Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1887)
- Date
- 1887-02-10
- Page
- Seite 85 (sequence 5)
- Language
- German
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85 Vadnay eine Unwahrheit sagte, als er erklärte, daß die Unabhängigkeitspartei diesen Gesetzentwurf nicht votire. (Zustimmung auf der äußersten Linken.) Ist das die christliche Moral? Der Abgeordnete Vadnay hat gesagt: „Wenn es zu einem Racenkampfe in diesem Lande kommt, so haben nicht die Antisemiten denselben verursacht, sondern Diejenigen, die erfüllt von Chauvinismus die Nationalitäten gegen einander aufhetzen. Und wer schürt diesen Chauvinismus? Niemand Anders als die Juden!" Andor Vadnay: Nicht nur sie! Geza Polonyi: Mit Verlaub, Sie sagten: „Im Aufhetzen der Nationalitäten sehen wir wieder die Juden, die Judenschaft als Fahnenträger." Andor Vadnay: Als Fahnenträger. Geza Polonyi: Der Abgeordnete Veress hingegen führte aus, der ungarische Stamm führe einen wahren Kampf um Leben und Tod gegen die sie umgebenden Nationalitäten. Folglich gehört entweder der Herr Abgeordnete Veress zur Judenpartei oder der Herr Abgeordnete Vadnay hat nicht die Wahrheit gesprochen, als er sagte, daß die Juden die Bannerträger des Chauvinismus seien. Redner bedauert schließlich, daß er sich so lange mit den Antisemiten befassen mußte. Die verschiedenen Herren der Partei meldeten sich nun einer nach dem andern zum Worte, und auch Herr Verhovay, der von den Gangogeldern wohlbekannte Redacteur des antisemitischen Hetzblattes, fand den Moment geeignet, um aus seiner jahrelang treulich gespielten Rolle einer stummen Person hervorzutreten; kaum aber hatte er sich erhoben, als die gesammte Rechte, sammt Ministern und Staatssecretären, im Vereine mit zahlreichen Mitgliedern der Linken korporativ den Saal verließ. Der Ministerpräsident erwies in seiner langen Rede den wüthendeu Antisemiten nicht die Ehre, sich mit ihnen zu beschäftigen. Er gab nur der Ansicht Ausdruck, daß man — nicht gegen die Juden im Allgemeinen — aber vielleicht gegen Einzelne Einwendungen erheben kann, gerade so wie gegen einzelne Mitglieder welcher christlichen Confession immer; denn glauben Sie mir: es giebt überall Wucherer, wenn's beliebt, diene ich mit Beispielen. Aber Eines können Sie gegen jenen Stamm nicht Vorbringen, nämlich daß er nicht gern arbeitet. Es wird immer verkündet, das Volk arbeite im Schweiße seines Angesichts, während die Juden faullenzen. Nun, man kann ja Vieles sagen — besonders Vieles in ungerechter Weise —, aber ich wollte, daß wir in dieser Hinsicht von unseren jüdischen Mitbürgern lernen würden; dann, fürwahr, würden wir viel mehr thun als bisher, um das Nationalvermögen in ungarischen Händen zu behalten. (Zustimmung rechts.) Zum Schluß der heutigen Debatte sagte Franz Pulßky auf einen Angriff des antisemitischen Barons Andreanßky's: Der Herr Abgeordnete weiß, daß die Flamme seiner antisemitischen Leidenschaft das Eis meiner frostigen Verachtung niemals schmelzen werde. (Lebhafte Heiterkeit. Unruhe unter den Antisemiten.) Es geht mit den Antisemiten auf die Neige. Wohllhiitige Werke. ix. Leipzig, im Januar. Die Hiindlerstiftung in Leipzig. In die Reihe humaner Stiftungen, die in großherziger Weise zugleich Ausdruck des Gedankens sind, daß die beste Wohlthat, die wir unseren Mitbrüdern, die wir unseren Kindern erzeigen können, darin besteht, sie zu befähigen, Wohlthaten entbehren und selbstthätig in ehrlicher Arbeit sich ernähren zu können, tritt die obengenannte Stiftung eines unserer wackeren Glaubensgenossen würdig ein. Sie ist zu 3 Theilen der jüdischen Religionsgemeinde zu dem Zwecke übergeben worden, den wir am besten mit den Worten der Stiftungsurkunde bezeichnen: Hauptzweck der Stiftung ist: „Söhne hiesiger, unbemittelter israelitischer Glaubensgenossen zu guten Handwerkern heranzubilden, solche also bei der Erlernung eines Handwerkes oder eines nützlichen technischen Gewerbes — mit Ausschluß des Betriebes von Handelsgeschäften, sowie der gelehrten und der rein künstlerischen Fachstudien — in jeder Hinsicht zu unterstützen." „Melden sich jedoch bedürftige, aus meiner oder meiner verstorbenen Gattin Familie abstammende Bewerber, so sollen diese auch dann Berücksichtigung finden, wenn dieselben und beziehentlich deren Eltern nicht in Leipzig ihren Wohnsitz haben." lieber die Art und die Ziele der Verwendung heißt es in der Urkunde ganz vortrefflich: „Hierbei geht meine Absicht dahin, daß eine möglichst große Zahl junger Israeliten, nicht etwa blos einzelne Bevorzugte, zu vorzüglichen Leistungen, ein Jeder in dem von ihm erwählten Fache, herangebildet, und daß die Würdigen dann auch noch bei ihrer Selbständigmachung seitens der Verwaltung der Stiftung mit Rath und That unterstützt werden." Der hochherzige Gedanke der ganzen Stiftung wird in folgender Erklärung des Stifters unzweideutig ausgesprochen: „Mein Wunsch ist: dazu beizutragen, daß das Handwerk, welches in alten Zeiten unter unseren Glaubensbrüdern in hohem Ansehen gestanden, unter diesen wieder befördert und zu Ansehen gebracht werde."