Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1887)
- Date
- 1887-02-03
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
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67 daß hier der im jüdischen Stamm unbesiegbar lebende religiöse Trieb doch wieder zum Durchbruch kam. Hieraus entsprangen die Vereine, wenigstens die in Rußland bestehenden, welche die Einwanderung und Colonisation in Palästina zu ihrer Aufgabe machten. In Deutschland und England mögen diese Vereine noch immer mehr religiöse Triebfedern haben, auch meinen, auf diesem Wege vielen armen Auswanderern eine neue Heimath und einen neuen - Beruf zu bereiten. — Die russischen derartigen Vereine gehen bewußt von dem Gedanken aus, die jüdische Nation neu zu begründen. Der andere Theil jener Partei sah klarer; sie glaubte nicht, daß mit Palästina in feiner jetzigen Beschaffenheit und unter seinen gegenwärtigen Herrschern, sowie bei dem Andrang christlicher Einwanderer aller Kirchen und Secten eine größere Masse der Juden im Lande ihrer Väter Platz finden würde und in nachhaltiger Weise eine Nationalität ungestört entfalten könnte. Dieser Theil faßte die Ansicht, daß auch inmitten aller Völker eine starke Nationalität von den Juden aufrecht erhalten werden und bestehen könne. Sie hatte eben den Osten vor Augen. Während also der erstere Theil dieser „nationalen" Partei doch wieder national-religiös wurde, behauptete sich der andere Theil in der Idee der nationalpolitischen Existenz. Wir wollten hiermit nur Erscheinungen der Zeit kennzeichnen. Ob sie die Prüfungen auch nur der nächsten Zukunft bestehen werden, ist fraglich. Wenn sie nichts weiter zum Zwecke hätten, als Auswanderern Zufluchtsstätten und Anhaltspunkte für ihre Niederlassung zu schaffen, würde gewiß Jedermann ihnen Beifall spenden und Unterstützung gewähren. Wenn sie aber hierüber hinausgehen und eine besondere jüdische Nation wieder ins Leben rufen und sogar das national-politische Moment zur Grundlage und zum Inhalt der Fortexistenz der Juden machen wollen, sind sie geradezu einem gefährlichen Jrrthum unterlegen. Es ist klar, daß es diesen Männern selbst einleuchten müsse, wie sie mit ihren Ideen dem Antisemitismus nicht entgegen, sondern in die Hand arbeiten. Der Kernpunkt aller Hetzereien gegen die Juden in unserer Zeit ist ja, daß die letzteren Fremde und der Nation dadurch gefährlich seien. Erklären wir uns selbst dafür, so haben wir ihnen den Sieg leicht gemacht. Glauben nun jene Männer, die Widerstandskraft der Juden zu stärken, so ist auch dies illusorisch, denn, um vor einer Nationalität den sie umgebenden Völkerschaften Respect einzuflößen, müßte sie eine compakte Masse bilden, so daß sie eoncentrirt irgend eine Macht oder einen bedeutenden Einfluß ausüben könnte. Nun sind aber die Juden über die Oberfläche der Erde in lauter kleine Gruppen zersprengt, ohne Zusammenhang, ohne irgend eine greifbare Verbindung. Je stärker diese kleinen Gruppen eine eigenartige Nationalität behaupten oder bethäligen, desto eher rufen sie, nicht Furcht j und Achtung, sondern Feindschaft und Bekämpfung herauf. Andererseits aber leidet die ganze Partei an dem Mangel des religiösen Elementes, und ihre Ableugnung desselben ist für das Judenthum selbst hö chst bedrohlich. Durch die ganze Geschichte des jüdischen Stammes reicht der Gedanke, daß er allein um der Religion willen vorhanden und daß, was an ihm national war, eben nur bestand als Träger der Religion. Die nationale Verfassung in der mosaischen Urkunde hatte nur den Zweck, für die monotheistische Lehre eine Grundlage zu sein, ein Hans, in welchem jene Lehre bestehe und aufwachse. Tie Propheten machen die Existenz der Nation stets von ihrer Religiosität, von ihrer Treue gegen die Religion des einzigen Gottes und ihre Anhänglichkeit an dieselbe abhängig. Selbst der Makkabäerkampf und der Aufstand gegen die Römer hatten viel weniger die Freiheit der Nation als die Erhaltung der Religion und des Cultus zum Zweck. Höchstens kann man dem Aufstande des Bar Cochba die Herstellung der nationalen Existenz als Ziel zuschreiben — und er endete trübselig und setzte das Judenthum der schwersten Crise aus. Durch das ganze Mittelalter war es immer die Religion, welche die Verfolgten nicht allein aufrichtete, sondern ihnen Zweck ihres Märtyriums war: sie duldeten Alles, sie gingen in den Tod aus religiöser Ueberzeugung und brachten sich dieser zum Opfer dar. Und fragen wir uns heute, weshalb wir als Juden bestehen bleiben wollen? so kann die Antwort allein dahin lauten: um unsere monotheistische Gotteslehre, so wie sie uns überkommen ist und übertragen worden, in ihrer Reinheit und Ganzheit zu erhalten und daß wir in ihr zu leben entschlossen sind. Andere Motive, nationaler oder politischer Natur, sind für uns nicht vorhanden. Nationale und politische Bestrebungen, so wie wir uns ihnen ergeben, decken sich mit denen der Staaten und Nationen, in welchen wir leben. Allerdings sind diese Ansichten in den Juden Mittel- und Westeuropas am stärksten vorhanden und verwirklichen sich in ihnen immer mehr. In den Ostländern thut man von gegnerischer Seite alles mögliche, nur diese Ansichten in den Juden nicht aufkommen zu lassen, sondern sie durch Ausschließung und Bedrückung zurück zu halten und vom staatlichen und nationalen Leben hinauszubannen. Dies aber ist es, was wir allhier zu bekämpfen haben, um endlich zu derselben Stellung wie unsere Brüder im Westen zu gelangen, allerdings ein schwerer und langer Kampf. Was uns allmählich zum Ziele führen kcu.n, ist Zwiefaches: Bildung und echte Religiosität. Welche Hindernisse man uns auch für eine immer ausgedehntere Volksbildung entgegenstellt, wir müssen sie überwinden durch unermüdliche Arbeit, durch langsames, aber ununterbrochenes Fortschreiten. Immer aber muß die Stärkung des religiösen Lebens und Bewußtseins ein Hauptziel unserer Bestrebungen sein, die Stärkung desselben durch Klärung und Veredlung,