Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1887)
- Date
- 1887-02-17
- Page
- Seite 111 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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ui beantwortete die Frage aus 2 Gesichtspunkten, ob nämlich die Gründe dieser Feier noch jetzt fortdauern und ob, wie dieses nicht der Fall, durch religiöse Rücksichten die Beibehaltung fordern. Zum Schlüsse seines Gutachtens, in dem er auch den Umstand in Betracht zieht, daß die mehrtausendjährige, durch die Glaubensgenossenschaft geweihte Feier als ein historisch schwer wiegender Grund der Beibehaltung zu beachten sei, stellt er es als wünschenswerth hin, daß die einzelne Gemeinde den Ausspruch der 3. Rabbinerversammlung hierüber abwarte, weil sie dann die Abschaffung nicht allein und nicht auf das Votum eines einzelnen Rabbiners, sondern im großen Zusammenhang werde ausführen können.47) Pick nahm hierauf an der 3. Rabbinerversammlung (13—24. Juli 1846 zu Breslau) theil und kehrte, berauscht von dem Wogen des freien Gedankenstromes, dem er dort lauschte, nach Hause, entschlossen das, was dort ideale Theorie verkündete, in's practische Leben einzuführen. Thatsächlich predigte er bald hierauf mehrmals über die Reformen im Judenthume und am 7. Pessachtage des folgenden Jahres über die Abschaffung der 2. Feiertage, deren Auflassung er proclamirte. Darob entlud sich ein gewaltiger Sturm, der lange nicht zu Ruhe kommen wollte, zumal sich auch das Prager Rabbinat in die Frage mengte und wohl die Gegnerschaft nur noch schürte. Nur das stille Wesen Picks, das allmählig einlenkte, gab der Gemeinde den arg gestörten Frieden wieder. Doch ganz ohne Folgen blieb die Affaire kaum; der Consiict ließ Jndifferentismus und Indolenz zurück. Pick wirkte über 40 Jahre lang. Zu seinem 70. Geburtstage verlieh ihm der Kaiser Franz Josef I. das goldene Berdienstkreuz. Während des Verrichtens des Gebetes für seinen gütigen Landesherrn hauchte er beim Morgengottesdienste am Sabbath (5. Tammus 1878) seine reine Seele aus. R. David Pick erlebte während seiner langjährigen Thätigkeit manche Errungenschaft der neuen Zeit — 1843 ward das Eheschließungsrecht erweitert, 1846 fiel die schmachvolle Erbschaft des Titus, die Judensteuer, und der Lenzsturni im Jahre 1848 befreite Israel von dem schweren Joche der verschiedenartigsten Beschränkungen. Im Jahre 1863 fiel der letzte Rest des jüd. Mittelalters — die Judenschaft in Teplitz hörte auf, eine Commune in der Commune zu bilden. Als Ablösungssumme zahlte sie 30,000 fl., wohingegen die Stadt sich verpflichtete, den jüd. Gemeindemitgliedern jener Zeit das Bürgerrecht zu verleihen, die jüd. Separatschule mit 2 Lehrkräften in dem städtischen Schulgebäude auf eigene Kosten zu erhalten und den städtischen Sitzungssaal im Bedarfsfälle der Gemeinde zur Verfügung zu stelle». Am 19. April 1843 wurde gelegentlich der 50. Geburtstagsfeier des Kaisers Ferdinand V. das Localarmeninstitut, dessen Verwaltung die Herren Rabb, Pick, A. M. Birnbaum, David Popper und Hieronymus Perutz übernahmen, mit einem Baarvermögcn von 489 fl. 15 kr. gegründet. Gegenwärtig besteht die Direction dieses wohlthätig wirkenden Institutes aus den Herren: A. Pick, Vorsteher der hiesigen Gemeinde, Siegmund Rindskopf, Leopold Birnbaum, Philipp Spitz, Armenvater, Ignatz Hauser, Rendant und dem Schreiber dieser Zeilen, der das Directorat versieht. Das Vermögen beläuft sich auf ca. 13,000 fl. und werden jährlich an 1700 fl. an hiesige Arme vertheilt. Neben den erwähnten Instituten wirkten wohlthätig: die Chebra Kadischa (Vorsteher H. Sam. Fürth), der Krankenverein Bikur Cholim (Borst. H. Ludwig Hahn), der Frauenverein (Vorsteherinnen Fr. Sophie Glogau und Fr. Antonie Rindskops), der Verein frommer Frauen (Fr. Anna Mendt u. Fr. Anna Bloch), der Brautaussteuerverein (Fr. Rosa Perutz), der Tempelverein (H. Dav. Fischer und H. M. Taussig) der Gewerbeverein (H. Ludw. Hahn), der Talmud-Thoraverein (H. Leopold Samel), die Leopold Samel'sche Waisenstiftung und die Ph. Spitz'sche Chanukastiftung. Außerdem zählt unsere Gemeinde noch etwa 60 Stiftungen, unter denen die Eduard Stern'sche Stiftung zur Bekleidung armer Schulkinder besonders erwähnenswerth ist. Wie bereits erwähnt, wurde 1863 der neue Friedhof hart an den Friedhöfen der anderen Confessionen eröffnet und am 10. Sept. 1882 die neue Synagoge, die einen Kostenaufwand von über 100,000 fl. erforderte, unter dem damaligen Cultusvorsteher I. U. Dr. Oskar Willner und dem Synagogenoorsteher W. A. Menzel eingeweiht. Gegenwärtig versieht Herr Angelus Pick das Amt des Vorstehers und Herr Dav. Kopetzky sen. das des Synagogenvorstehers. Die Gemeinde, die über 2000 Seelen zählt, repartirt jährlich ca. 9000 fl. an Steuern und bezieht 2500 fl. für die Verpachtung ihres Badehauses. S chließen wir diese Skizze, die wir hoffentlich bald ergänzen werden, mit dem Segensworte Mosis: „Es mehre auch Gott tausendfach und er segne auch, wie er es verheißen" (5. B. Mos. 1. 11)! Nachtrag. Leipzig, 11. Febr. (Eingesandt.) Wie wir erfahren, hat die Vertretung der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig noch keine Entscheidung über die Besetzung des vacanten Amtes eines Schuldirectors und Hilfspredigers getroffen, worauf wir nicht verfehlen wollen, etwaige Reflectanten aufmerksam zu machen. 47) Vgl. Ritter, Geschichte der jüd. Reformation 111. T. 229 j.