Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1887)
- Date
- 1887-02-10
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
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82 Ein ausgezeichnetes Beispiel hierfür finden wir nächst den schon besprochenen Psalmen in dem Lobgesang, den uns der Psalm 33 bringt. Dieser ist ebenfalls zu liturgischem Gebrauche bestimmt. Dies zeigen der Aufruf in V. 1—3, einen „neuen Sang" anzustimmen und zwar mit voller Orchesterbegleitung, mit Saiten- und Blasinstrumenten, dann der Wegfall alles Individuellen, die erhabenen, aber ganz allgemeinen und dem Verständniß Jedermanns zugänglichen Gedanken, die einfache und doch so innige Ausdrucksweise; endlich die Form, welche, wie es zu einem allgemeinen Hymnus so recht paßt, ganz glatt und gleichförmig, lediglich in zweigliedrigen Versen verläuft. Das erste Moment, welches der Sänger vorträgt, ist, daß Gott die höchste Sittlichkeit ist. Darum werden nur die „Gerechten" aufgefordcrt zum Lobgesang, der „nur den Rechtlichen ziemt." Von den Lippen jedes Anderen ist ein Lobgesang Gottes nur Lug und Heuchelei. Wie Gott nur Geradheit und Treue übt, so liebt er auch Gerechtigkeit und Recht von dem Menschen; mit dieser Gerechtigkeit vereinigt sich aber die Gnade, „deren die ganze Erde voll ist." Jetzt kommt der Sänger zu seinem eigentlichen Thema. Gott ist Schöpfer der Welt. Gott schuf die Himmel durch sein Wort, die Gestirne durch seines Mundes Hauch, sammelte die Gewässer des Meeres, und die Wolken sind die Vorrathskammern der Fluthen. Darum „ehrfürchte den Ewigen die ganze Erde, vor ihm scheue sich Alles, was den Erdball bewohnt." Aber Gott ist auch die die Geschicke der Völker leitende Vorsehung. Selbst was ganze Völker beschließen, was Nationen planen, besieht nicht vor dem Ewigen, wird vereitelt und vernichtet, nur „des Ewigen Beschluß bestehet ewig, seines Herzens Gedanken Geschlecht auf Geschlecht." Hier ist es, wo der Sänger neben der allgemeinen Obhut und Leitung für alle Völker und Nationen, einen Blick auf die besondere Beziehung Israels wirft, weil Gott zu sehnen, wie cs der Schwalbe ist, ihr Nest zu suchen. Keines ihrer Bilder erweckt den Verdacht in uns, daß sie übertreiben. Wir suhlen, wie richtig sie sich selbst, ihr innerstes Selbst lesen. Keine falsche Note schleicht sich in den Ausdruck ihrer Sehnsucht ein; selbst in ihrem unaufhörlichen Seufzen liegt keine andere Pein, als die des Liebenden um die abwesende Geliebte: wenn sie entfliehen möchten, so ist es nur, um Ruhe zu genießen. Die, welche keine Seele haben, können sich darüber nur wundern; die, welche eine besitzen, aber mit wenig Glauben, können es nur neiden. Welche Freude war es sür die Hebräer, ihren Gott zu suchen! Wie ungekünstelt rufen sie ihn an, sie in seiner Hütte zu hegen, mit seinen Flügeln zu decken, in geheimer Stätte zu verbergen, in der Faust zu halten, oder mit seinen ewigdauernden Armen zu umfassen! Diese Männer waren wahre Kinder der Natur. Wie der Kolibri unter seinen eigenen Palmbäumen, wie die Eintagsfliege im Sonnenschein an Sommerabenden, so haben sie ihr fröhliches Leben hingcbracht. Und selbst der volle Theil der traurigen Erfahrungen des Lebens, der ihnen Allen zufiel, trieb sie nur um so weiter in die heimliche Stätte und führte sie dazu, „den Herrn", wie sie es ausdrückien, mit mehr Weihe „zu ihrem Theile" zu machen. Alles, was seitdem, von Marc Aurel bis Swedenborg, von Augustin bis Schleiermacher, von einem umgebenden Gotte als der letzten Ergänzung der Menschheit gesagt worden, ist nur eine Wiederholung des Glaubens der hebräischen Dichter." es den Ewigen anerkennt und anbetet und zum Träger seiner ' Erkenntniß erkoren ist (V. 12), in so bestimmter Ueberzeugung, daß er es nicht einmal nennt. Das Werk der Vorsehung, das sich auf alle Menschen erstreckt, wird, bei der Willensfreiheit des Menschen, durch Gottes Allwissenheit ausgeführt, und diese ist wiederum erklärlich, weil „er es ist, der ihr Herz zumal gebildet, auf alle ihre Werke merkt." Diese Voraussicht dessen, was der Mensch thun werde, erklärt sich einfach durch die göttliche Vorsehung, trotz der menschlichen Willensfreiheit. Hieraus zieht der Sänger folgenden Schluß: „Nicht siegt durch Heeresmeng' der König, Durch große Kraft wird nicht der Held gerettet. Eitel ist das Roß zum Siege, Rettet nicht durch große Stärke." Gerettet wird nur, wer „Gott fürchtet und seiner Huld harret." So kehrt der Sänger zum Anfang zurück, da Gott das Recht liebet und seine Gnade gegen die verübt, die in Recht und Liebe wandeln. Er schließt daher: „Unsre Seele harret des Ewigen, Unser Helfer und Schild ist er. Denn seiner freut sich unser Herz, Denn wir vertrau'n auf seinen heiligen Namen. So komme deine Gnade, Ewiger, auf uns, So wie wir deiner harren." Der Psalm geht also von der höchsten Anschauung des göttlichen Wesens und seiner Weltregierung sowohl in der Natur wie in der Menschenwelt aus und bringt so die Idee von Gott, wie sie in der positiven Religion nicht höher gestiegen ist, zum Ausdruck. Dabei werden die Beziehungen des Menschen zu Gott in einfachster Weise klargelegt. Gott hat den Menschen in seinem geistigen wie leiblichen Wesen geschaffen, hat ihm die Bestimmung ertheilt, gerecht und liebevoll zu handeln, denn die Liebe ist eben das höchste Recht; er hat ihm die Freiheit der Entschließung verliehen, doch in der Voraussicht der Gedanken und Pläne des Menschen leitet Gott die Geschicke, durch welche der Gerechte geschützt und gerettet wird. Universeller kann wohl die religiöse Idee nicht aufgefaßt und behandelt werden; und dennoch ist ihr der historische Boden gewahrt, der ihr durch die Geschichte und den Beruf des Volkes Israel gegeben worden. — Fügen wir diesem Psalm von ganz allgemeinem Character den Hinweis auf einen anderen Lobgesang hinzu, der einen ganz speciellen Gegenstand in den prächtigsten Zügen behandelt. Wir meinen den Ps. 29, der einige Räthsel bietet, welche von den Exegeten nicht gerade in glücklicher Weise gelöst worden. Bringen wir ihn zunächst dem Leser in die Erinnerung. „Gebet dem Ewigen, Gottes Söhne, Gebet dem Ewigen Ehr' und Macht.