Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1887)
- Date
- 1887-02-03
- Page
- Seite 73 (sequence 9)
- Language
- German
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73 und Schiurlernen, daneben Schechitah, Besorgung aller schriftlichen Arbeiten für die israel. Gemeinde. Und auf diese Weise sind die meisten Lehrer belastet. Die fixe Besoldung beträgt dabei durchschnittlich 1000—1100 M-, excl. Schechitahgebühren und weniger Emolumente. Da dies für die Bestreitung der bescheidensten Bedürfnisse nicht hinreicht, so muß der geplagte Mann neben 30 anstrengenden Schulstunden in einer Schule mit allen Altersklassen täglich noch mehrere Privatstunden ertheilen, und reibt seine Kräfte frühzeitig auf. Die staatliche Wittwenpension beträgt 250 M., und die Gemeinden wollen sich mit irgend einer Versorgung der Hinterbliebenen keine „Last" auslegen, wenn ihnen gleich die Lehrer ihre besten Kräfte gewidmet haben. Die Sorge der armen Lehrer für ihre Familien wird durch die Theilnahme an den Unterstützungsvereinen gemindert. Mögen Gemeinden und reiche Privaten daher diese wohlthätig wirkenden Anstalten kräftigst unterstützen! Siegen, 26. Januar. (Privatmitth.) Nachdem Fürst Bismarck es für gut befunden hat, den Reichstag aufzulösen, ist man auch hier schon mit aller Macht in den Wahlkampf eingetreten. Ernstlich in Frage kommen nur die Candidaturen der Freisinnigen und Conservativen. Die Nationalliberalen , die Aussichtslosigkeit eines eigenen Candidaten wohl einsehend, haben denn auch beschlossen, von der Aufstellung eines solchen diesmal Abstand zu nehmen. Auf freisinniger Seite nun hatte man gehofft, die Herren würden trotz des zwischen Conservanven und Nationalliberalen abgeschlossenen Cartells Selbständigkeit genug besitzen, gegen Stöcker und für den freisinnigen Candidaten zu stimmen. Leider hat man sich in dieser Hoffnung getäuscht, denn die hiesige nationalliberale Parteileitung hat endgültig beschlossen, schon im ersten Wahlgange für den conservativen Candidaten zu stimmen. Um aber vor der Oefsentlichkeit wenigstens den Schein zu wahren, als sei man thatsächlich ein Gegner Stöckers, soll zunächst bei dem Central-Wahlcomite in Berlin angefragt werden, ob dasselbe nicht die Conservativen des hiesigen Kreises veranlassen wolle, an Stelle des Herrn Hofpredigers einen andern Candidaten aufzuitellen. Lehnt das Central-Wahlcomitä dieses Ansinnen ab — und es ist zweifellos, daß das geschieht — so wäre es, wie das Organ der hiesigen Nationalliberalen, die „Sieg-Lahn-Zeitung", in seiner letzten Nummer wörtlich ausführt, „Pflicht der hiesigen Parteigenossen, ihre Bedenken gegen die Person des bisherigen Mandatsinhabers unter die allgemeine Aufgabe des Augenblicks unterzuordnen und, unter Verzicht auf die Aussichten eines Erfolges ihrer zweijährigen, mit großen Opfern verbundenen Agitation, dem bisherigen Abgeordneten auch ihrerseits die Stimmen zu geben. Das letztere hätte Mann für Mann zu geschehen ... Ein Blick aufs Ganze verlangt gebieterisch die Unterordnung der eigenen Wünsche und Hoffnungen unter die Bedürfnisse des Vaterlandes, und wir werden uns aus diesen patriotischen Erwägungen der Noth des Augenblickes zu fügen wissen." So schreibt wörtlich das Organ der hiesigen Nationalliberalen, welches vor wenigen Monaten noch inconsequent genug war, Herrn Stöcker sein unrühmliches und wüstes agitatorisches Treiben immer und immer wieder vorzuhalten. Wie nun die Verhältnisse hier liegen, ist wohl kaum daran zu zweifeln, daß die Nationalliberalen der Stadt Siegen, der Aufforderung ihres Organs gehorchend, geschlossen für Stöcker stimmen, während in den zu unserm Wahlkreise gehörenden Kreisen Wittgenstein und Biedenkopf dem Herrn Hofprediger wohl nicht alle nationalliberale Stimmen zufallen dürften. Doch das wird an dem Ausfall der Wahl überhaupt wenig ändern, und wenn nicht Alles trügt, werden wir wieder auf drei Jahre der zweifelhaften Ehre theilhaftig sein, Herrn Stöcker unfern Reichstagsabgeordneten nennen zu dürfen. Unerklärlich ist uns übrigens, wie die Nationalliberalen es mit ihrem „Liberalismus" vereinen können, einen Mann zu ihrem Abgeordneten zu wählen, der in gewissen Beziehungen so viel zu wünschen übrig läßt. Agitirt wird für Stöcker auf alle mögliche Weise. Nachschrift der Redaction. Mit obiger Corr. steht die Meldung aus Berlin in Widerspruch, daß in einer conservativen Wahlversammlung am 25. d. M., in welcher Stöcker sprechen sollte, ein Schreiben desselben verlesen ward, lautend: „Die Siegener Nationalliberalen haben wirklich einen Candidaten gegen mich aufgestellt. Danach ist es mir selbstverständlich unmöglich, in den Berliner Wahlkampf actio einzugreifen. Wollen Sie dies gefälligst den morgen in der Viktoria-Brauerei Versammelten mittheilen." — Die Situation hat sich noch einmal verändert. Die Leiter der Nationalliberalen (Liberalen?!?) haben sich entschieden, keinen Candidaten aufzustellen und schon im ersten Wahlgang für Stöcker zu stimmen! Unser Correspondent hat also Recht. In Folge dessen tritt Stöcker in die Berliner Wahlbewegung ein und soll sogar im 2. Berliner Wahlbezirke wieder aufgestellt werden. Die liberalen Blätter wundern sich über die sog. Nationalliberalen in Siegen. Diese haben aber ja 1884 Stöcker freiwillig gewählt: warum sollten sie also jetzt nicht auf Befehl des Cartellcomitä's wieder so wählen?! Die Redaction. Oesterreich - Ungarn. Wien, 18. Januar. Die Antisemiten wollen eine That thun! Gewisse Blätter schreiben von hier unterm 15. Januar: „Bekanntlich will der Führer der Antisemiten, Ritter v. Schönerer, demnächst im Reichsrath einen Antrag überbringen, wonach die Regierung aufgefordert werden soll, nach dem Vorbilde der 1882 und 1884 in den Vereinigten Staaten 5