Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1887)
- Date
- 1887-02-03
- Page
- Seite 68 (sequence 4)
- Language
- German
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68 durch das Wecken der Masse aus der religiösen Stagnation, durch Beseitigung des chassidistischen Wahnglaubens und durch Lüftung der Bande einer starren Orthodoxie. Dies ist meine innerste Ueberzeugung, mit dem Wunsche, daß die Anhänger der oben geschilderten Partei zu dieser Anschauung gelangen mögen, zu ihr, wenn sie ihre gegenwärtigen Meinungen durch die Thatsachen selbst als eine Täuschung erkennen werden, wie es unausbleiblich zu sein scheint. Brünn, im Januar. Die jüdische paloral-Theologie.9 Von Dr. G- Deutsch. Den Begriff der jüdischen Pastoral-Theologie haben wir als die Lehre von den Pflichten des rabbinischen Amtes zu bezeichnen, und deshalb fragen wir zunächst: „Was ist rabbinisches Amt?" Die Antwort lautet: „Rabbinisches Amt ist die Leitung der jüdischen Gemeinde zur Erfüllung ihrer religiösen, gesellschaftlichen und bürgerlichen Aufgaben." Durch diese Definition scheint allerdings der geschichtliche Boden verlassen, denn wir waren gewohnt, unter den Pflichten des rabbinischen Amtes hauptsächlich die Entscheidung in rituellen Fragen und die Verbreitung des Talmudstudiums zu sehen. Ohne damit der Wichtigkeit der Ritualpraxis irgendwie nahetreten zu wollen, sei es uns gestattet, zu untersuchen, inwieweit diese einseitige Anschauung dem gegenwärtigen Charakter des Standes entspricht und woher sie ihren Ursprung hat. Ich will nun zunächst absehen von dem Bilde, welches der Prophet Jccheskel von den Pflichten des Priestcrstandes entwirft, 44, 23 f., weil der levitische Priesterstand eine durch Abkunft geheiligte Kaste ist, obwohl sich auch nicht leugnen läßt, daß das Belehren des Volkes unzweifelhaft mit dem Aufhören des Tempelcultus eine Pastorale Pflicht geworden ist. Zweifellos gehört hierzu der Spruch, welcher den Männern der großen Synode in den Mund gelegt wird und als Einleitung zu den Sprüchen der Väter dient: „Seid vorsichtig im Rechtsprechen, stellet viele Schüler aus und ziehet einen Zaun um die Lehre." In neuester Zeit hat die Kritik nicht viel von den Männern der großen Synode übrig gelassen. Sie hat nachgewicsen — oder sagen wir, um Niemand zu verletzen, nachzuweisen versucht, — daß die große Synode nichts ist als eine fable convenue, die ihren Ursprung der apologetischen Tendenz verdankt, die große Lücke zwischen Esra und Simon dem Gerechten auszufüllen, um dadurch die rab- 1) Wir haben erst in Nr. 2 über denselben Gegenstand einen Leitartikel gegeben. Als dieser noch unter der Presse war, erhielten wir den folgenden von unserm geschätzten Mitarbeiter. Der Gegenstand ist aber zu wichtig, um nicht nach verschiedenen Seiten hin erörtert zu werden. Redaction. binische Lehre als eine von Mose an continuirlich fortgepflanzte erscheinen^ zu lassen. Sei dem, wie ihm wolle, für unsere Zwecke kommt es hauptsächlich darauf an, daß dieser Ausspruch als das Erbe jener Männer angesehen wird, welchen man die Erneuerung des Judenthums zuschreibt. Sie verlangen also von dem religiösen Führer des Volkes Sorgfalt in der Anwendung des Gesetzes und Fortpflanzung der Lehre durch Unterricht, daneben aber auch, daß er einen Zaun um die Lehre mache; daß die Worte von einer zeitgemäßen Umgestaltung des Gesetzes zu verstehen sind, wird nur derjenige bestreiten, der wirklich glaubt, König Salomo habe, wie es in der talmudischen Haggadah (Sabbath 14, 2.) heißt, das Gesetz von i’^c^n 2itj: angeordnet. Es ist nur naturgemäß, daß dem ältesten Oberhaupte der pharisäischen Gesetzeslehrer die Worte in den Mund gelegt werden: „Auf drei Dingen beruht die Welt, auf Gotteslehre, Gottesdienst und Wohlthätigkeit." Diese sittlichen Grundlagen der Welt zu pflegen, die darauf hinzielenden menschlichen Bestrebungen in die richtige Bahn zu lenken, das ist die Aufgabe, welche dem religiösen Leiter des Volkes zukommt. Es ist nicht meine Absicht, mit diesem Aussatze durch das ganze Schriftthum hindurch die Spuren davon zu verfolgen, wie sich einzelne berufene Männer die Pflichten ihrer Stellung als Lehrer des Volkes gedacht haben. Es genügt nachzuweisen, daß sie dieselben nie aus den Augen verloren haben, und da erinnern wir uns, daß einzelne Männer, wie Salomo ben Adrat durch ihr Auftreten gegen die Kabbalisten bewiesen haben, daß sie ihr Amt nicht so ausfaßten, als ob sie bloß zu lehren hätten, was rituell erlaubt oder verboten sei. In den Gutachten Isaak bei, Schescheth's findet sich ein Stück, worin er den lässigen Synagogenbesuch rügt und dem Gemeindevorsteher das Recht zuspricht, den Säumigen eine Strafe zu dictiren. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert sind es die sabbathianischen Bewegungen, gegen welche sich die Schriften der geistigen Führer des Judeuthums mit allem Eifer wenden, und wir erfahren aus ihnen auch, daß einzelne Männer, >vie Mose Chages, Zewi Aschkenasi und des letzteren Sohn Jakob Emden Pastorale Mittel anwcndeteu, um ihre Sache durchzuführen. Ich erwähne auch Menasse ben Israel, der für die Verbesserung der socialen Lage der Juden und für ihre gerechte Beururtheilung seitens Andersgläubiger Hervorragendes geleistet hat, um zu dein Schlüsse zu gelangen, daß in der heutigen Zeit die Selbstbcschränkung des Rabbiners auf Ritualpraxis und Predigt am allerwenigsten gerechtfertigt wäre. Folgen wir der rabbinischen Eintheilung, so erscheint die Thora die Lehre, als das erste, was der Pflege des geistigen -Oberhauptes empfohlen wird. Die Mischnah hat unter der „Lehre" sicherlich nur die trockene Festsetzung des halachischen Stoffes