Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1887)
- Date
- 1887-02-03
- Page
- Seite 74 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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u f von Nordamerika gegen die Einwanderung der Chinesen gesetzlich beschlossenen Anti-Chinesen-Bill den Vertretungskörpern ein Antisemitengesetz mit strengen Bestimmungen gegen die Einwanderung und Niederlassung ausländischer Juden in Lesterreich einzubringen; diesem Anträge haben sich im Grazer Landtage 19 und im niederösterreichischen Landtage 20 Abgeordnete angeschlossen. Wahrscheinlich werden für den Antrag Schönerer's, der, voraussichtlich mit einer Reihe von Petitionen an den Reichsrath gelangt, auch in den andern Landstuben des Reiches Unterschriften gesammelt." — Dagegen meldet man vom 18. Januar: „Die von der Antisemitenpartei colportirten Petitionen an den Reichsrath, um ein Gesetz gegen die Einwanderung ausländischer Juden wurden von der Staatsanwaltschaft in Cilli (Steiermark) confiscirt. Das Kreisgericht Cilli bestätigte die Confiscation, da die Petition geeignet sei, sowohl wider eine Religions- Genossenschaft, als auch gegen Einwohner eines Staates überhaupt Zu Parteiungen untereinander aufzureizen." Wien, 22. Jan., 5 Uhr Nachm. Der niederösterreichische Landtag beschloß heute auf Verlangen des Unterrichtsministers die strafweise Pensionirung des Gymnasialprofessors Polzer, eines enragirten Antisemiten. Pest, 23. Januar. (Privatmitth.) In der Budgetdebatte des ungarischen Abgeordnetenhauses leisten die Antisemiten Unglaubliches. Einer derselben, der junge Andor Badnay, behandelte gestern die Jndenfrage, welche seine Weisheit für noch viel gefährlicher als die Nationalitätenfrage erklärte. Sodann sprach der junge Herr über den Wucher, dem auch hervorragende Männer des Parlaments wie Franz Pulßky in seine Klauen fielen. Der so apostrophirte Pulßky erwiderte ihm: Hätte mein geehrter Herr Vorredner die Geschichte studirt, so wüßte er, daß der Wucher nicht bei den Juden begann, daß er so alt ist, wie die menschliche Gesellschaft. Er wüßte, er hätte gelernt, daß die römischen Patrizier keine Juden waren, ja er wüßte sogar, daß der berühmte Brutus, der Cäsar niederstach, jener berühmte Patriot thalsächlich ein Wucherer war und seinen Freund Cicero, als er Proconsul war, bat, er möge die Stadt Rhodos exequiren. Er sagte n'cht, es sei sein Anlehen gewesen, aber er sagte, es sei das Anlehen seines freigelassenen Sklaven gewesen. Cicero erwiderte darauf, das sei unmöglich, denn das sei ein arger Wucher und er könne diese Leute nicht zugrunderichten. Darauf erwiderte Brutus: „Thue es nicht für meinen Liberten, thue es für mich, Deinen Freund." Der Wucher ist jedenfalls häßlich, er ist aber nicht eine ausschließliche Eigenschaft der Juden; es giebt Christen aller Nationalitäten, es giebt Ungarn, die sich mit Wucher befassen. Deshalb aber, weil es unter den Juden Wucherer giebt, braucht man nicht die ganze Race anzugreifen. Ich vermag diese Race sehr zu schätzen, denn dieser können wir das Alphabet verdanken, zeigt doch das Alphabet, daß sie es erfunden hat, daß sie die Null, die arabischen Ziffern nach Europa brachte; sie war es, die im Mittelalter die Philosophie des Griechen Aristoteles den ziemlich barbarischen Völkern mittheilte, welche hier in Europa waren; sie ist die Race, welcher Peter und Paul und alle Apostel entstammten. Ich kann sie also nicht verachten und glaube, wir können sie ebenso dulden, wie jede andere Race. Wir wissen, daß die semitische Race um die Civilisation Europas dieselben Verdienste hat, wie die asiatischen, oder turanischen Racen. Dies den Herren Antisemiten. Uebrigens vermag ich nicht zu begreifen, wie die Judenfrage zum Budget kommt. Das ist eine Logik, welche man vielleicht in den Schulen lehrt, welche die Herren Antisemiten besuchten, aber in den Schulen, welche wir besuchten, haben wir keine solche Klügelei gelernt. (Zustimmung rechts.) Frankreich. Paris, 21. Januar. (Privatmitth.) Auch im Leben der Parteien waltet ein Gesetz, dem sie sich nicht zu entziehen vermögen. Sobald eine Partei angefangen hat, in radicalliberalem Sinne vorwärts zu gehen, so wird sie von Position zu Position zu immer schrofferen radicalen Maßnahmen gedrängt, ganz ebenso, wie die Partei der Reaetion sich niemals auf ihrem anfänglichen Standpunkt erhalten kann, sondern immer mehr nach rückwärts gedrängt wird. Es sind einige Wochen verflossen, daß der jetzige Ministerpräsident Goblet erklärte, die Negierung werde zur Aufhebung des Concordats die Hand nicht bieten, und das Volk sei nicht dafür. Und. dennoch erklärte Goblet vorgestern vor der von der Kammer eingesetzten Coneordats-Commission, wenn diese und die Kammer die Aufhebung des Concordats beschließen, d. h. die Trennung der Kirche vom Staate, würde die Regierung die nöthigen Schritte dazu vorbereiten. Die Regierung ist also bereit, und wenn die Mehrheit der Kammer diese Trennung beschließt, sollen sofort die erforderlichen Schritte geschehen. Der Aufhebung des Concordats mit der römischen Kirche folgt natürlich auch die des organischen Statuts für die französische Synagoge und der Ordonnanzen, die mit denselben in Verbindung stehen. Es hängt dies also von der gegenwärtigen Kammermehrheil ab, doch ist diese, da die Regierung keine entschiedene Stellung zu dieser Frage nimmt, noch zweifelhaft. Ob und in wie weit der Senat opponiren würde, ist ebenfalls fraglich. Italien. Rom, 24. Januar. (Privatmitth.) Es ist mir sehr angenehm, Ihnen geehrter Herr Redacteur, mit meinem herzlichen Glückwünsche zum Jubiläum Ihrer werth- und gehaltvollen Zeitung eine Nachricht mitzutheilen, welche gewiß viele Ihrer Leser mit Vergnügen aufnehmen werden. Samstag, 15. l. M. um Ein Uhr N. M. fand hier in