Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1887)
- Date
- 1887-02-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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"Allgemeine Zeitung des Iudenthums. Ein unpartciisHcs Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Heransgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. Gspeöition: Leipzig, Woßpkah 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an I)r. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 51. Jahrgang. Leipzig, den 3. Februar 1887. Nr. 5. Inhalt. Leitende Artikel: Zustände und Richtungen. — Die jüdische Past oral-Theologie. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Berlin, Dresden, Aus Brürttemberg, Siegen. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Frankreich: Paris. — Italien: Rom. — Rußland: Bon der russischen Grenze. — Großbrirannien: London. — Bonn: Notizen. — Bonn: Literarische Notizen. — Feuilleton: Skizze zur Geschichte der Juden in Teplitz (Böhmen). — Vermischtes. Zeitc'Vibe Cl'Z'ki&ef. j Petersburg, im Januar, j Zustande und Richtungen. Ein wechselvolles Leben führte mich durch fast alle Länder Europas und hat mir so Gelegenheit geboten, Beobachtungen über die Staaten, Nationen und Länder zu machen. Bei der Betrachtung, die ich heute anzustellen gedenke, habe ich da eine Verschiedenheit hervorzuheben, die an sich und in ihrer Bedeutung bis jetzt nicht genug betont worden ist, nämlich die, zwischen den osteuropäischen und den mittel- und westeuropäischen Juden. Diese Verschiedenheit stellt sich nicht nur in der äußeren Erscheinung, d. h. in der Physiognomie, der Kleidung und den Sitten, sondern auch im Charakter, in den Geistesanlagen heraus. Allerdings hat man diese Verschiedenheit schon seit alter Zeit gekannt. In Norddeutschland, das früher so wenig von Juden bewohnt war, weil man sie nicht duldete, flössen diese Elemente zusammen; man nannte die einen „aus dem Reich", die anderen „polnische Juden". Jetzt verwischen sich die Spuren dieser Einwanderung von Osten und Westen in der zweiten oder dritten Generation. Der osteuropäische Jude besitzt Verstandesschärfe bis zur Spitzsindigkeit, Schlauheit, viel Einblldungskraft und große Lebhaftigkeit der Gefühle; aber alle diese Geistesanlagen bestehen in ihm unvermittelt und unharmonisch, so daß sie sich gegenseitig nicht unterstützen, sondern schaden; seine Geistesproducte sind deshalb eigenthümlich, aber weder gründlich, großartig, noch schön. Jene Verstandesschärfe zeigte sich in dem meist vom Osten gepflegten Pllpul; die Vertrautheit mit und die Gewandtheit in dieser Methode der Talmudbehandlung brachte es zu Wege, daß Jahrhunderte hindurch die westlichen Rabbinatssitze vorzugsweise mit polnischen Rabbinen besetzt wurden; die deutschen Rabbinen traten, obschon oft von tiefer Gelehrsamkeit und größerer Sorgfalt der Forschung vor jenen um dieses Glanzes in der Discussion willen zurück. Man braucht nur dem Gesang eines tüchtigen polnischen Vorbeters zuzuhören, wie bei ihm Jubel und Trauer in den wildesten Tönen, in den schreiendsten Gegensätzen, oft sehr unharmonisch, immer aber erschütternd, zum Ausdruck kommen, um die Lebhaftigkeit seiner Empfindungsweise und der seiner Zuhörer zu begreifen. Endlich gehörte wohl eine sehr starke, aber einseitige Einbildungskraft dazu, um den Chassidismus zu schaffen und eine weite Verbreitung in der jüdischen Masse finden zu lassen. Bei den mittel- und westeuropäischen Juden dagegen waren jene Geistesanlagen in innigerer Verbindung und Wechselwirkung, also in gewisser Harmonie vorhanden, beschränkten sich deshalb unter einander, gaben aber auch einer ruhigeren Entwickelung und gemäßigter Lebenshaltung Raum. Ich will mich nicht in die jetzt so beliebte Streitfrage einlassen, ob solche Geistesbeschaffenheit aus genetischen Ursachen, d. h. aus ursprünglicher fortgepflanzter Anlage oder aus geschichtlichen Ursachen entspringe, also aus den geschichtlichen Verhältnissen und Ereignissen sich herausgebildet und anerzogen habe. Da die Wurzel aller dieser jüdischen Geschlechter dieselbe war und doch so verschiedene Stämme aus ihr aufgeschossen sind, scheint sich die s