Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-02-03 · Heft 5 (3.2.1887) · p. Seite 69

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 5 (3.2.1887)
Date
1887-02-03
Page
Seite 69 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227663-3227669--44160-3266423
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

69 verstanden, die talmudische Zeit verstand darunter neben der erbaulichen Schriftauslegung auch die casuistische Behandlung des halachischen Stoffes. Das Mittelalter, welches den Schwerpunkt der geistigen Bestrebungen unter den Juden nach Europa verlegte, hatte zuerst die Erklärung des für abgeschlossen geltenden talmudischen Stoffes, später, wie es ganz besonders in den Glossen der Tossaphisten der Fall ist, auch dessen dialectische Weiterbildung im Auge. Was vom 16. Jahrhundert an in dem Zeitalter von Samuel Edels oder Judah Rvsanes oder Josua Falk aus Frankfurt oder Akiba Egers als Förderung der Thora verstanden wurde, ist, bei allem Respect vor diesen Männern, sicherlich dasjenige gewesen, was der heutigen Entwickelung dieser Uebungen am meisten hinderlich ist. Die Förderung des Thorastudiums liegt heutzutage fast ausschließlich in der Fürsorge um den Religionsunterricht. Für diesen muß leider die Methodik noch geschaffen werden. Einsehen gelernt haben heute bereits alle Kreise, daß es mit dem alten, hergebrachten Eintrichtern des Gebetritus und einer mechanischen Ucbersetzung des Pentateuch nicht gethan ist. Andererseits läßt sich nicht verkennen, daß die Tendenz den Religionsunterricht zum trockenen Moralisiren ausarteu zu lassen und etwa durch eine lange Apologetik beweisen zu wollen, daß das Jndenthum in seiner ganzen geschichtlichen Erscheinung etwas absolut Vorzügliches sei, das gerade Gegenthcil von dem bewirkt, was man erreichen möchte, denn „man merkt die Absicht und wird verstimmt." Wir habe» keinen obligaten Katechismus und wollen doch einen systematischen Religionsunterricht ertheilen. Diese Aufgabe wird endlich auch lokalen Bedürfnissen sich anpaffen müssen, um einen Erfolg zu erzielen, denn das bloße Theorem kann nicht schablonenmäßig überall angepaßt werden. Endlich ist die eigene wissenschaftlich-theologische Fortbildung dem Rabbiner Bedürfniß und diese wird aus mancherlei Gründen arg vernachlässigt. Zunächst ist leider noch immer die Meinung verbreitet, daß die jüdische Wissenschaft außerhalb des Kreises allgemeinen Wissens stehe. Man spricht noch immer, wie etwa im vorigen Jahrhundert, von solchen, die im „Jüdischen" und im „Deutschen" gebildet sind, als hinge nicht die jüdische Wissenschaft sowohl durch Materie als auch durch Methode eng mit dem allgemeinen Wissen zusammen. Ferner sind die örtlichen Verhältnisse vielfach Schuld, wenn ein Rabbiner so zu sagen verbauert. Dem könnte durch provinzielle Verbände abgeholfen werden, aber diese Idee ist noch zu wenig propagirt und doch könnten einige ernste Männer durch Veranstaltung von Jahresversammlungen, durch Gründung einer Bibliothek nach dieser Richtung hin Mancherlei wirken. Ein Drittes wäre das sich vielfach mit Erfolg kundgebende Streben, durch Vorträge aus dem Gebiete des jüdischen Wissens das große Publicum für dieses zu interessiren. Derlei geschieht wohl schon häufig, aber noch immer nicht allgemein genug. Gerade die jüdischen Theologen haben am wenigsten ein Recht, ihr Wissen exclusiv zu machen. Es ist auch kein Ziveifel, daß durch die Anregung des Publicums in wissenschaftlichen Dingen das Publicum selbst wieder auf die Fachmänner anregend wirken würde, ähnlich wie Isaak Aroma an einem Midrasch ausführt, welcher das Verhältniß Gottes zu Mose an dem Bilde einer Höhle darstellt, welche am Meeresufer lag. Zur Zeit der Fluth füllt das Meer die Höhle und erhält sein Wasser bei der Ebbe wieder zurück, um dann die Wechselwirkung stets von Neuem zu beginnen. (Akedath Jizchak II. 5 t.) Hauptsächlich ist es aber nothwendig, daß die Rabbiner sich von dem Gedanken emancipircn, talmudische Casuistik sei heute eine Förderung der Thora. Wir kommen nunmehr zu dem dritten Theile unserer Aufgabe, zur Besprechung dessen, was in Rücksicht auf die Förderung wohlthätiger Werke von dem Rabbiner zu erwarten ist. Das ist glücklicherweise noch die hellste Seite unseres Gemeindelebens. Selbst die Feinde des Judenthums lassen ihm hierin Gerechtigkeit widerfahren. Trotzdem ist nicht zu leugnen, daß die Schablone auch hier nachtheilig wirkt. Die alte Zeit — warum sollten wir es zu beschönigen versuchen — hat die Wohlthätigkeit in äußerlichem Sinne aufgcfaßt, wo es nur auf das Werk selbst, nicht auf seine Zweckmäßigkeit ankam. So ist es gekommen, daß in den größeren alten Gemeinden durch die häufigen Geldvertheilungen, wie sie bei Todesfällen, Jahrzeiten, vor den Festtagen und ähnlichen Gelegenheiten in Uebung sind, der Bettel künstlich großgezogen wurde. Mir selbst ist ein frommer alter Mann bekannt, der jeden Bittsteller unterstützte, wenn derselbe versprach, alle Tage in seine Privatsynagoge zu kommen, uni dort Psalmen zu sagen. Da durch eine solche Gabe der Betreffende aus seiner augenblicklichen Roth befreit wurde, ctablirtc er sich sofort als armer Mann, ging zu jedem Minjan bei Jahrzeitcn, ließ sich von den Stiftungen betheiligen und dachte nicht mehr an einen andern Erwerb. Bedenkt man, daß die jüdischen Waisenhäuser unzureichend sind, daß Vereine von so wohlthätiger Wirkung, wie die zur Verbreitung des Handwerkes unter den Juden und ähnliche, sich nur mit schwerer Mühe erhalten und lange nicht allen Anforderungen genügen können, so wird man diese Erscheinung auf das Tiefste bedauern und cs ist gar kein Zweifel, daß, wenn ein Rabbiner seine Gemeinde im Ganzen oder einzelne Private, von denen er weiß, daß sie ein gutes Werk zu stiften Vorhaben, in der richtigen Weise belehrt, er sicherlich der guten Sache dienen und die Wohlthätigkeit in die richtigen Bahnen leiten wird, lieber dem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.