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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-02-10 · Heft 6 (10.2.1887) · p. Seite 89

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 6 (10.2.1887)
Date
1887-02-10
Page
Seite 89 (sequence 9)
Language
German
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89 ein beschränktes, aber nicht individuelles JnteresK besitzt, für welche nicht ein Verein besieht. Namentlich ist dies zum Zwecke geselliger Vergnügen der Fall. Ein solches Bedürfniß ist, sollte man meinen, kein gutes Zeugniß für die Gesellschaft, da es aus dem Mangel an Befriedigung der Geselligkeit entspringt. Unter Anderem bildeten die ehemaligen Schüler jeder höheren Lehranstalt einen Verein, z. B. jedes der hiesigen Gymnasien, und so hat sich auch ein Verein der ehemaligen Schüler der Horwitz'schen Lehranstalt (der jüdischen Gemeindeschule und des jüdischen Seminars) gebildet und besteht seit drei Jahren. Am 2. Februar will er sein drittes Stiftungsfest feiern. Der Reinertrag fließt zu der Stipendienkasse, welche der Verein gestiftet. Wer erwägt, wie gegenwärtig aller Orten katholische und evangelische Jünglings- und Jungfrauen-Vereine, katholische und evangelische Gesellen-Vereine und Herbergen gegründet sind und werden, von denen also eo ipso die jüdische Jugend ausgeschlossen ist, wird gegen den obigen Verein gewiß nicht den Einwand confessioneller Absonderung erheben. Die Thatsachen wiegen in der Menschenwelt schwerer als alle Theoremata. Berlin, 30. Januar. (Privatmitth.) Das „Statistische Jahrbuch der Stadt Berlin" bringt zum ersten Male über die vor dem hiesigen Landgerichte verhandelten Ehescheidnngssachen genauere Mittheilungen. Hiernach sind von 1880 - 1884, also in diesen fünf Jahren in 3167 Fällen auf Scheidung erkannt worden. Unter diesen waren 2502 rein evangelisch, 14 rein katholisch, 8 dissidentisch und 26 jüdisch. Bekanntlich läßt die katholische Kirche keine Ehescheidung zu, weshalb so wenige katholische Ehescheidungen. Die obigen Zahlen geben für die bei den Juden heimische Heilighaltung der Ehe ein rühmliches Zeugniß. Es kommen gegenwärtig auf die jüdische Bevölkerung Berlins 4,6 pCt. der Gesammtbevölkerung, auf die Ehescheidungen aber nur 0,8 pCt., also nicht einmal ein Ganzes, sondern 4/5 pCt. Bemerkenswerth ist aber, daß in demselben Zeitraum 10 christlich-jüdische Mischehen geschieden wurden. Bei der verhältnißmäßig geringen Zahl christlich-jüdischer Mischehen bedeutet dies eine sehr große Zahl, und bezeugt wenig die Haltbarkeit solcher Ehen. — Sicherem Vernehmen nach hat Cremer auf seine Candidatur in Berlin verzichtet. Es kann ihm dies nicht allzuschwer geworden sein, da er doch sicher durchgefallen wäre. Wahrscheinlich hat man ihm einen andern Sitz versprochen. Leipzig, 3. Febr. (Privatmitth.) Da Stöcker und Genossen in Berlin um der Natirnalliberalen willen ihre Hetzereien vorläufig an den Nagel gehängt haben, glauben die fanatischen Antisemiten, wahrscheinlich solche, die zugleich einen Erwerb daraus machen, das Geschäft übernehmen zu sollen. Der Hauptheerd derselben ist jetzt Leipzig, das ja von jeher judenfeindlich gesinnt war, obschon es lange Zeiten hindurch in den Juden eine Hauptquelle der Nahrung fand. Denn noch vor einem halben Jahrhundert war die Leipziger Messe ohne Bedeutung, wenn die Brodyer, Jassyer, türkischen und persischen Juden durch irgend einen Zwischenfall, etwa Krieg, nach Leipzig zu kommen verhindert waren. Da gingen die sächsischen Fabrikanten und besonders die Leipziger Gewerbsleute wie ohne Kopf einher. Es ist nun den Leipziger Antisemiten unerträglich, daß ihre Hetze diesmal bei der Wahlbewegung gar keine Rolle spielen soll. Sie senden deshalb Flugblätter aus, die zwar nichts Neues zu sagen wissen, aber Alles in unbegrenzter Heftigkeit wiederholen, was der Antisemitismus zu Tage gebracht hat. Ihre Worte hier wiederzugeben, wäre ebenso überflüssig wie unangenehm. Handelt es sich doch nur um Kapital, Presse, Wucher, um Kampf bis aufs Messer gegen den Semitismus u. dgl. Wir wollten nur hier davon Notiz geben, um die Sache zu signalisiren. München, 1 Februar. (Privatmitth.) Die bayrischen Israeliten sind dieser Tage durch ein zweideutiges Geschenk überrascht worden, welches sie dem Feuereifer des Herrn Rabbiners Bamberger aus Würzburg und noch einiger seines Gefolges (Rabb. Bamberger-Aschaffenburg und Kissingen, Adler-Kitzingen, Wiesmann, Cohn-Jchenhausen und Meyer- Regensburg) zu verdanken haben. Wie ein Blitz aus heiterm Himmel erschien nämlich vor kurzem eine Ministerialverfügung, wonach den israelitischen Schülern der Gymnasien und Realschulen an sämmtlichen Sabbathen und Festtagen das Fernbleiben vom Unterricht gestattet ist, sofern die Ellern es beantragen, daß jedoch die Lehrer in keiner Weise auf die fehlenden Schüler Rücksicht zu nehmen und den Eltern die Folgen zu überlassen haben. Diese Nachricht erschien sofort als Siegestelegramm in orthodoxen jüdischen Blättern und erregte das Staunen der bayrischen Rabbiner, welche natürlich mit Ausnahme der 5 oder 6 Gesuchsteller keine Ahnung davon hatten, daß ein derartiges Gesuch den kgl. Behörden unterbreitet worden war. Welchen thatsächlichen Werth diese Errungenschaft für uns bayrische Israeliten haben kann, geht daraus hervor, daß schon vor Jahrzehenden das reactionäre Ministerium Abel das nämliche Recht eingeräumt hatte, ohne daß sich Eltern fanden, welche Gebrauch davon machen wollten. Anders wird es wohl auch heute nicht sein. Dagegen sind die Nachtheile bereits fühlbar zu Tage getreten, indem der Unmuth, den dieser Erlaß in Lehrerkreisen verbreitet, sich in scharfen Zeitungsartikeln Luft macht, in denen Aeußerungen über „die Unbescheidenheit der Juden, daß sie, wenn ihnen der kleine Finger geboten wird, die ganze Hand verlangen und daß nächstens die Verlegung ves Sonntags auf den Samstag beantragt werden wird" u. dgl. mehr Vorkommen. Das hat Herr Bamberger und Consorten mit ihrer in der Praxis vollkommen wcrthlosen Errungenschaft erreicht 6

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