Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1887)
- Date
- 1887-02-17
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein mi-arteiischcs Organ siir alles jüiiischc Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. GspeHition: Leipzig, Wotzplrrtz 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Or. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 51. Jahrgangs Leipzig, den 17. Februar 1887. Nr. 7. Itihdlt. Leitende Artikel: Die politischen Ansichten der Juden. — Die Trennung von Staat und Kirche. — Provinzialverband und Schulinspection. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Stuttgart, Neuwied, Dresden, Aus Oberschlesien. — Oesterreich- Ungarn: Wien, Pest. — Italien: Rom. — Rußland: Warschau. — Großbritannien: London. — Spanien: Madrid. — Bonn: Notizen. — Berlin: Historische Notizen. — Feuilleton: Skizze zur Geschichte der Juden in Teplitz (Böhmen). Nachtrag: Leipzig. £ett-eviSe ÖUi'ilUf. Bonn, 9. Februar. Die politischen Ansichten der Juden. „Warum haben die Juden allesammt dieselben Politischen Ansichten, gehören der liberalen Partei an? Wie ist dies zu erklären, da wir sonst in allen Menschenstämmen, in welchen man Politik treibt, die mannigfaltigsten Nuancirungen der politischen Meinungen in jeder Menschenmenge finden?" So fragte uns vor Kurzem ein recht billig denkender Christ. Die Voraussetzung, lautete die Antwort, ist nicht ganz richtig. Es kommt eben auf das Land und die Verhältnisse an. In England haben Sie unter den Parlamentsmitgliedern jüdischer Religion mehrere, welche der conservativen Partei angehören und zugleich den lebhaftesten Eifer für ihre Religion bekunden, wie Lionel L. Cohen, Henry de Worms; im preußischen Herrenhause saßen zwei conservative Juden Wilhelm Beer und Baron von Rothschild, und der jüngst verstorbene Karl v. Rothschild gehörte als Mitglied des deutschen Reichstages der conservativen Partei an; Fvuld war Finanzminister Napoleon III., und wie viele (z.B. Senator Benjamin) man noch hierfür anführen könnte. Allein im Ganzen und Großen will ich die Richtigkeit JhrerAnnahme nicht verkennen, nur daß auch hierin Verschiedenheit herrscht, denn wir haben in Deutschland Juden in der nationalliberalen, in der deutschfreisinnigen und in der socialistischen Partei, und dies würde sich auch im Reichstage rind in den deutschen Landtagen zeigen, wenn gegenwärtig überhaupt die Juden Aussichten hätten, in diese gesetzgeberischen Körperschaften gewählt zu werden. Die Antisemiten gehen freilich noch weiter und stellen ihren Gleichgesinnten das Phantasmagora auf, die Juden seien allesammt verbunden, um nach der Weltherrschaft zu streben. Es ist dies zu lächerlich, um ein Wort darüber zu verlieren, und doch finden sie bei einsichtslosen und ängstlichen Personen Glauben! Doch fassen wir den Gegenstand näher ins Auge. Es giebt keine Stammesgenossenschaft, welche so wie die Juden unter den mannigfaltigsten Regimenten, unter den verschiedenartigsten Staatsverfassungen gelebt hätte. In ihrem eigenen Lande genossen sie der freiesten politischen, gesetzlich geordneten Verfassung, wie schon so oft nachgewiesen worden, daß wir es als anerkannt voraussetzen können. Dann aber bestanden sie gleichermaßen unter den asiatischen Despotieen, unter dem gesetzlich geordneten Absolutismus der Ptolemäer und Seleuciden, unter der Willkürherrschaft der römischen Cäsaren, unter der mittelalterlichen Feudalherrschaft und in allen Phasen der neueren modernen Staatsgesellschaft. Ueberall haben sie sich als treue und gehorsame Unterthanen bewährt und in all' den zahllosen Verschwörungen gegen die bestehenden Staatsverfassungen und die jeweiligen Herrscher weist die Geschichte kein Beispiel von jüdischen Mitverschworenen auf. Wenn in der neuesten Zeit Juden unter den russischen Nihilisten befunden werden, so ist es nach der Lage der Dinge, nach dem außerordentlichen Druck, dem sie in den osteuropäischen Ländern unterworfen sind, nur zu verwundern, daß die Zahl der jüdischen Nihilisten so gering ist. Jndeß erklärt sich jene Thatsache ans?