Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1887)
- Date
- 1887-02-17
- Page
- Seite 98 (sequence 2)
- Language
- German
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§8 dem historischen Umstande, daß die Juden, nachdem sie von den christlich-römischen Kaisern im 4. Jahrhundert aus dem ganzen öffentlichen Leben ausgestoßen wurden und sich dies mit den Kreuzzügen bis zum äußersten Maße steigerte, mit der Politik nichts zu schaffen hatten. Mag immerhin dieser und jener Fürst einen „Hofjuden" gehabt haben, der seinen financiellen Verlegenheiten abzuhelfen hatte und auf diese Weise mit den politischen Verhältnissen vertraut sein mußte, so waren dies doch nur geringzählige Ausnahmen. Sonst nahm der Jude in seinem Ghetto von den politischen Ereignissen keine Notiz, so weit er nicht von ihnen schwer betroffen wurde und das jeweilige Regiment sich ihm nicht in Härte oder etwas Milde fühlbar machte. Und ist dies nicht jetzt noch in den östlichen und morgenländischen Staaten der Fall? Was mag wohl der Jude von Jspahan und Bagdad und in den polnischen und russischen Städten von Politik wissen, mit Ausnahme derer seiner Glaubensgenossen, welche europäische Bildung erwarben, was allerdings je weiter wir nach der Ostgrenze europäischer Cultur kommen, bei immer mehreren Individuen der Fall ist. Eines freilich hatten die Juden bei aller Knechtung, die sie erfuhren, voraus: sie waren keine Sclaven und keine Leibeigenen. Titus freilich verkaufte einige hunderttausend Juden nach dem Falle Jerusalems als Sclaven. Diese lösten sich entweder wieder ab oder starben mit der Zeit aus, da weiterhin dieses Loos sie nicht traf. Dies und das Selbstbewußtsein, welches ihnen ihre Religion einflößte, hielt sie aufrecht; das Berhängniß, das sie traf, erklärten sie sich als aus dem „Golus", dem Exil fließend, das einmal aufhören werde, und so erhob sich nach jeder Demüthigung der Geist des Juden immer wieder über sein Geschick. Eines müssen wir noch hervorheben. Die Juden hatten aus dem freien Boden, den sie verlassen mußten, Etwas mitgenommen, was sie bei allen Engnissen und Bedrängnissen von Außen unter sich bewahrten — das Gefühl der Gleichheit. Dieses erhielt sich durch alle folgende Zeit in ihrer eigenen Gemeinschaft. Bon außen her störte man sie gewiß nicht darin: man behandelte sie eben alle in gleicher Weise. Die einzigen Motive, einander höher zu schätzen, waren die Gelehrsamkeit und die Frömmigkeit. Allerdings erkannten sie dem Reichen einen gewissen Vorrang zu, jedoch nur individuell, und jeder Jude glaubte ebenso viel Anrecht auf Besitz zu haben wie der Andere, und nur die Fügung bestimme es so. So blieb das Gefühl der Gleichheit unter einander in ihnen lebendig. — Nun, mit der Zeit, in welcher sie der europäischen Cultur näher traten, einer Zeit, wo zugleich in den politischen Ansichten und Verhältnissen die große Umwandlung eintrat, mit welcher alsbald die Anerkennung der Gleichberechtigung aller Staatsangehörigen, also auch der Juden, erschien, änderte sich die Lage der Dinge gänzlich. Von dieser noch jungen Zeit an haben die Juden allerdings ein gemeinschaftliches Ziel, nämlich die staatsbürgerliche Gleichstellung zu erlangen und, wo sie ihnen geworden, sie zu bewahren. Dies ist, abgesehen von der Erhaltung ihrer Religion, das einzige politische Moment, worin sie Alle übereinstimmen und übereinstimmen müssen. Wer könnte ihnen dies verdenken? Wer wird es nicht von selbst vvraussetzen? Liegt doch hierin ihr und ihrer Familie Wohl. Und vom höheren Standpunkte aus ist es ja sogar ihre staatsbürgerliche Pflicht. Mit den Rechten, die ihnen die Gleichstellung giebt, übernehmen sie ja auch die vollen Pflichten derselben. Der moderne Staat kann des Fundamentes der Gleichstellung theoretisch und praktisch nicht entbehren. Hiermit aber ist auch das Streben, die Gleichstellung zu erlangen und zu erhalten, identisch. Bon diesem Standpunkte aus wird auch die politische Ansicht und Partei für die Juden bestimmt. Allein den liberalen Ideen der Neuzeit haben sie ihre gegenwärtige Stellung in der Gesellschaft zu verdanken. Sind diese in einem Staate so fest eingewurzelt, daß auch die conservativeste Partei nicht mehr an der Gleichstellung zu rütteln und zu Ausnahmegesetzen zurückzukehren vermag: so ist es natürlich, daß die jüdischen Individuen ihrem persönlichen Bildungsgang überlassen sind, und so unter ihnen die verschiedensten Parteiansichten Platz greifen werden. Steht es aber in einem Staate so, daß die reactionären und liberalen Ideen noch mit einander kämpfen, bald jene, bald diese die Oberhand gewinnen und die Juden sich immer wieder in ihrer Gleichstellung bedroht finden: so ist es ebenso natürlich, daß sie sich nach links gedrängt fühlen und mit geringer Ausnahme der liberalen Partei sich zugesellcn. Es ist dies die Folgerichtigkeit der Thatsachen. In jenen Ländern, wie England, Frankreich, Holland werden sich die Juden nach ihrer individuellen Neigung allen Parteien zuwenden, da keine derselben ihre staatsbürgerliche Existenz gefährdet. Wer aber in Deutschland und Oesterreich die Ziele der Conscrvativen kennt, und sie machen ja kein Geheimniß daraus, oder in Italien die Tendenz der Klerikalen — der wird sich nicht im Geringsten wundern, daß die Juden sich von der Gemeinschaft mit den Conservativen abwenden und zur liberalen Partei stehen. Wo man so entschieden mit den Antisemiten Gemeinschaft gemacht hat und macht, wo man für Stöcker und Genossen bei den Wahlen eintritt und auch die Nationalliberalen zwingt, für diese zu stimmen — da kann man sicherlich nicht glauben, daß sich die Juden ihren Gegnern anschließen werden. Haben sich erst auch in Deutschland die Verhältnisse geklärt und ist die Gleichstellung als Fundament des modernen Staates so gesichert, daß jede Erschütterung desselben als unmöglich und es von jeder Partei als unantastbar anerkannt ist, so erlangt auch das jüdische Individuum die Freiheit, seinen inneren politischen Neigungen zu folgen.