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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-02-10 · Heft 6 (10.2.1887) · p. Seite 90

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 6 (10.2.1887)
Date
1887-02-10
Page
Seite 90 (sequence 10)
Language
German
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90 Der Thätigkeitstrieb des Herrn Bamberger hat sich auch noch nach einer anderen Richtung hin Luft gemacht und wahrhaft Unglaubliches zu Tage gefördert. Am israelitischen Lehrerseminare zu Würzburg sollte, wie an allen andern Lehrerseminarien, der Musikunterricht einen obligatorischen Lehrgegenstand bilden. Dies scheint Herr Rabbiner Bamberger als eine Gefährdung des Seelenheiles seiner Seminaristen betrachtet zu haben; denn er eilte vor einigen Tagen nach München, um persönlich bei dem Herrn Cultusminister durchzusetzen, daß die Musik von seinem Seminare verbannt bleibe. Ob dies aber für die Zukunft der dort ausgebildeten Seminaristen, welche doch meist Lehrer- und Cantorstellen zu bekleiden haben werden und für die Zukunft der Anstalt selber ersprießlich ist, kann füglich dem Urtheile des Lesers überlassen werden. Wir werden der Versuchung nicht widerstehen können, demnächst die Verhältnisse der Würzburger Gemeinde kritisch zu beleuchten. Es wird da manches Unerfreuliche zu Tage treten, an dessen Beseitigung Herr Bamberger seine Thatkraft wohl in ersprießlicherer Weise üben könnte. München, 23. Januar. Die Einweihung der von Alb. Schmidt erbauten neuen Synagoge, bisher für den Herbst in Aussicht genommen, ist nach nunmehr erfolgtem Beschluß der israel. Cultusgemeinde - Verwaltung auf den 29. Mai (Beginn des israel. Wochenfestes, k. Pfingstsonntag) festgesetzt worden. Damit im Zusammenhänge steht der Beschluß der Stadtbaubehörden, daß das gegenüber der Synagoge befindliche, von der Künstlergesellschaft „Allotria" benutzte Haus bis April d. I. niederzulegen ist. Breslau, 1. Febr. (Privatmitth.) Das hiesige jüdischtheologische Seminar hat seinen 32. Jahresbericht ausgegeben. Für eine wohlorganisirte Lehranstalt mit ihrem bewährten Lehrkörper gehen die Jahre meist ohne bemerkenswerthe Zwischenfälle vorüber. So auch hier. Tie Zahl der Hörer ist gegenwärtig 41, und giebt so auch ihrerseits ein Zeugniß, daß das Studium der wissenschaftlichen jüdischen Theologie an Jüngeren in vollem Wachsthum ist. Dem Bericht geht das 2. Heft von „Reime und Gedichte des Abraham Jbn Esra von vr. David Rosin" voran. Marburg, 27. Januar. Was in Nr. 20 der „Fankf. Ztg." als wahrscheinlich bezeichnet wurde, hat sich nunmehr bestätigt: die Reichstagscandidatur des antisemitischen Agitators vr. Böckel hier wird nicht nur in der vor einigen Tagen hier ausgetheilten Probenummer des von demselben redigirten und verlegten, aber in Kassel gedruckten neuen Antisemitenblattes, das den stolzen Titel „Reichsherold" führt, proklamirt, sondern auch in einem „Der Wahlausschuß der deutschen Antisemitenpartei in Hessen" Unterzeichneten und gestern vertheilten Wahlaufruf wird zu dessen Wahl aufgefordert und sein Programm veröffentlicht. In dem Programm versprich! Böckel u. A. auch „für Aufhebung der Judenemanzij pation und Schaffung von Fremdenrechten für die Juden" einzutreten. (Aus wie viel Mann die Partei des vr. Böckel besteht, ist allerdings bis jetzt nicht erkennbar.) Aus Württemberg, 23. Jan. (Privatmitth.) Württemberg zählt nach der neuesten Volkszählung 1,377,805 evangelische, 598,223 katholische und 13,171 jüdische Bewohner. Die Zahl der letzteren ist um 160, also um 1,2 pCt. zurückgegangen, während sie 1875—80 um 3,5 pCt. und 1871— 75 um 5,2 pCt. zugenommen hatte. Unter 1000 Einwohnern befinden sich 690,6 Evangelische, 299,8 Katholiken und 6,6 Israeliten. Infolge einer Anordnung der Kgl. Israel. Oberkirchenbehörde wird in das sabbathliche Gebet für die Kgl. Familie eine besondere Fürbitte für die deutsche Heeresmacht ausgenommen, also lautend: „Deiner Gnade und beschützenden Obhut empfehlen wir auch die gesammte deutsche Kriegsmacht zu Wasser und zu Lande. Rüste sie aus mit Muth und Stärke, denn in Deiner Hand ist Kraft und Macht." (Der oben erwähnte, wenn auch geringe Zurückgang der jüdischen Bevölkerung ist aus der immer noch wachsenden Auswanderung zu erklären. Auch die Gesammtbevölkerung Württembergs weist seit der vorletzten Volkszählung einen nur sehr geringen Zuwachs nach und in einigen Landschaften dieses Staates ist die Bevölkerung zurückgegangen, was lediglich der starken Auswanderung zuzuschreiben ist, wie der statistische Nachweis bezeugt. Redaction.) Luxemburg. Luxemburg, 25. Januar. (Eingesandt.) Die Mittheilung über meinen Proceß gegen vr. Lehinann, welche die Allgemeine Zeitung des Judenthums in ihrer Nummer 4. d. d. Mainz den 14. Januar veröffentlicht, bedarf der Berichtigung. Ich habe von Allem, was das ultramontane antisemitische „Luxemburger Wort" und nach demselben der „Israelit" und die „Archive Israelites“ mir zur Last legen, kein Wort in nieinem Vortrage gesagt, und kann ich also auch Nichts behauptet haben, was im Entferntesten einer Verleugnung des Judenthums gleichkommt. Mein Vortrag hat nur die Insinuationen einer preußischen Loge zu widerlegen gesucht, welche behauptete, daß ein Jude nicht Mitglied der Loge sein könne. Gegen das durch seine clerical-antisemitischen Hetzereien berüchtigte „Luxemburger Wort" hielt ich es unter meiner Würde, gerichtlich vorzugehen; ebensowenig wollte ich mich mit Herrn Progue, der nach dem Beispiele und auf die Autorität des „Luxemburger Wort" meinen Vortrag in böswilliger Weise in den „Arobives" entstellte, näher einlassen, nachdem dieser meine ihm zugegangene Berichtigung nicht wortgetreu wiedergegeben. Der Gerichtshof in Mainz, dem

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