Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1887)
- Date
- 1887-02-10
- Page
- Seite 92 (sequence 12)
- Language
- German
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92 Rußland. Aus Südrußland, im Januar. Das Verbot, Juden in Notariats-Comptoirs anzustellen, hat der „Now. Wr." zufolge iin Süden Rußlands zu verschiedenen Wirren Veranlassung gegeben und Mißlichkeiten hervorgerufen. Im Bezirk des Odessaer Gerichtshofes z. B. dienen über 600 Juden in Notariats-Comptoiren und spielen, wie es sich jetzt erweist, in der Thätigkeit dieser Comptoire eine sehr wichtige Rotte. Die meisten Notare erklären es für unmöglich, in kurzer Zeit ihr jüdisches Personal durch Christen zu ersetzen, und, sie haben deshalb zuständigen Orts darum nachgesucht, daß ihnen eine Frist von einem Jahre bewilligt werden möge, um die erwähnte Verordnung in der Praxis durchführen und ihre neuen Beamten an den Dienst gewöhnen zu können. Rumänien. Bukarest, Ende Januar. (Privatmitth.) Endlich ist unter den vielen Handlungen der Intoleranz, die sich unsere regierende» Kreise gegen die israelitischen Einwohner dieses Landes zu Schulden kommen lassen, einmal ein erfreuliches Ereizniß zu verzeichnen. Das Amtsblatt (Monitoral Oficial) >»m 1./13. Januar enthält ein Rundschreiben des Ministers des Cultus und Unterrichtes an die Directoren resp. Directrieen aller Volks- und Mittelschulen, welches die Frage der Erlaubniß für jüdische Schüler und Schülerinnen, zu ihren Festen den Unterricht zu versäumen, zu regeln bestimmt ist. Der Minister beruft sich dabei auf die Freiheit der Religions- Übung, wie die rumänische Verfassung sie gewährleistet hat; und in der That ist die Verordnung in liberalem Sinne abgefaßt. Folgende sind die Feiertage, an denen die jüdischen Schüler und Schülerinnen grundsätzlich von dem Unterrichte dispensirt sind: 1. Die zwei ersten und zwei letzten Tage des Passah; 2. die zwei ersten und zwei letzten Tage von Succoth; 3. die zwei Tage Schebuoth; 4. die zwei Tage Rosch-haschanah; 5. zwei Tage für Jomkippur; 6. ein Tag für Tischah-beab. Hoffen wir, daß dieses lobeusiverthe Rundschreiben kein todter Buchstabe bleibe! Wird es getreulich beobachtet, so wird es sicher den öffentlichen Schulen eine große Anzahl jüdischer Kinder zuführen, die bis dahin aus religiösen Rücksichten ihnen fern geblieben sind, und so zur intellectuellen Hebung der israelitischen Jugend sowie zur weiteren Ausfüllung der Kluft zwischen den verschiedenen Religionsbekenntnissen dienen. Möchte es zugleich ein Vorzeichen dafür sein, daß für unsere vielgeprüften Glaubensgenossen in Rumänien bessere Zeiten anbrechen! — n. Serbien. Belgrad, den 26. Januar. (Privatmitth.) Der serbische Cultusminister wendet jetzt der ordnungsmäßigen Organisation des israelitischen Cultus seine volle Aufmerksamkeit zu und sind bereits Schritte gethan, um endlich die Constituirung von Kirchengemeinden zu ermöglichen. Es sind deren 41 in Aussicht genommen; gewiß ein bemerkenswerthes Factum in einem Lande, wo die Gleichberechtigung der Culten erst seit dem Berliner Congresse besteht. Palästina. Stuttgart, im Januar. Die zuverlässigsten Nachrichten über die allgemeinen Verhältnisse und Zustände in Palästina erhält man aus den deutschen Colonien, welche die sogenannte „Tempelgemeinde," eine christliche württembergische Sekte, liefert, denn deren Berichte rühren nicht von flüchtigen Reisenden her und stammen aus praktischen Beobachtungen. Ausführliche Auszüge liefern deshalb die „schwäbische Kronik" und das neue Stuttgarter „Tageblatt," und hieraus wollen wir die uns besonders interessirenden Stellen entnehmen. 1. Witterungsverhältnisse und Naturerscheinungen. Der Winter von 1885 auf 1886 war ein sehr milder. In den 2 ersten Monaten desselben, November und December, ist gar kein Regen gefallen. Januar und Februar haben Regen gebracht, der aber für die Saatfelder nicht genügend war, weshalb Angst vor Mißwachs um sich griff. Diese verschwand, als in der letzten Februarwoche 7 Tage lang ohne Unterbrechung kräftige Regengüsse fielen. In Folge dessen flössen überall Bäche und die Zisternen in der Stadt wurden bis oben an, ja bis zum Ueberfließen gefüllt. Am reichlichsten floß die Kidronquelle in der Nähe des Hiobsbrunnens. Da am Sonntag den 28. Februar der Himmel sich aufgeklärt und eine warme Frühlingssonne sich eingestellt hatte, zog an diesem Tage alle Welt nach dem untern Hinnomthale, um sich an dem Anblick des strömenden Wassers zu weiden. An die Stelle der Angst vor Mißwachs trat nun Hoffnung auf eine gute Ernke. Diese Hoffnung sank aber bald wieder, da der alles schnell auftrocknende Sirocco zu häufig sich einstellte. Von Naturerscheinungen hat sich am Abend des 26. Mai zwischen 8 und 9 Uhr die in Palästina sehr seltene Erscheinung eines Nordlichts in einer auffallenden Gestalt gezeigt. Ueber dem nördlichen Rande des Horizonts erhob sich mit einer zu- und abnehmenden Helle bald da bald dort ein strahlendes Leuchten gerade an solchen Stellen, wo der Himmel klar und von dunkelm Gewölke befreit war. Im vergangenen Jahr war über die merkwürdige Naturerscheinung eines massenhaften Sternschnuppenfalls zu berichten. Einen genauen monatlichen Wetterbericht hat wiederum Lehrer Dück zu Jerusalem in der Warte des Tempels geliefert. —