Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1887)
- Date
- 1887-02-17
- Page
- Seite 110 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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110 Jeuilleton. Skizze zur Geschichte der Juden in Heplitz (Söhmen). Bon vr. Adolf Rosenzweig, Rabbiner und Prediger daselbst. (Schluß.) Nach dem Tode R. Jesaja's versah interimistisch R. David Kulb (geb. 1760, gest. 11. Adar 1842 45), ein eingewanderter deutscher Jude, der hier als Fleisch-, Bade- und Steuerpächter lebte, die Rabbiuatsagenden. Wie groß seine Frömmigkeit und wie tief sein Wissen gewesen sein muß, erhellt am deutlichsten aus dem Umstande, daß man ihm, dem Steuereinnehmer — diese waren gleich den Zöllnern in den Zeiten der römischen Herrschaft beim Volke nie sehr beliebt — das Rabbinat übertrug. Im Jahre 1831 trat der noch heute lebende, humane Fürst Edmund Moritz Clary, der letzte, dem die hiesigen Juden huldigten, die Herrschaft an. Im folgenden Jahre wurde vr. Zacharias Frankel (geb. 18. Oct. 1801 zu Prag, gest. 13. März 1878 als Director des theologischen Seminars zu Breslau) zum Leitmeritzer Kreis- und Teplitzer Localrabbiner berufen. Es kann nicht Aufgabe dieser Skizze sein, eine Charakteristik Frankel's vorzuführen, dennoch kann ich es mir nicht versagen, einzelne charakteristische Momente aus seiner hiesigen Thätigkeit hervorzuheben, zumal sein Aufenthalt hier als Zeit seiner Reformthätigkeit von Freund und Feind angesehen wird. So hört man auch nicht selten die Behauptung, Frankel sei eifrig für die Orgel eingetreten und habe auch deren Aufstellung in dem hiesigen Gotteshause gefördert. Das ist historisch unrichtig! Hingegen ist es wahr, daß er auch hier eine Läuterung des religiösen Geschmacks betreff des Gottesdienstes anstrebte, auch einzelne Pijutim hat er gestrichen und ein Normativ für den Religionsunterricht ausgearbeitet, in dem er vorschreibt, daß einzelne Stellen und zwar 1. Buch Mos. 19, 31 bis Ende und 20; Kap. 30. 25—43; 38 und 39 weggelassen werden sollen, im 3. Buch Mos. kann yntn und jmso, Kap. 15 aber muß weggelassen werden. Ebenso verweist er in einer Anmerkung den Lehrer darauf, daß er dem Kinde keinen irrigen Begriff in Hinsicht des Gebetes beibringe, er sage ihm, daß mit demselben mehr die Verleumdung als die Verleumder, unter mehr die Frechheit als die Frechen (nach dem Bekannten □'Nün rra D'Nüin lDrr) verstanden werde.") Noch ein anderer Umstand — Frankel führte die Tochter eines hiesigen Gemeindemitgliedes als Gattin heim, — schuf eine Bewegung gegen ihn — eines Tages klirrten die Scheiben, die verletzten, weil verscheuchte Pijutim hatten wahrscheinlich 45) Sein Grabstein ist niit Nr. 28 bezeichnet. 46) Dieser von dem sel. Frankel entworfene und eigenhändig geschriebene „Lehrplan" ist in meinem Besitze. in der „hinteren Gasse" den Stein beflügelt, der gegen das Fenster flog. Frankel soll den Stein lange verwahrt haben. Wunderlich genug ist es, daß er einen Protest gegen dieses Gebühren beim Vorstande einbrachte und die Bestrafung des Thäters verlangte! Was er erreichte, konnte ich nicht erfahren. Noch ein anderes Schriftstück hat sich von ihm erhalten: ein Verbot an die Gemeinde, Kohlen am Sabbath in der Judengasse abladen zu lassen. Nach kurzer Thätigkeit in hiesiger Gemeinde ward er 1836 als Oberrabbiner nach Dresden berufen, wo ein größeres Feld seiner Thätigkeit harrte. In demselben Jahre, in dem Frankel hier sein Amt antrat, gründete Naftali Katz, ein edler Mensch von Bildung, das hiesige Badehospital, das gegenwärtig während der Sommermonate an 140 armen, in- und ausländischen Israeliten — hierortige sind statutengemäß vollständig ausgeschlossen — unentgeltlich Verpflegung, Bäder und Medicaniente, nicht selten auch noch Geld zur Rückreise verabreicht. Das Hospital, das zur Zeit der Gründung 4 Betten, die im Gemeindehause untergebracht waren, besaß, verfügt heute über 35 gut fundirte Betten. Lange Zeit wirkte der auch auf literarischem Gebiete bekannte vr. Gottfried Schmelkes, ein edler, idealer Mensch, der jüd. Herz mit französischem Esprit verband als Ordinarius an dem Hospital. Gegenwärtig versieht dieses schwere, aber schöne Amt in opferfreudigster Weise und voll Hingebung Herr Sanitätsrath vr. Ignaz Hirsch. Als Director fungirt mit Liebe und Fleiß Herr Josef Rindskopf. Alle Aemter sind unbesoldet. Am Sabbath Nachum 1836 hielt der Nachfolger Frankel's, David Pick, seine Antrittspredigt. Pick besaß ein stilles, ruhiges, bescheidenes Wesen voll Ehrlichkeit und Friedfertigkeit. Er war ein Schüler der alten Schule, in die der Sonnenstrahl der Mendelsohn'schen Aufklärung versteckt hineinlugte, ein Bachur der böhmischen Jeschiba, die wohl den Pilpul pflegte, aber sich nicht so abwehrend gegen profanes Wissen und jene schöngeistige Richtung, die die Meassofin anbähnten, verhielt, wie dieses in Ungarn der Fall war. Die Männer, die an der Spitze der Gemeinde standen — unter ihnen verdienen namentlich Samuel Straßer und Stern hervorgehoben zu werden — waren energisch, ja rücksichtslos in ihrem Streben der fortschreitenden Richtung in der Gemeinde zum Durchbruche zu verhelfen: ein geregelter Gottesdienst nach dem Muster des Wiener und Prager Cultus wurde eingeführt, die Orgel — die erste in Oesterreich — wurde angeschafft und die Predigt zum integrirenden Theile des Gottesdienstes erhoben. Aber die Wogen der Reform gingen weiter! Der Vorstand wollte gerne die 2. Feiertage abgeschafft wissen und wandte sich im Mai 1846 mit der Frage über die Verbindlichkeit derselben an Holdheim. Dieser