Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1887)
- Date
- 1887-02-17
- Page
- Seite 106 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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106 halten und für außerhalb alles Streites liegend hätte ansehen müssen. Ich stehe nicht an, mich dafür zu verbürgen, daß alle Mitglieder der nationalliberalen Partei genau so denken und jedenfalls nur unter dieser Voraussetzung auf dem Boden derselben stehen können. Ich ermächtige Sie Ihrem Wunsche gemäß, von diesem Briefe jeden Ihnen gut scheinenden Gebrauch zu machen. Hochachtungsvoll und ergebenst Frankfurt, d. 3. Febr. 1886. I. Miguel. Dresden, 7. Febr. Hier hat kürzlich eine Deputation der Cartellgenossen den Versuch gemacht, den bisherigen Abgeordneten Hartwig zur Zurückziehung seiner Candidatur zu bewegen. Herr Hartwig hat aber unter Berufung auf das in Berlin abgehaltene Cartell in ablehnendem Sinne geantwortet. (Uebrigens ist der Baumeister Hartwig im Reichstage eine sehr harmlose Figur.) Aus Oberschlrsirn, 3. Febr., wird der „Voss. Zig." geschrieben: Die Frage, ob die infolge der generellen Ausweisung der aus Russjsch-Polen und Galizien eingewanderten Ausländer aus den polnischen Landestheilen Ausgewiesenen auch nicht mehr mit einem ordnungsmäßig ausgestellten Passe nach Preußen zurückkommen dürfen, wird in Kattowitz nächstens zur gerichtlichen Entscheidung kommen. Ein Buchbinder (ein Jude), der in Kattowitz fast zwanzig Jahre gewohnt, sich dort mit einer Kattowitzerin nach jüdischem Ritus verheirathet und mit ihr fünf Kinver erzeugt hat, war im vergangenen Jahre ausgewiesen, seine Familie aber zurückgeblieben, da nach preußischem Gesetz die Frau ihre Staatsangehörigkeit durch eine nicht standesamtlich vollzogene Ehe nicht verliert. Jetzt ist der Mann mit einem Passe von Oswicim ausgestattet wiedergekommen, um Frau und Kinder zu sehen und ihnen Geld zu bringen. Die Polizei ließ ihn gleich am nächsten Morgen verhaften und vor den Amtsrichter führen, der seine Freilassung anordnete. Die Polizeiverwaltung aber will sich dabei nicht beruhigen, hat den Paß zurückbehalten, den Buchbinder ausgewiesen und will Anllage wegen unbefugter Wiederkehr erheben. Oesterreich -Ungarn. Wien, 4. Febr. Nach dem Vorgang im ungarischen Abgeordnetenhause, über welchen in Nr. 6 d. Z. berichtet worden, konnten die Antisemiten im österreichischen Reichsrathe nicht ruhen, bis sie eine gleiche Scene abgespielt hatten. Um einen Anknüpfungspunkt sind diese Leute niemals verlegen, da es ihnen nur auf Skandalscenen ankommt, auf Anstandsgesühl sie keinen Anspruch erheben, es für sie deshalb gar keinen Gegenstand giebt, bei welchem sie nicht ihre Hetzphrasen anöringen könnten. Doch muß auf einen Ümstand aufmerksam gemacht werden. Früher fanden diese Leute, wenn sie ihre Galle über die Juden ergossen hatten, von den anderen Seiten des Hauses nur Gelächter. Man ist aber dessen überdrüssig geworden, und antwortet jetzt in nachdrücklicher Weise und setzt die Antisemiten auf den Sand. Es geschieht dies nicht durch einen Abgeordneten jüdischer Religion, sondern durch einen christlichen, was jenen natürlich um so empfindlicher ist. Im Reichsrathe wurde über den Antrag, Arbeiterkammern zu errichten, verhandelt. Da nahm der Antisemit Türk das Wort, um mit dem Aufgebote seiner ganzen Lungenkraft eine von den heftigsten Jnvectiven gegen den Abg. Plener strotzende Rede vom Stapel zu lassen. Der größere Theil des Hauses nahm diesen Speech mit Gelächter auf. Er macht Plener für die Vermehrung des Judenthums, für den wirthschaftlichen Ruin Oesterreichs, für die angeblich nationale Entmannung der Deutschen in Oesterreich u. s. w. verantwortlich. (Abgeordneter Pattai ruft dazwischen: „Wrabetz lacht! Wrabetz denkt wie ein Jude, darum lacht er!") Heute werde Plener noch als nationaler Heros gefeiert; bald werde er aber aufhören, dem deutschen Volke zu imponiren. Plener sei ein Gesinnungsgenosse Bamberger's und Richter's, jener Partei, welche dem größten deutschen Staatsmanns in so schmählicher Weise Prügel zwischen die Füße werfe. Plener war ungerechter gegen das deutsche Volk als Gregr, der gewiß ein Feind des deutschen Stammes ist. Und doch hat Herr Gregr zugegeben, daß es in Deutschland mit der socialen Gesetzgebung anders bestellt sei als in Oesterreich. Herr v. Plener aber wirft Deutschland und Oesterreich in einen Topf. Bismarck zählt ihm nicht einen Heller mehr als die Socialpolitiker in unserem Cabinet und auf unserer Rechten — ist das deutsch-national gedacht? (Abg. Richter unterbricht den Redner und ruft ihm zu: „Wenn Gesinnungsgenossen in Böhmen mit den Czechen wählen, ist das national?" — Türk wird verlegen und stammelt einige unverständliche Worte hervor.) Die größten Feinde des deutschen Volkes sind die Mitglieder der Manchester-Partei, welche geradezu vaterlandsverrätherisch genannt werden müsse. Nach dieser Declamation erklärt schließlich der Redner, für die Arbeiterkammern zu stimmen. Hierauf nahm Abgeordneter Wrabetz das Wort, um in ruhiger und schlagfertiger Weise die Angriffe des Vorredners zurückzuweisen. Eine eigenthümliche Empfindung beschleicht mich, sagte Redner, wenn ich den Herrn Türk höre. Das hohe Haus wird oft mit einem Theater verglichen. Die Ausführungen Türk's erinnern mich an ein Sommer-Bolkstheater im Prater, in welchem zum Schluffe immer wieder der Jude todtgeschlagen wird. (Heiterkeit.) Es giebt kein Thema in diesem Hause, bei welchem Türk nicht mitspricht, er spricht überall mit, er hat Alles „studirt", (Heiterkeit)