Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1887)
- Date
- 1887-02-03
- Page
- Seite 75 (sequence 11)
- Language
- German
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75 der Synagoge Scaola del Tempio die feierliche Eröffnung! des italienischen Rabbiner-Seminars statt. Nebst einem zahlreichen Publicum waren zugegen: Der Justiz-Minister Tajani, Senator Fiorelli, die Repräsentanten des Unterrichts- Ministeriums, der Präfectnr, des Municipiums, der Rector der Universität, Deputirte, Schriftsteller und viele andere Notabilitäten. Nach einem kurzen, von der Orgel begleiteten Chorgesange nahm der ehrwürdige Vorsitzende der isr. Gemeinde Commandeur Samuel Alatri das Wort, um die Zwecke des neuen Instituts auseinanderzusetzen, welchen edlen Bemühungen dasselbe seine Entstehung verdankt, besonders die Mitwirkung des Rabbiners M. Mortara von Mantua und die Freigebigkeit des Barons Giuseppe Treves de' Bonfili von Padua hervorhebend. Comm. Alatri schloß seine Rede mit der Erwähnung dessen, was die Israeliten Italiens dem Könige Victor Emanuel verdanken, und erflehte auf das Haupt dessen erhabenen Nachfolgers und seiner Familie den göttlichen Segen, ein Segen, welcher vom Vorsänger unter feierlicher Begleitung des Chors wiederholt wurde. Diese Vereinigung des Bürgerlichen und Politischen mit dem Religiösen machte auf sämmtliche anwesenden hohen Personen einen sehr günstigen Eindruck, den sie ausdrücklich zu erkennen gaben. Hierauf hielt Di-. M. Ehrenreich, einer der Professoren am Collegium, eine gehaltvolle Rede, welche bei den Zuhörern vielen Anklang fand; dann wurden fünf von den sieben Schülern, welche er in den vier vergangenen Jahren zur Aufnahme in's Collegium vorbereitet hatte, ehrenvolle Zeugnisse ertheilt. Den Schluß der Feierlichkeit machte eine ansprechende Rede des andern Professors am Collegium Rab. M. Sorani. Es steht zu hoffen, das; das nun eröffnete Institut sich der Gunst der Gemeinden und der vermöglichen Israeliten Italiens erfreuen werde. Bis nun hat dasselbe Fr. 6440 Renten, wovon 1000 von dem in den siebziger Jahren geschlossenen Paduaner Collegium herrühren, 1000 Fr. Rente schenkte der vielgenannte Baron Treves, 3000 Rente die römische Israeliten Gemeinde, Herr Ab. Sforni von Mailand 500 Fr. Renten; mehrere andere zu 100, zu 50, zu 10 Fr. Renten; an einmaligen Gaben wurden 15,138 Fr. gesammelt, und 2050 Fr. wurden auf die Dauer von 3 bis 5 Jahren gezeichnet. Freilich ist der Bestand des Instituts durch diese Summen noch nicht gesichert, besonders da man mir dem Gedanken umgeht, der Schule ein Convict beizugeben. Vor der Hand ist man mit der Eröffnung desselben zufrieden; das Uebrige wird sich schon mit Gottes Hilfe machen. Die Organisation der hiesigen Gemeinde auf Grund der vom Könige bestätigten Statuten geht zwar langsam, jedoch vorwärts. Für einen neuen, der Gemeinde qnge-! messenen Tempel wird ebenfalls gesorgt, da die 5 bis nun dienenden mit dem Ghetto ein gleiches Schicksal theilen werden. Der Grund ist bereits angekauft. Rußland. Bon der russischen Grenze, im Januar. In unseren Tagen der Expreßzüge, der Schlafwaggons und der Restaurationswagen hat auch eine Reise nach Rußland längst ihre Schrecknisse eingebüßt; in einen bequemen, warmen Pelz gehüllt, besteigt man ein Coups und man braucht es nicht zu verlassen, bis man nach langer Fahrt an seinem Ziele angelangt ist. Freilich, an der Grenze, in Podwoloczyska, sollte man nach den bestehenden Vorschriften allerdings aus dem Waggon steigen; aber auch die russischen Grenzgendarmen sind heutzutage schon so weit von der Cultur beleckt, daß sie die frierenden Reisenden nicht zwingen, sich aus den Pelzen herauszuschälen — namentlich, wenn sie es augenscheinlich mit vornehmen Passagieren zu thun haben. Da begnügt sich der Gendarme, die Coupvthüre zu öffnen und in gebrochenem Deutsch, um die Pässe zu fragen; er sammelt diese Documente in jedem Waggon ab, händigt sie dem Gendarmerie- Lieutenant ein und dieser prüft die Pässe, vergleicht, ob das in demselben enthaltene Signalement mit der Person des Eigenthümers stimmt und entfernt sich dann wieder. Der berühmte Wiener Augenarzt, Professor Dr. Mauthner, der in der versiossenen Woche auf Berufung eines russischen Millionärs nach Kiew reiste, fand die Sache äußerst einfach und wunderte sich im Grunde seines Herzens, über die Schwierigkeiten einer Ueberschreitung der russischen Grenze schon so viel offenbar Uebcrtriebenes gehört zu haben. Sein Diener, den er aus Wien mitgenommen, ließ das Gepäck revidiren, kehrte prompt zurück und setzte sich wieder in das Coups zweiter Klaffe nebenan. Der Professor machte eben den Versuch, nach Rußland hinüberzuschlummern, als er vernahm, wie der Gendarmerie-Lieutenant seinen Diener an das Waggonfenster citirt. Nun entspinnt sich folgender Dialog: „Ihr Herr ist doch Katholik? — „Ich weiß nicht, aber ich glaube schon." — „Was heißt: Ich glaube? Sie müssen mir das bestimmt sagen." — „Da müßte ich zuvor meinen Herrn fragen." In diesem Augenblicke öffnet der Professor, der jedes Wort dieses Zwiegesprächs vernommen, die Thüre seines Coupss und um den Zweifeln seines Dieners und des Gendarmerie Lieutenants rasch ein Ende zu bereiten, ruft er dem Lieutenant zu: „Mein Herr, ich bin, entschuldigen Sie, Jude!" — „Dann muß ich Sie bitten, das Coups sogleich zu verlassen!" — „Ja, warum denn? Mein Paß ist doch in Ordnung!" — „Gewiß, aber ausländische Juden dürfen nicht nach Rußland!" — „Aber ich reise ja nicht zu meinem Vergnügen und um Rußland zu sehen. Ich bin Augenarzt und zu einem schwer kranken Patienten nach Kiew telegra-