Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1887)
- Date
- 1887-02-24
- Page
- Seite 116 (sequence 4)
- Language
- German
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116 Paris, Februar 1887. Alliance Israelite Universelle. Die All. isr. univ. erläßt folgenden Aufruf: „Im vorigen Jahre, bei Gelegenheit des fünfundzwanzigsten Jahrestages der Gründung der Alliance, richteten wir an unsere Mitglieder einen Aufruf, der Erfolg hatte; wir erhielten Geschenke und neue Beitrittserklärungen; es bildeten sich neue Comitss, überall wurden uns Beweise der Sympathie zu Theil, welche zunimmt mit den von unserer Gesellschaft geleisteten Diensten. Die Alliance zählt heute 32,230 Mitglieder. Diese Zahl übertrifft die vorjährige, und wenn wir weiter zurückblicken, constatiren wir, daß die Zahl unserer Anhänger und die Höhe unserer Einnahmen in stetem Wachsen begriffen waren. Dürfen wir uns aber für befriedigt erklären, wenn wir das Werk betrachten, das uns durchzuführen bleibt, und die Ergebnisse, die wir erreichen könnten, wenn alle Glaubensgenossen, die uns ihre Beisteuer schulden, diese Pflicht erfüllten? Wir haben uns eine Aufgabe gestellt, deren Wichtigkeit sich durch unsere eigenen Statuten ermessen läßt. Wir haben unsere Hülfe allen Israeliten versprochen, die durch und für ihren Glauben leiden; wir haben versprochen, an der geistigen und moralischen Erhebung der zahlreichen Generationen mitzuwirken, die in so vielen Ländern unter einer seit Jahrhunderten dauernden Unterdrückung leiden. Die Ausführung dieses großen Planes ist begonnen; die Alliance kämpft seit einem Vierteljahrhundert für die verfolgten Israeliten, sie hat eine große Anzahl von Lehr- und Lchrlingsanstalten ins Leben gerufen, um der Unwissenheit und dem Elend abzuhelfen; diese Anstalten blühen fort, und wir sehen ganze Generationen heranwachsen, die ohne unsere Hülfe dem tiefsten Verfall preisgcgeben wären. Wir haben im vorigen Jahre einen vollständigen Bericht erstattet über unsere 25jährigen Leistungen und Bemühungen, und unsere Semester-Berichte geben so regelmäßigen Ausweis, daß wir nicht auf Näheres einzugehen brauchen. Doch was ist das Geleistete gegen das, was noch zu thun ist? Die Vorgänge scheinen täglich unsere Aufgabe zu mehren; die Israeliten machen seit einigen Jahren furchtbare Krisen in verschiedenen Ländern Europas durch. Sie schmachten unter Einschränkungsgesetzen, die sie vom Menschenrecht ausfchließen. Sie haben weder das Recht zu arbeiten noch sich heranzubilden, sie sind auf einige wenige Bezirke angewiesen, wo sie ersticken. Aus Rußland wandern die Unglücklichen in großer Anzahl aus; die Einen gehen nach Amerika, um dort die Arbeit zu finden, die ihnen fehlt, oder den Bodenbesitz, den man ihnen in der Heimath verweigert; die Anderen kommen nach unseren Gegenden, wo sie das Recht genießen, sich zu bilden; wir müssen ihre Bemühungen unterstützen. In Rumänien müssen die Israeliten gegen ein ganzes Berwaltungssystem, das sie aushungern will, ankämpfen; auch sie wandern in großer Zahl nach Europa und den Vereinigten Staaten aus. In anderen Ländern befinden sich die Juden im tiefsten Elend und in einer materiell und moralisch so beängstigenden Lage, daß sie bei dem jetzigen Zustand der Dinge zu einer wahrhaften Sorge für das ganze jüdische Europa geworden; es ist dringend nöthig, ihnen durch Gründung von Schulen, Lehrlingswerken und Ackerbau-Anstalten aufzuhelfen. Zu den neuen Pflichten, welche uns die ernsten Vorgänge der letzten Jahre auferlegen, tritt noch die Nothwendigkeit, nnsere früheren Institutionen zu entwickeln. Unsere Schulen im Orient und in Afrika sind zu eng geworden für alle die Kinder, welche um Einlaß bitten; wir müssen die Lokale und das Material verbessern, die Zahl der Lehrer vermehren, desgleichen die Bibliotheken und Lehrlingswerke, wir müssen neue Schulen anlegen in den zahlreichen Städten, die uns darum bitten. Wie sollen wir dieser Riesenaufgabe genügen mit den Mitteln, über die wir verfügen? Sie müssen verdoppelt werden. Die Hülfe, die man uns zu Theil werden läßt, ist nockweit entfernt von der Größe des Werkes, das wir unternommen. Kein Israelit darf außerhalb der Alliance bleiben; ein jeder muß im Verhältniß seiner Kräfte beisteuern. Wir sind alle, viele Jahrhunderte hindurch, ebenso unglücklich gewesen wie die Unglücklichen der Jetztzeit. Unser Wohlstand legt uns gegenüber denen, welche dulden, eine Pflicht auf, die uns von der Tradition überbracht und gelehrt wird. Sollten wir diese Solidarität unterschätzen, so besitzen wir, selbst in den Ländern, wo man uns keinen Schaden zufügen kann, Feinde genug, um uns daran zu erinnern. Ihre Angriffe verachten ist zu leicht und bequem; diejenigen vertheidigen, die sie bedrohen, sie in den Stand setzen, sich selbst durch ihre moralische und geistige Bedeutung zu vertheidigen, das Ungerechte der Borurtheile, unter denen sie leiden, hervortreten lassen, den Regierungen, die sie verfolgen, das Uebel klar legen, das sie sich selbst zufügen, die Anstalten, welche den Israeliten Bildung und Arbeit verschaffen, entwickeln und verdoppeln, das ist unsere Aufgabe. Wenn auch der Einzelne ihr nicht genügen kann, vereint wird es uns gelingen. Die Alliance bemüht sich, das Werk, dessen Hauptzüge wir hier kennzeichnen, zu erfüllen; sein wohlthätiger Einfluß bethätigt sich durch den Unwillen, den sie bei den Feinden