Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1887)
- Date
- 1887-02-03
- Page
- Seite 72 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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72 vom Schauplatze völlig abgetreten sind. Die beiden Herren geben dies für ein patriotisches Opfer aus, das sie der Einheit der drei verbündeten Parteien brächten; man erinnert sich aber, daß die beiden Herren in den Berliner Wahlbezirken jedes Mal durchgefallen sind und daß Stöcker hierfür in Siegen durch die Nationalliberalen unterstützt werden soll. Dies stellt übrigens der nationalliberale „Hannov. Cour." in Abrede, indem er behauptet, daß bei dem Abschluß des Cartells Vorbehalte zum Ausschluß Stöckers und seiner Genossen gemacht worden seien, was nun die Kreuzzeitung ihrerseits leugnet. Uebrigens wurde im ersten Wahlbezirk von den vereinigten Parteien v. Levetzow aufgestellt, der sich offen als Anhänger Stöckers bekannt hat, im 5. Cremer, ohne daß dieser Aussicht auf eine wirkliche Wahl hat, da in diesem wie in einigen anderen Wahlbezirken der Ausschlag bei den Socialdemokraten liegt. Berlin, 23. Januar. Am 21. Abends fand eine Versammlung der freisinnigen Wähler des 2. Reichstags Wahlbezirk, in welchem dem bisherigen Abg. Virchow von conservativer Seite Graf Moltke gegenübergestellt wurde, auf Tivoli statt. 3000 Wähler füllten den Saal und viele Hunderte mußten abgewiesen werden. Redner waren Virchow und Eugen Richter. Aus des Letzteren Rede haben wir hier folgende Stelle wiederzugeben: „Für diesen Wahlkreis ist es immerhin ein Ereigniß, daß Herr Hofprediger Stöcker sich entschlossen hat, auf diesen Wahlkreis zu verzichten. (Beifall.) Da geziemt es sich wohl, ihm einen kleinen Nachruf zu widmen und ihn nicht so ganz sang- und klanglos abtreten zu lassen. (Stürmische Heiterkeit.) Es ist nicht zu leugnen, daß Herr Stöcker in seiner siebenjährigen antisemitischen Agitation das Schwergewicht seiner Thätigkeit auf diesen Wahlkreis gelegt hat, so daß er als durchgefallener Candidat in seltener Begriffsverwirrung von „seinem" Wahlkreise sprechen zu können glaubte. (Heiterkeit.) Nun tritt er ab, angeblich weil die „Nordd. Allg. Ztg." ihn schon zum dritten Male angegriffen hat. (Große Heiterkeit). I)r. Martin Luther sprach einst zu Worms das Wort aus: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen! (Beifall.) Dieser zweite Luther (große Heiterkeit), diese Carikatur des großen Luther (stürmischer Beifall) sagt: Hier stehe ich, ich kann auch anders! Es bedurfte keiner Bannbulle, um ihn zum Abzug zu bewegen, drei Leitartikel der „Nordd. Allg. Ztg." haben ihn weggefegt! (Große Heiterkeit.) Zwei Leitartikel hat er über sich ergehen lassen, als aber Herr Pindter zum dritten Male sprach, da verschwand er von der Laufbahn. (Sehr richtig!) Aber die Pindter, die Stöcker sind ja alle nur Marionetten, die nach der Strippe, die von oben gezogen wird, tanzen! Wir haben Stöcker nie für einen politischen Charakter gehalten, aber doch wenigstens für einen leidlichen Schauspieler. Als solcher j hätte er wenigstens für einen besseren Abgang sorgen sollen, das war er uns schuldig, die wir ihn manchmal wenigstens ernst genommen haben. (Stürmischer Beifall.) Und nun müssen die Judenhetzer, welche die Hetze als eine nationale That zu betreiben wähnten, erfahren, daß die Judenhetze mit der nationalen Frage nichts zu thun hat, und Diejenigen, die er aufhetzte und die sonst „Deutschland, Deutschland über Alles!" sangen, müssen jetzt „Norddeutsche über Alles" singen, und Diejenigen, die da glaubten, ein Schwert an ihrer Linken zu tragen, müssen erfahren, daß es nur ein Taschenmesser ist, und daß sie keine Kämpfer des Schwertes sind, sondern nur Messerhelden. (Stürmische Heiterkeit und minutenlanger Beifall.) So mußte eine Bewegung in Berlin endigen, die, von oben groß gezogen, abgethan wird, so bald sie anfängt, unbequem zu werden, so bald sie nicht mehr in die politische Situation paßt. Die Zeit ist hin, wo Herr v. Puttkamer in der Loge der politischen Weisheit des Herrn Stöcker lauschte, und man beginnt sich schon darauf einzurichten , daß Herr Stöcker auch als Hofprediger aufhört. (Stürmischer Beifall.) Es wird auch die Zeit kommen, wo sich manche Leute kaum mehr erinnern werden, den Mann je gekannt zu haben. (Große Heiterkeit.) So schmählich endete die große Rolle des Hofpredigers Stöcker in Berlin." Dresden, 20. Januar. Der Antisemit Baumeister Hartwig wird nicht wieder als Candidat zum Reichstage aufgestellt. Aus Württemberg, 14. Januar. (Privatmitth.) Der Rechenschaftsbericht des „Vereins zur llnterstützung der Wittwen von israel. Lehrern Württembergs" ergiebt ein sehr günstiges Resultat. Der Verein besteht jetzt 25 Jahre und hat schon einen Grundstock von 30 000 Mark. An Unterstützungen wurden in der verflossenen 3jährigen Rechnungsperiode 2 600 M. vertheilt. An Einnahmen verzeichnen wir Beiträge der 54 activen Mitglieder 286 M., der außerordentlichen Mitglieder 365 M., Beiträge aus den Gemeinden 4 283 M., Kapitalzinsen 1 250 M. Auch Ihre Majestät die Königin erfreut den Verein alljährlich mit einer huldvollen Gabe. Möge sich der Verein auch für die Folge der Theilnahme unserer Glaubensgenossen erfreuen, denn an Gelegenheit zur Unterstützung fehlt es nicht. Im verflossenen Jahre starb ein Mitglied an einem Halsleiden, 43 Jahre alt, und hinterließ eine zahlreiche Familie. Die Lehrer Württembergs sind auch, wenn sie ihren Pflichten in ganzem Umfange Nachkommen wollen, sehr überlastet. Erst in dieser Woche wurde einer unserer tüchtigsten Lehrer ein Opfer seiner Berufstreue, er wurde durch Ueberarbeitung leidend und mußte einer Irrenanstalt übergeben werden. Derselbe hatte eine Schule, Elementar- und Religionsschule mit 80 Schülern, hatte als Vorsänger täglich zweimal Gottesdienst, an Sabbathen Vorbeten, Vorlesen der ganzen Sidrah, Predigt, Katechese