Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1887)
- Date
- 1887-02-17
- Page
- Seite 107 (sequence 11)
- Language
- German
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107 aber bei allen Fragen weiß er einen Punkt, wo der Jude erschlagen wird. Richtig hat er auch hier wieder das jüdische Capital hineinzubringen gewußt (Türk will den Redner unterbrechen, wird aber von diesem mit den Worten abgewiesen: „Ich spreche zum Päsidium und lasse mich mit Herrn Türk in keine Conversation ein"), er hat die jüdischen Internationalen hineingebracht, uns Mangel an Liberalismus vorgeworfen und gesagt, „nichts als Phrasen sind von dieser Partei gekommen", und Lueger hat gerufen: „Bravo! ausgezeichnet!" Diese Herren sind die Letzten, welche vom Phrasendreschen reden sollten. Wenn diese beiden Herren (Türk und Lueger) all' das, was sie hier gesprochen haben, begründen und beweisen müßten, dann würde sich zeigen, wer leere Phrasen drischt. Ein Mitglied einer Partei, welche, wie Herr Türk, heute, hundert Jahre nach dem Erscheinen des Toleranz-Edikts, die Intoleranz auf ihre Fahne geschrieben hat, welche Ausnahmsgesetze für einzelne Confessionen schaffen will, hat am ersten das Recht verwirkt, uns Mangel an Liberalismus vorzuwerfen. (Lebhafter Beifall links.) Weiters brauche ich mich mit den Ausführungen dieses Mannes nicht zu befassen und erkläre nur, für die Zuweisung des Plenerschen Antrages an einen Ausschuß zu stimmen. Die Vorlage wurde hierauf einem Ausschüsse zur Borberathung zugewiesen und die Sitzung um 3 Uhr geschlossen. Der während der Rede Türk's von dem Abgeordneten Pattai gegen den Abgeordneten Wrabetz gerichtete Zwischenruf: „Wrabetz ist ein Jude und denkt wie ein Jude", führte »ach Schluß der Sitzung in den Couloirs zu einem heftigen Wortwechsel zwischen Wrabetz und Pattai. Als Wrabetz an! Pattai herantrat, schrie ihm Pattai in Gegenwart der Abgeordneten Meuger und Swoboda zu: „Sie sind ein so gemeiner und niederträchtiger Mensch, daß ich mich beschmutzen würde, wenn ich mich mit Ihnen abgeben wollte!" Abgeordneter Wrabetz erwiderte: „Sie werden mir wegen dieser Worte Rechenschaft geben!" Die anwesenden Abgeordneten riethen Wrabetz, diesen unqualificirbaren Angriff sofort in der schärfsten Form zurückzuweisen. Wrabetz lehnte dies jedoch mit Rücksicht auf die Würde des Parlamentes ab und behielt sich vor, gegen Pattai die entsprechenden Schritte einzuleiten und von ihm gebührende Satisfaction zu verlangen. Diese unerhörte, von Pattai provocirte Scene rief unter den deutsch-liberalen Abgeordneten die größte Entrüstung hervor. So äußerte sich Abg. Kraus zu dem Antisemiten Fiegl: „Es ist eine Schande, daß sich die Deutschen vor den Czechen und Polen so herumstreiten." Fiegl replicirte dem Abgeordneten Kraus: „Du Judenknecht! Diese unerquicklichen Skandalscenen dürften außerhalb des Parlamentes ein Nachspiel finden. Wie man vernimmt, wird Wrabetz den vr. Pattai beim Bezirksgericht anklagen, Pest, 7. Febr. Der antisemitische Abgeordnete Szemnecz wurde wegen Beleidigung eines Richters zu zweimonatlichem Gefängniß sowie zu einer Geldbuße verurtheilt. (Jeder Unbefangene muß sich doch nach den vielen Berurtheilungen von Antisemiten über den sittlichen Werth und den Bildungsgrad dieser Leute hinlänglich aufgeklärt finden!) Italien. Rom, 8. Februar. (Privatmitth.) Die Eröffnung des Collegio Rabbinico Italiano ist für das italienische Judenthum ein bedeutungsvolles Ereigniß. Italien war das erste Land, in welchem ein modernes Lehrinstitut für Rabbiner geschaffen worden; ihm folgte bald Frankreich (zuerst in Metz, dann in Paris), dann Deutschland, England, Ungarn und Amerika. In Italien war es unter der österreichischen Herrschaft in Padua errichtet, und wurden daselbst die meisten gegenwärtigen italienischen Rabbiner ausgebildet. Aber es ward insofern durch Zwang erhalten, als die jüdischen Gemeinden des lombardisch-venetianischen Königreichs die ihnen für dasselbe vom Staate auferlegte Beiträge zahlen mußten. Mit dem Augenblicke, wo die österreichische Herrschaft in Italien zusammenbrach, endete auch das Rabbinerseminar zu Padua, weil die genannten Gemeinden nicht für die des gesammten Italiens die Last tragen wollten und weil die Existenz der Gemeinden selbst durch das Aufhören jedes Staatszwanges erschüttert war. Das Bedürfniß einer solchen Lehranstalt für Rabbiner wurde immer gefühlt, denn woher sollten die Italiener ihre Rabbiner beziehen? Die italienischen Israeliten haben seit ältester Zeit der nationalen Bildung! sehr nahe gestanden; ihre geistigen Bedürfnisse sind deshalb ganz italienisch geartet, und so muß auch die Bildung der Rabbiner aus de>n nationalen Boden erwachsen. Es war aber schwierig, den Weg zur Schaffung eines neuen Rabbinerseminars zu finden und mehrfache Aufforderungen dazu fanden keinen Anklang. Um so mehr hat man den Männern in Rom zu danken, welche ihre Anstrengungen dieser Sache widmeten, namentlich dem Herrn Samuelo Alatri, der sich auch um die Neubildung der römischen Gemeinde so große Verdienste erworben hat. In einsichtsvoller Weise unternahm man es zuerst, eine Anzahl junger Leute dazu vorzubereiten, in einem solchen Institut ausgebildet werden zu können und hierin hat sich vr. M. Ehrenreich während einiger Jahre sehr verdient gemacht. Ueber die Eröffnung ist bereits in Nr. 5 berichtet worden. Jetzt liegt die von Herrn Alatri bei dieser Feierlichkeit (am lö. Januar) gehaltene Rede gedruckt vor und zeugt ebenso von dem Geiste und der tiefen Empfindung, wie von der Beredtsamkeit des Redners. Daß gerade ein Laie diese Weiherede gehalten, ist ein neues Zeugniß für jene Eigenart des Judenthums, einen Unterschied zwischen Geistlichen und Laien nicht zn 7*