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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-02-24 · Heft 8 (24.2.1887) · p. Seite 115

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 8 (24.2.1887)
Date
1887-02-24
Page
Seite 115 (sequence 3)
Language
German
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115 soll zusammengefaßt sein in den Vers: „Aller Sünde entsagen, Tugend erwerben, sein eigenes Herz reinigen." Hierzu sind zehn Gebote erftoffen, von denen jedoch die beiden letzten nur den Priestern obliegen, von Laien freiwillig befolgt werden können. Sie sind: 1. Kein lebendes Wesen zu tobten, 2. nicht zu stehlen, 3. unerlaubten geschlechtlichen Umgangs sich zu enthalten, 4. nicht zu lügen und zu betrügen, ö. sich der berauschenden Getränke und aller Reizmittel der Genußsucht zu enthalten, 6. nicht zu ungehöriger Zeit zu essen, 7. nicht zu tanzen, zu singen und ungebührlichen Aufführungen beizuwohnen, 8. sich des Blumenschmuckes, aller wohlriechenden oder verschönernden Mittel sowie der Salbungen und anderer Zierden zu enthalten. Hierzu kommen nun 9. sich nicht hoher und breiter Betten zu bedienen und 10. Gold und Silber nicht anzunehmen. Den Priestern wird überhaupt noch strenge Askese anempfohlen. Diese Morallehre, die sich auf obige Punkte beschränkt, denn der Verf. weiß nichts darüber anzuführen, wird dem europäischen Denker wenig genügen. Der Verf. fährt nun zuerst mit weiteren Mittheilungen über die Art, wie die Lehre Buddha's verbreitet worden, fort, was doch nur legendarisch ist, dann aber mit einer heftigen Polemik, besonders gegen das Christenthum. Aber auch hier verfährt er sich, indem er nachdrücklich betont: der Buddhismus lehre Moral ohne Gott und die Unsterblichkeit ohne Himmel. Aber wo leitet dieser denn die Moral her? Aus Buddha, und dieser ist ihm Gott gleich; eine Wiedergeburt in den mannigfaltigsten Menschen und Thieren, für die übergroße Mehrheit der Individuen ohne Ende, ist eine Unsterblichkeit widersinnigster Art. Wenn also die buddhistische Lehre auch für die Moral einer höheren Quelle bedarf, so giebt sie nicht minder ein sehr niedriges Motiv an, nämlich die Furcht vor den Leiden in einem schlechtereren Zustande nach dem Tode. Auch vor dem Vorwurfe, daß der Buddhismus götzendienerisch und abergläubisch und mit Priesterknechtschaft und Verdummung durchsetzt worden, sucht er ihn vergebens damit zu entschuldigen, daß dies mißbräuchlich im Laufe der Jahrhunderte hineingebracht worden — denn das kann für die ähnliche Entartung in anderen Religionen auch gesagt werden. In der 131. Fr. wird behauptet, daß es „im Buddhismus irgend welche Dogmen nicht gebe." Ueber eine solche Behauptung, welche wiederum nur nach europäischem Geschmacke aufgestellt werden konnte, muß man sich wundern. Ist das Nirwana, ist die Seelenwanderung, ist die ganze Legende vom Buddha, ist die Lehre von den Dewas und ihren drei Classen u. dgl. kein Dogma? Sind dies keine Vorstellungen, welche dem Glauben anheimfallen? Der Vers, stützt sich dabei auf die Worte, welche Buddha gesprochen haben soll: „Ich lehrte Euch nicht Etwas zu glauben lediglich deshalb, weil Ihr es gehört habet, sondern nur aus eigener Ueberzeugung und allzeit darnach zu handeln." Diese Worte sage» aber nichts Anderes, als daß er gesagt, was er selbst geglaubt und daß die Hauptsache sei, darnach zu handeln. Dies ist aber nichts Anderes, als der alte Talmudspruch: „Nicht die Lehre, sondern die That ist die Hauptsache," aber die That muß sich immer nach der Lehre richten, also auch im Buddhismus das Handeln nach dem, was gelehrt und geglaubt wird. Die folgenden Paragraphen suchen noch Gründe und Erklärungen sehr gekünstelter Art für die Wiedergeburten. Der Verf. will behaupten, daß Buddha keine „Seele" anerkannt habe und doch erklärt er: Das menschliche Wesen bestehe einerseits aus den körperlichen Eigenschaften, andererseits aus den Empfindungen, den abstracten Begriffen, den seelischen Neigungen und den Verstandeskräften (Fr. 140). Hier widerspricht abermals der Buddhismus selbst seinem europäischen Darsteller. Am Schüsse citirt der Vers, in der letzten Frage einen englischen Schriftsteller zu Gunsten des Buddhismus. Wir erkennen in diesem Katechismus die Bemühung des Verfassers an, uns, allerdings vom europäischen Standpunkte, ein Bild des ursprünglichen reineren Buddhismus zu geben. Aber der Einsicht der Leser wird cs nicht entgehen, daß die große Schwäche dieses selbst filtrirten Buddhismus vorzüglich darin besteht, daß er eine bloße Jchlehre, eine Lehre des vollendeten Individualismus und Egoismus ist. Er befaßt und beschäftigt das Individuum nur als solches und völlig isolirt. Dasselbe soll nur darnach streben, in einen glücklicheren Zustand zu gelangen, durch die Ertödtung jedes natürlichen Verlangens, durch die möglichste Bedürfnißlosigkeit, und dadurch dem „Elend" zu entgehen. Das Ziel ist das Nirwana, d. i. eine Auflösung und Verschwinden des Individuums ins Nichts. Nirgends im Buddhismus ein Zusammen- und Aufeinanderwirken zu gemeinsamen Zwecken und Zielen, keine Nation, keine Menschheit, kaum eine Familie. Die Vorschriften und Gebote, die ertheilt werden, sind deshalb blos negativer Natur, da schließlich nicht das Streben und die Thätigkeit, sondern nur die Ruhe und Bewegungslosigkeit zum Lebensinhalt gemacht werden. Es wird nicht schwer, zu erkennen, daß eine solche Lehre auf klimatischen und geographischen Ursachen beruht, daß sie, weil sie die große Masse in dieser ursprünglichen Gestalt nicht lange zu befriedigen vermochte, ganz andere Richtungen einschlagen und zu den wunderlichsten Gestaltungen entarten mußte.

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