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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-02-17 · Heft 7 (17.2.1887) · p. Seite 105

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 7 (17.2.1887)
Date
1887-02-17
Page
Seite 105 (sequence 9)
Language
German
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105 schrittliches Drachengift verwandelt hätten. Wäre die „Post" vollständig orientirt, kennte sie so genau wie wir die neuesten Protectoren der „Berliner Bewegung", sie würde uns Recht geben. Wie leicht könnte ein einziges unbedachtes Wort Stöcker's in antisemitischem Sinne die freigebige Hand wieder schließen, die sich soeben erst bereitwillig geöffnet hat." (!!!) — Der Schlußsatz des Artikels der Kreuzzeitung wird von den Blättern so ausgelegt, als ob die Action der Berliner Cartellparteien mit semitischem Gelde bestritten würde. Die „Berliner Volkszeitung" fragt: „Duldet das der Ehrgeiz des Herrn Rudolf Herzog?" Diese Frage scheint uns ungeeignet, denn Rudolf Herzog hat sein Geld für die Antisemiten, nicht gegen sie hergegeben. Berlin, 9. Febr. (Privatmitth.) In der „Christlichsocialen Partei" herrscht eine große Niedergeschlagenheit. Am vorigen Freitag hielten der Vorstand und die Obmänner derselben eine Sitzung, in welcher Stöcker und Pros. Wagner Vorträge hielten, nach denen man beschloß, sich an der Wahlagitation diesmal gar nicht zu betheiligen. Man erinnere sich, welchen Lärm die genannten Männer mit ihrer Partei bei den letzten Wahlen zum Reichstage, Abgeordnetenhause und der Stadtverordnetenversammlung, gemacht, wie sie sich gerühmt haben, die „Berliner Bewegung" hervorgerufen zu haben und zu leiten und daß diese ohne sie sofort aufhören werde, um die Niederlage zu begreifen, die sie jetzt erlitten und die ihnen nachgerade selbst zum Bewußtsein kommt. Sobald die Wahlen vorüber sind, so trösten sie sich, wollen sie wieder agitiren. Hierbei macht sich schließlich der Beschluß als ein weiteres Zeichen der Schwäche bemerklich: „die Elemente, die sich jetzt als nicht treu zur Fahne der Partei stehend erwiesen haben, vor die Frage zu stellen, ob sie ihren Wankelmuth aufgeben oder die Partei verlassen wollen" — d. h. die Partei wird sich als sehr stark zusammengeschmolzen erweisen. — In der Sitzung des preußischen Abgeordnetenhauses vom 8. Februar wurde u. A. über die erfolgten Ausweisungen gesprochen. Bei dieser Gelegenheit bemerkte der Minister des Innern v. Puttkammer, daß 28,960 Menschen ausgewiesen worden, über deren Religionsverhältnisse keine Angabe gemacht werden könne, da diese garnicht berücksichligt worden seien, sondern nur die Nationalitätsverhältnisse. Die Behauptung antisemitischer Blätter, die Ausweisung sei besonders gegen die Juden gerichtet gewesen, ist somit für immer zurückgewiesen. — In dem Kampfe der Parteien gilt es nicht immer, die Principien festzuhalten, sondern vorzugsweise die Obmacht zu gewinnen. So kommen in der gegenwärtigen Wahlbewegung eigenthümliche Erscheinungen zu Tage. Das Blatt hat sich gewendet. Bei den letzten Wahlen stützte sich die conservative Partei auf die Antisemiten und übertrug diesen die Agitation, um judengehässige Volkselemente für sich zu gewinnen. Dies schlug fehl, und gerade Ludwig Löwe und Straßmann wurden gewählt. Diesmal stößt sie die Antisemiten von sich und stützt sich auf die Juden, wie man in den freisinnigen Blättern sagt, auf einige jüdische Finanzgrößen, welche wegen der Antisemiten früher ihre conservative Gesinnung zurückgehalten hätten. Für Agitatoren ist dies sehr lehrreich. Die Antisemitenführer ziehen sich grollend in den Winkel zurück, und man kann sich denken, was dabei in dem Herzen Stöcker's vor sich geht! Prof. Wagner hat aber jüngst bei den Wahlen in die k. Academie der Wissenschaften die Kränkung erlebt, in dieselbe — nicht gewählt worden zu sein, sondern Schmoller. Man weiß ja, wenn solche Agitatoren, die an sich geringen Gehalt haben, von der Sonne der Gunst nicht mehr beschienen werden, wie schnell sich ihre Anhänger verlieren. — Im zweiten Wahlbezirke ist, Virchow gegenüber, der Rechtsanwalt W. Wolff aufgestellt worden. In seiner Candidatenrede prvtestirte er gegen die Behauptung, daß er „Judenhetze" getrieben, da er „die Judenfrage ganz objectiv" behandelt habe. Man weiß, was dies bei einem Freunde Stöcker's zu bedeuten hat. — Stuttgart, 9. Febr. (Privatmitth.) Vermöge Entschließung des Kgl. Ministeriums des Kirchen- und Schulwesens vom 5. d. M. wurde das Rabb. Buchau dem Rabbiner Laugheimer in Buttenhausen übertragen — Von der Arbeiterpartei wurde für den 10. württ. Wahlkreis als Reichstagscandidat Schriftsteller I. Stern von hier, früher Rabbiner in Buttenhausen, aufgestellt. Neuwied, 7. Febr. Die „Neuwieder Zeitung" enthält Folgendes: Nachstehendes Schreiben des Herrn Oberbürgermeisters vr. Miguel in Frankfurt a. M., eines der hervorragendsten Führer der nationalliberalen Partei, an einen unserer israelitischen Mitbürger, welches uns freundlichst zur Verfügung gest.ll: wird, verdient umsomehr in den weitesten Kreisen bekannt zu werden, als es geeignet ist, gehegte Befürchtungen zu beseitigen. Das Schreiben lautet in seinem Wortlaute, wie folgt: Sehr geehrter Herr! In ergebener Erwiderung auf das gefällige Schreiben vom 2. d. Mts. bestätige ich gern Ihre Auffassung, daß meine Versicherung in Neustadt, daß ich und alle meine politischen Freunde, wie zu allen Zeiten, so auch in der Zukunft selbstverständlich für die volle Gleichberechtigung aller Confessionen eintreten würden, natürlich sich auch auf die israelitischen deutschen Staatsbürger bezog. Gerade mit Rücksicht auf die antisemitischen Agitationen hielt ich es für nothwendig, noch ausdrücklich einen Satz ouszusprechen, den ich sonst für ein längst erworbenes Gemeingut aller Deutschen

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