Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1887)
- Date
- 1887-02-03
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
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Beantwortung jener Frage hinsichtlich unserer Stammesgenossenschaft mehr den geschichtlichen Ursachen zuzuneigen, ' wenn man auch neuerdings, bis jetzt ohne hinlängliche Beweise, für die osteuropäischen Juden eine starke Invasion fremden Blutes behauptet. — Hieran knüpfe ich eine andere Bemerkung, die ich vorausschicken zu müssen glaube. Die mittel- und westeuropäischen Juden wohnen seit jeher in Ländern, von welchen in jedem eine besondere in sich einheitliche Nation ansässig ist. So in Deutschland, Italien, Spanien und Frankreich, in Belgien und Holland, in den skandinavischen Reichen und in England — während die osteuropäischen in Staaten heimisch sind, in denen ein großes Gemisch von Nationalitäten mit einander unter eurem Szepter verbunden ist. So in Böhmen und Mähren, in Ungarn und Galizien, in Rumänien und der Türkei und im großen Czarenreiche. Hieraus erklärtes sich, daß sich bei den Juden j in den östlichen Ländern ein größerer Stock von nationaler Individualität erhalten konnte und mußte. Wo die Nachbarn rechts und links verschiedenen Nationalitäten angehören, wird auch der zwischen ihnen wohnt und beiden ursprünglich nicht angehört, gewisse nationale Züge, ein gewisses individuelles nationales Gefühl und Bewußtsein behalten, um so mehr, da beide Nachbarn ihn von sich unterscheiden, von sich ausschließen werden. Viel weniger wird dies in den westlichen Ländern der Fall für die Juden gewesen sein, wo sie überall nur eine geringe Zahl Tropfen in dem nationalen Gewässer ausmachten. So lange natürlick die Ab- und Ausschließung stattfand und in harter Weise die Juden umgrenzte, waren sie auch in diesen Gegenden auf ein gewisses Maß spezifisch nationalen Daseins hingewiesen. Mit dem Aufhören jener Umzäunung entwickelte sich aber schnell die Amalgamation, das Gefühl, den nationalen Körpern anzugehören, in welchen sie existirten, mit denen sie die Geschicke theilten und deren Bestrebungen sie sich anzuschließen hatten. — Mit diesen Beobachtungen versehen, werden wir begreifen, daß die Gährung, welche durch die heftigen, so oft höchst traurigen antisemitischen Bewegungen im russischen Reiche, in Rumänien und zum Theil in Galizien für die Juden und in ihnen entstanden, verschiedene eigenthümliche Erscheinungen hervorbrachte. Während in unseren Glaubensgenossen von Mittel¬ und Westeuropa das religiöse Element, als das eigentlich trennende, so recht zum Bewußtsein kam, das Interesse für dieses belebte und gestärkt zu werden nöthig erschien, desavouirten sie selbst das Bestehen eines gesonderten nationalen Momentes in sich, und wandten dies als begründetes Abwehrmittel gegen den Antisemitismus ein. Ganz anders im Osten. Die unseligen Verfolgungen, die räuberischen, ja selbst mörderischen Szenen, die sich hier abspielten und eine große geographische Ausbreitung hatten, so wie die immer härter werdenden Ausnahmegesetze isolirten die Juden in hohem Grade. Das religiöse Moment trat zurück und dev Gedanke, noch immer eine Nation zu bilden und gerade als solche die harten Verfolgungen zu erdulden, mußte sich in den Köpfen einstellen. Hierzu kam, daß bei dem schnellen Uebergang zur wissenschaftlichen Cultur und zur Halbbildung sich in vielen, namentlich der siudirenden Jugend angehörenden Individuen, die sich von der Strömung des Geistes in der russischen Jugend hinreißen ließen, das religiöse Element verwischte, ja verlor und der nihilistisch-religiösen Anschauung Platz machte. Als in diesen sich nun die Opposition gegen die antisemitische Verfolgung regte und sie sich die Frage vorlegten, auf welche Weise die Juden im Stande wären, diesen zu begegnen und sich im barten Kampfe zu erhalten, fanden sie in dem religiösen Berufe des Judenthums und der Juden keinen Anhalt mehr, wobei man nicht vergessen darf, daß sie ringsum von dem tollen Chassidismus und der starren Orthodoxie umgeben waren. Sie ließen sich von dem Wahn beherrschen, daß das Judenthum als Religion den neuen Gedanken der Zeit gegenüber, d. h. den ihrigen in der Zukunft nicht mehr Stand hatten werde. So erhob sich vor ihrem Geiste ein Bild einer jüdischen Nationalität, die sich mitten unter den Völkern eine ausgeprägte Gestaltung gewinnen und einen reichen Charakter von Neuem erschaffen müsse. So entstand, namentlich unter der Jugend, eine „jüdisch-nationale" Partei. Sie ließ die Religion des Judenthums ganz bei Seite und erkannte sie als Bindemittel der jüdischen Masse, als eigentlichen Lebensinhalt derselben nicht an; dagegen wollte sie ein bestimmtes Bewußtsein als Nation in ihr wecken, jede irgend haltbare Eigenart in Sitte und Lebensweise verstärken und forderte deshalb die Cultivirung des Hebräischen nicht aus religiösen, sondern aus nationalen Motiven, damit das Volk auch seine eigene Sprache behalte. Was dieser Partei an Zahl abging, ersetzte sie durch Eifer und Enthusiasmus. Sie betrieb emsig Propaganda, gründete eine Zeitschrift, versah andere Blätter mit Artikeln, schrieb Broschüren und, suchte persönlich zu wirken. Sie ging auch nach dem Auslande, bemühte sich in Galizien und Rumänien und sogar in Wien, Vereine zu bilden, welche einen solchen Zweck zu verfolgen hatten, sie setzte über den Ocean mit dem Gedanken, in Nordamerika gesonderte Colonien zu gründen, wozu sie eine Schaar junger Männer um ihre Fahne sammelte, die sich an mehreren Punkten an der Spitze solcher Versuchscolonien befanden. Dennoch erfuhr diese Partei sehr bald eine Spaltung. Der eine Theil sagte sich, daß jeder Versuch, eine jüdische Nationalität zu erhalten, nur gelingen könne, wenn sie, anknüpfend an die Vergangenheit und an die prophetischen Verheißungen, im heiligen Lande sich einen starken Mittelpunkt schaffe, in welchem sie sich ungehindert zu entfalten vermöchte, und der immermehr Theile der zerstreuten jüdischen Masse an sich zöge. Man sieht,