Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 6 (10.2.1887)
- Date
- 1887-02-10
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Ein nnparkiWes Organ füt alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig “7 *,.' in Bonn. GZepeöition: Leipzig, Woßptrrh 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an Dr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 51. Jahrgang. Leipzig, den 10. Februar 1887. Nr. 6. Inhalt. Leitende Artikel: lieber die Loblieder unter den Psalmen. — Aus dem ungarischen Abgeordnetenhause. — Wohlthätige Werke. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Berlin, Leipzig München, Breslau, Marburg, Aus Württemberg. — Luxemburg: Luxemburg. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Leitmeritz. — Frankreich: Paris. — Rußland: Aus Südrußland. — Rumänien: Bukarest. — Serbien: Belgrad. — Palästina: Stuttgart. — Bonn: Notizen. — Wien, Pest: Literarische Notizen. — Feuilleton: Die Katastrophe in London. JicitenSe GUtißef. Bonn, 2. Januar. Arber die Loblieder unter den Psalmen. IV.*) Die Ergebnisse unserer Untersuchung über die Loblieder unsrer Psalmen, soweit wir diese bis jetzt in Betracht gezogen, bestanden darin, daß in diesen Lobgesängen uns überall entgegentritt: die Identität Gottes in der Natur und in der Weltgeschichte, des Schöpfers und Erhalters der Wett/ und der Vorsehung und Vergeltung in der Leitung der Völker und der Individuen; die Einsicht, daß alle Völker berufen sind, den einzigen Gott zu erkennen und anzubeten, und daß Israel bestimmt sei, diese Lehre zu erhalten und zu verkünden. Es sind deßhalb gerade diese Loblieder, in welchen die Universalität der israelitischen Gotteslehre klar und bestimmt uns entgegentritt; jede Ausschließlichkeit, jeder nationale Character der Gotteslehre selbst ist fern gehalten, denn Israel wird nur als Werkzeug Gottes betrachtet, dessen Geschick von der Treue abhängt, mit welcher es seinem Berufe nachkömmt oder nicht. Dies ist von um so größerer Bedeutung, als die meisten dieser Loblieder zu Tempel - gefangen geworden, so daß sie aus dem Herzen des Volkes verfaßt sein und diesem allgemein bekannt werden mußten. Es ist daher zu verwundern, daß diese Psalmen nicht öfter *) S. 1886 S. 705, 722, 738. als Beweise gegen die beliebte Behauptung angeführt werden, die Religion Israels kenne nur einen Nationalgott oder wenigstens die Juden hätten sich aus der Gotteslehre nur den Nationalgott herausgehoben. Jedes dieser Loblieder giebt! den vollgültigsten Beweis dagegen; aber es scheint, daß man, je mehr man diese Psalmen zum allgemeinen geistigen Eigenthum und zu cultuellem kirchlichen Gebrauche verwendete, den israelitischen Ursprung derselben vergaß oder vergessen wollte, um ungescheut jene Verleumdungen des Judenthums und der Juden Vorbringen zu können.*) *) Wir werden von einem gesch. Mitarbeiter auf eine Stelle in dem Buche „das Naturgesetz in der Geisteswelr", von dem schottischen Prosessor Henry Drummond, das aus der 17. Auflage des englischen Originals in deutscher Uebersetzung erschienen ist (Leipzig, Hinrichs, 1886) aufmerksam gemacht. Der eigenthümliche Gedanke des Verfassers, daß „Gott die Seele umgebe" darf uns nicht hindern, uns der sinnigen Würdigung und des ausrichtigen Verständnisses zu sreuen, welche den Psalmen hier (S. 228) zu Theil werden: „Daß Gott die Umgebung der Seele sei, ist seit den ältesten Zeiten von allen tiefsten religiösen Denkern gelehrt worden. Wie tief die hebräische Poesie mir diesem hohen Gedanken gerränkr ist, wird dann erhellen, wenn wir versuchen , sie uns mir 'Auslassung dieser Lehre vorzustellen. Die echte Poesie ist nur Wissenschaft in anderer Form, und lange ehe es der Religion möglich war, ihren größten Wahrheiten wissenschaftlichen Ausdruck zu geben, haben einsichtsvolle Männer sich in Psalmen geäußert, die der Natur nicht treuer hätten entsprechen können, halte das neueste Licht die Begeisterung geleitet. „Wie der Hirsch schreiet nach frischem Wasser, so schreiet meine Seele, Gott, zu Dir." Welcher seine Sinn für die Analogie des Natürlrchen mit dem Geistigen liegt diesen Worten zu Grunde! Wie der Hirsch nach seiner Umgebung, so der Mensch nach seiner; wie die Wasserbäche passend dazu bestimmt sind, den natürlichen Bedürsnisfen entgegenzurommen, so passend bejriedigt Gort das geistige Bedürfmß des Menschen. Man wird wahrnehmen, daßdie Sehnsucht nach Gott bei den hebräischen Dichtern nie den Eindruck des Krankhaften oder für die, welche sie äußern, Unnatürlichen hervorbringt. Jm Gegentheil ist es ihnen ebenso natürlich, sich nach 1