Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1887)
- Date
- 1887-02-10
- Page
- Seite 86 (sequence 6)
- Language
- German
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86 Der vierte Theil der obengenannten Summe ist dem in Leipzig thätigen „Verein für Familien- und Volks' erziehung" in dem Zinsengenusse so lange zuertheilt, als er in dem bisherigen Geiste geleitet wird, d. h. so lange er keine confessionellen Schranken, weder für seine Zöglinge, noch für seine Mitglieder errichtet. Bekanntlich ist Frau Dr. Goldschmidt, die Gattin unseres Rabbiners, deren verdienstvolle, reichgesegnete Thätigkeit für die Erziehung und Berufsbildung des weiblichen Geschlechts längst allgemein bekannt ist, die Gründerin und Vorsitzende dieses Vereins. Unmittelbar nach den großen Kriegen und Siegen Deutschlands im Jahre 1871, in dem allgemeinen Aufschwünge, in der nationalen Begeisterung, bedurfte es nur des Hinweises auf die Nothwendigkeit der zu erstrebenden Ziele, um Männer und Frauen der verschiedensten Lebensstellungen und religiösen Bekenntnisse zu gemeinschaftlicher Arbeit zu vereinen. Der Verein hat innerhalb seines nunmehr 16jährigen Bestandes eine Wirksamkeit entfaltet, die in einer Reihenfolge von Instituten sich ausspricht, wie sie nicht leicht innerhalb der Aufgabe eines Vereines fallen. Er hat vier Volkskindergärten, ein Seminar für Kindergärtnerinnen, ein Lyceum für Damen errichtet, das wiederum in drei Theile sich gliedert: A. Unterrichtscurse für junge Damen, B. Wissenschaftliche Vorträge für die reifere Frauenwelt, 0. Lehrcurse im Modelliren. Eine solch' vielgestaltete Wirksamkeit ist nicht nur der opferfreudigen, persönlichen Hingabe der Vorsitzenden, sondern namentlich dem Umstande zu danken, daß sich innerhalb der 16 Jahre des Bestandes des Vereins weder im Vorstande, noch bei den Vereinsmitgliedern ein anderer Wechsel vollzogen, als der, den das Leben unausbleiblich mit sich bringt. Der beklagenswerthe Wechsel in den Anschauungen, der seit der Gründung des Vereins im Jahre 1871 bis heute im gesammten deutschen Baterlande eingetreten ist — ein Wechsel, der um so erschreckender auf uns wirkte, als er uns zwang, an die Existenz von Gespenstern zu glauben, die wir als wesenlose Gebilde der überreizten Phantasie des Mittelalters zu betrachten uns gewöhnt hatten — dieser Wechsel hat auf die Führung des obengenannten Vereins keinen Einfluß gehabt. — Einige der Vorstandsmitglieder, die von der Gründung des Vereins an bis jetzt unentwegt an seinem Gedeihen Mitwirken, gehören dem Rathe der Stadt Leipzig an. — Andere sind hochgeachtete Männer der Wissenschaft, Professoren an der hiesigen Universität, — es sind Damen aus unseren ersten Gesellschaftskreisen, ohne Unterschied der Confesfion, Mitarbeiterinnen an den Instituten, deren Leitung in den Händen von Frau Br. Goldschmidt sich befindet. — Die . Institute des Vereins kommen gleicher Weise Allen zugute, ' die sie benutzen wollen — und wie sie vom Kindergarten aus bis zum Lyceum sich auf alle Classen unserer vielgegliederten Gesellschaft beziehen, so sind sie in diesem Sinne vorzüglich Ausdruck eines humanen — sowie des Strebens nach geistigem Fortschritt. Weder in dem Vorstande, der mit den Sektionen aus 35 Personen besteht, noch in den Anstalten, in denen tausende von Kindern, mehr als 600 junge Mädchen, Erziehung und Bildung erhielten und an denen wiederum Lehrkräfte thätig sind, die mit der Kindergärtnerin beginnen und Lehrer an den Volksschulen und Professoren an unseren höheren Lehranstalten in sich schließen — in diesem, so tausendfache Beziehungen enthaltenden Ganzen, ist während des 16jährigen Bestandes nichts vorgekommen, was zu einer Collision, — ja nicht einmal zu einer Verstimmung geführt hat. Die Erhaltung eines solchen Vereins in unserer Zeit ist nicht nur eine humane, sie ist eine Culturaufgabe. Von diesem Gesichtspunkte betrachtet, gewinnt die Schenkung des Herrn Händler erst ihre Bedeutung. Die Bedingung, die an dieselbe für den Verein geknüpft ist, daß er nur so lange den Genuß derselben (die Zinsen von 25,000 Mk.) erhalten soll, als er keine confessionellen Schranken, weder für die aufzunehmenden Schülerinnen, noch sonst in irgend einer Weise errichtet, — entspricht vollständig den Intentionen des jetzigen Vorstandes. Möge eine spätere Zeit eine solche Vorsichtsmaßregel belächeln und aus ihr erkennen, auf welch' beklagenswerthem Standpunkte wir uns noch im Jahre 1887 befanden! Der Verein für Familien- und Volkserziehung wird aber wie bisher seine Aufgaben zu erfüllen bestrebt sein: die wichtigste Grundlage für die Erziehung des Volkes durch die erste und früheste Einwirkung auf die vorschulpflichtige Kindheit durch Bolkskindergärten — die wichtigste Grundlage für die Erziehung in der Familie, durch die rechte Heranbildung der weiblichen Jugend für den erziehlichen Beruf in der Familie, durch sein Seminar und sein Lyceum zu schaffen und auf diese Weise ein wichtiges Glied in der fortschrittlichen Entwickelung unserer Culturverhältnisse zu sein.-Möge es dem edlen Geschenkgeber, Herrn Händler, noch recht lange beschieden sein, sich selbst an den Früchten seiner großherzigen That zu erfreuen, mögen recht Biele seinem Beispiele folgen, bei Lebzeiten keimkräftige Saaten des Wohlthuns pflanzen, um an ihrem Gedeihen sich selbst zu erfrischen und zu verjüngen! Jacobsohn. Posen, im Januar. Wir haben bereits über das fünfzigjährige Jubiläum der hiesigen „Israel. Waisenknaben-Anstalt" (1836—1886) berichtet. Gewisse Umstände verhinderten eine Festfeier und