvorlage zu verhindern, haben wir Juden bis jetzt die Hand in den Schooß gelegt. Möglicherweise hat man auch, um sich die Protestanten nicht zu entfremden, den Hoscath Franz, welcher im Cultusministerium das Referat für Angelegenheiten der evangelischen Kirche hat, ins Herrenhaus berufen und die Mitglieder hervorragender evangelischer Gemeindevorstände mit Orden bedacht und trotzdem müssen wir uns daran erinnern, daß, als die Protestanten vor einigen Jahren in Meran eine Kirche erbauten, im Reichsrathe Interpellationen über die Verletzung der alten Rechte des Landes gestellt wurden. Wessen haben wir Juden uns von dieser Seite zu versehen, wenn einmal in Tirol eine Gemeinde sich bilden sollte? Deshalb heißt es für uns mehr wie für alle andern: prineipiis obsta, sero medicina paratur. A Literarischer Wochenbericht. Bonn, 2. Februar. Reime und Gedichte des Abraham Jbn Esra von vr. David Rosin (Breslau, Schottländer I 1887) Heft 2. Wir verweisen unsere Leser auf die Besprechung des 1. Heftes 1886 S. 187 d. Z. Das vorliegende Heft bringt die Fortsetzung dieser gründlichen Arbeit, und zwar zunächst die noch fehlenden Gedichte und Reime des großen Exegeten am Eingang und Ausgang seiner verschiedenen Commentare zu Büchern der h. Schrift. Hierauf folgt der Anfang der „lyrischen Gedichte" und namentlich der Klagegedichte Abraham Jbn Esra's. Allerdings bieten diese Gedichte und Reime keinen höheren poetischen Charakter, weder in der Kunstform, noch in der Ausdrucksweise. Sehr oft nähern sie sich vielmehr nüchterner Prosa, z. B. in der Polemik gegen die christlichen und karaitischen Schriftausleger, welche eine Autorität der jüdischen Tradition nicht anerkennen, sowie gegen die allegorisirenden Bibelerklärer. Ueberall aber weht in denselben ein wahrhaft religiöser Geist, eine innige Liebe zu Gott und der Religion Israels, eine aufrichtige Demuth vor Gott und Menschen, obschon er gegen die letzteren, wenn sie ihm als Feinde Gottes und der Religion Israels erscheinen, die Waffen der Satyre und des Streites sehr nachdrücklich zu führen versteht. Tief ergreifend sind die beiden Klagelieder über den Abfall seines zum Islam übergetretenen Sohnes Isaak. Das zerrissene Vaterherz, das ihn wie einen Todten beklagt, stößt die Seufzer der Verzweiflung aus, der Hoffnungslosigkeit, die nur noch einen Trost im Dienste der heil. Lehre, in der Arbeit für das richtige Verständniß der Schrift findet. Gewiß wird diese Sammlung, wenn sie erst vollendet sein wird, eine Zierde der jüdischen Literatur bilden und hoffen wir die Fortsetzung im nächsten Jahresbericht des jüdisch-theologischen Seminars zu Breslau zu finden. — „La solidarite d’Israel“. Diese am ersten Tage Rosch haschana vom Großrabbiner I. H. Dreyfuß im Tempel zu Brüssel gehaltene Predigt knüpft sehr passend an 4. Mos. 10, 3 eine Besprechung der Solidarität, welche die Glieder des israelitischen Bekenntnisses verbindet. Es ist dies eine seelische Solidarität, keine materielle und sociale, die höchstens in Fällen der Noch zu äußerlichen Mitteln der Unterstützung greift. Der Redner erwägt in innig gefühlter, aber doch besonnener Weise die Ursachen, den Inhalt, die Bedeutung dieser Solidarität, die ja von den Gegnern in mißbräuchlicher Verwendung vorgeworfen wird, und die an sich innerhalb ihrer natürlichen Grenzen ebenso gerechtfertigt wie nützlich ist. Wir können dem Vorstände der Brüsseler Gemeinde nur dankbar sein, daß er dieses Stück gesunder Kanzelberedtsamkeit veröffentlicht hat. — „Die Stellung der Sklaven bei den Juden in rechtlicher und gesellschaftlicher Beziehung nach talmudischen Quellen." Bon vr. I. Winter. (Breslau, Preuß & Jünger.) In der vorliegenden Schrift wird uns eine recht gründliche Bearbeides so oft schon, meist jedoch oberflächlich behandelten rstandes geboten. Man kann aus derselben recht deut-

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