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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-02-10 · Heft 6 (10.2.1887) · p. Seite 84

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 6 (10.2.1887)
Date
1887-02-10
Page
Seite 84 (sequence 4)
Language
German
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81 zend gerechtfertigt. Die Aufmerksamkeit der Nation abzulenken von ihren heiligsten Bestrebungen, die Judenfrage in eine Linie mit denselben, ja über dieselben zu stellen, das mag eine Antisemitenpolitik sein, aber es ist keine ungarische Politik. (Lebhafte Zustimmung auf der äußersten Linken. Widerspruch unter den Antisemiten.) Das ist übrigens in der Geschichte keine neue Erscheinung. So oft die Noth am Leibe der Nation zehrte, drang die Judenfrage an die Oberfläche. Die Nation zu spalten, sie den heiligsten Aspirationen zu entziehen, das ist das einzige Ziel der „unabhängigen Antisemiten." (Eine Stimme: Nein, Abgeordnete wollen sie sein!) Die Antisemitenpartei besteht aus zwei Fraetionen, aus Anhängern der Unabhängigkeitspartei und der gemäßigten Opposition. (Eine Stimme: Es giebt unter ihnen auch Anhänger der Regierungspartei.) Tie zwei zusammengenommen sind Anhänger der Regierungspartei. (Große Heiterkeit.) Es ist auffallend, weshalb die unabhängigen Antisemiten die Unabhängigkeitspartei angreifen, während die gemäßigt oppositionellen Antisemiten die gemäßigte Opposition in Ruhe lassen. Das hat seinen Grund darin, daß die älteren und erfahrenen Mitglieder der Antisemitenpartei von der gemäßigten Opposition, welche auch politisch reifer sind, die Ziele zu maskiren verstehen, welche die jüngeren Mitglieder öffentlich verkündigen. (Lebhafter Beifall und Heiterkeit auf der äußersten Linken.) Aus der jüngsten Rede Vadnay's hat sich Redner das politische Programm der Antisemiten - Unabhängigkeitspartei zusammengestellt. Ihr Grundsatz ist, daß die Nation des staatsrechtlichen Kampfes schon müde sei, daß die Unabhängigkeitsideen kein Echo mehr finden. Das wirft auch auf die Moral der Antisemiten ein Licht; bisher glaubte Redner, daß die Prahlerei und das Protzenthum (pökliendiseg) bloß unter die von den Antisemiten discutirten jüdischen Tugenden gehörte. (Heiterkeit links und auf der äußersten Linken.) Nicht Ludwig Kossuth, der vergötterte Sohn der Nation (Lebhafte Eljenrufe auf der äußersten Linken), oder Daniel Jranyi sind berufen, die Principien der Unabhängigkeitspartei zu verkünden, sondern die Herren Vadnay und Räcz, welche Propheten sein und die Juden in das heilige Land der Verheißung führen werden. (Lebhafte Heiterkeit auf der äußersten Linken.) Dem Antisemiten ist es ein politisches Dogma, daß nicht die Unabhängigkeit die Hauptsache sei, sondern die Judenfrage, denn wir hängen nicht von Wien ab, sondern von der Judenschaft. Was bedeutet dies? Es bedeutet, daß sie diesen Stand dahin erniedrigen, glauben machen zu wollen, die ungarische Nation sei 625,000 Seelen gegenüber so ohnmächtig, daß sie zu Sklaven Jener und durch deren intellectuelle Suprematie unterjocht wird. Wenn dem so wäre, wie könnte man von der ungarischen Nation erwarten, daß sie Millionen gegenüber ihre Unabhängigkeit erkämpfe? Wenn dem so wäre, dann bliebe ihr nichts Anderes übrig, als im Wege der Antisemitenpolitik, von der Trauer aller gebildeten Nationen geleitet, unterzugehen. (Heiterkeit auf der äußersten Linken.) Redner seinerseits stellt das Antisemitendogma folgendermaßen auf: Sie haben gelernt, die Juden mehr zu hassen, als das Vaterland zu lieben! Dieser Unterschied ist unermeßlich, aber die Mitglieder der Unabhängigkeitspartei sind stolz darauf, daß dieser Unterschied besteht. Hören wir die Moral des Herrn Abgeordneten Andor Vadnay. Er sagte neulich: „Die jüdische Confessio» nicht als Glaube — denn wer kümmert sich im 19. Jahrhundert um den Glauben?..." Andor Vadnay: Bitte weiter zu lesen! Geza Polonyi: Es fällt mir schon schwer genug, diesen Theil seiner Worte vorzulesen. (Zustimmung auf der äußersten Linken; Lärm unter den Antisemiten.) Ich, der ich ein Anhänger der Glaubensfreiheit bin, will selbst den Jndifferentismus nicht kritisiren, auch dann nicht, wenn sich Einer ein Aushängeschild daraus macht. Aber nachdem ich weiß, daß diese nicht so sehr gefährliche als beklagenswerthe Propaganda draußen im Lande die Apostel des Glaubens aufsucht, um sich Anhänger und Stimmen zu verschaffen, frage ich: was ist das für eine Moral, die hier im Abgeordnetenhause, Angesichts des Landes damit prahlt: „Wer kümmert sich im 19. Jahrhundert um den Glauben?" (Lebhafter Beifall auf der äußersten Linken; Lärm unter den Antisemiten.) Höret dies, Mitglieder des katholischen Klerus, höherer und niederer, höret dies, Zimandy's und Komlossy's! (Lebhafte Heiterkeit auf der äußersten Linken.) Wem der Glaube alles eins ist, wer nicht an Gott glaubt — von dem kann man nicht erwarten, daß er an die Zukunft der Nation glaube: an die Selbständigkeit und Unabhängigkeit des Landes! Der Herr Abgeordnete sagt weiter, die Achtundvierzigerpartei werde schon sehen, was der Preis eines Mandats bei den Wahlen sein wird. Das bedeutet die Licitation des Mandats um den Preis der Versprechungen. (Heiterkeit auf der äußersten Linken.) Das ist wieder keine christliche Moral. (Lebhafte Zustimmung und Beifall auf der äußersten Linken.) Es braucht uns nicht zu wundern, wenn die würdigen Adepten Rohling's sich mit Derartigem vor den Wählern brüsten. Man hat uns auch vorgeworfen, daß die Unabhängigkeitspartei gegen den Jstoczy'schen Gesetzentwurf stimmte und daß bei der Zolldebatte bloß 20 Mitglieder dieser Partei anwesend waren. Redner hat in den Diarien des Hauses nachgeschlagen und gefunden, daß bei der namentlichen Abstimmung über die Jstoczy'sche Vorlage, der heute als Präsident der unabhängigen Antisemitenpartei affichirte Geza Onody, daß Andor Vadnay, Josef Veress u. A. fehlten, während viele Mitglieder der Achtundvierziger- und Unabhängigkeitspartei für diese Vorlage stimmten. Hieraus folgt, daß

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