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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-01-25 · Heft 4 (25.1.1887) · p. Seite 60

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 4 (25.1.1887)
Date
1887-01-25
Page
Seite 60 (sequence 12)
Language
German
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60 Günstigste? Ich gewahre nämlich, daß jedes Lebensalter eigentlich mehr in dem lebt, das ihm bevorsteht, als in dem, welches gegenwärtig ist. Der Knabe drängt sich am liebsten in die Reihen der Jünglinge; der Jüngling kann die Zeit nicht erwarten, wo er eine Stellung im Leben erreicht und träumt viel von dem, was er als Mann ausführen werde. Und der Mann, allmählich von den Mühsalen bedrückt und von den geringen Resultaten, die er sich zuschreiben darf, hofft auf das Alter, in welchem er von seinen Lasten befreit sein und ausruhen werde. So ist es immer die Zukunft, von der wir uns Besseres versprechen. Ich will Ihnen meine Ansicht kurz aussprechen. Ich halte das Lebensalter für das Günstigste, in welchem wir am Besten unsere Pflichten erfüllen, Tüchtiges leisten, Gutes schaffen. — Dann ist es das Mannesalter, welches Sie vorziehen? — Durchaus nicht, lieber Freund. Was Sie vorher von den aufeinanderfolgenden Lebensaltern gesagt, kann auch in rücklaufender Reihe betrachtet werden. Sehr häufig entspricht der Mann durchaus nicht dem, was der Jüngling verheißen hat, und nicht selten ist dasselbe vom Jüngling der Fall in dem, was er als Knabe versprochen. Ich babe zu lange Jugendunterricht ertheilt, als daß ich nicht oft genug zu beobachten Gelegenheit gehabt hätte, welches überraschende geistige Wachsthum in den Knaben und noch mehr in den Mädchen stattfand, und daß mit dem fünfzehnten oder sechszehnten Jahre ein Stillstand eintrat, dem sogar ein Rückgang folgte, und mit Ueberraschung gewahrte ich oft später, wie viele ganz gewöhnliche Menschen aus den vielversprechenden Knaben und Mädchen geworden. Hieraus schloß ich, daß es bei den verschiedenen Menschen ein verschiedenes Lebensalter ist, in welchem sie das Beste leisten und das Tüchtigste vor sich bringen. Und so verhält es sich selbst mit dem Greisenalter. Unsere Altvordern legten das größte Gewicht auf das Alter, ans die Besonnenheit und Mäßigung, auf die Unparteilichkeit und Leidenschaftslosigkeit, die dem Alter eigen sind, als der Lebenszeit, in welcher der Mensch schon aus den gewöhnlichen Verhältnissen herausgetreten und die äußeren und inneren Stürme bestand. Schon in der Bezeichnung Sekenim, welche allen Führern des Volkes und der Gemeinden, den Vorstehern und Richtern beigelegt wurde, liegt die Bedeutung, die man dem Alter zuschrieb. Gleiches finden wir ja bei den Griechen und Römern. Und nicht bloß in den genannten Eigenschaften, auch in der Energie, in der Thatkraft hielt man das Alter nicht für nothwendiger Weise zurückstehend. Moses war 80 Jahre, als er die Führung des Volkes übernahm, Josua 85, als er die Eroberung Canaans begann; Rabbi Akkiba trat 40 Jahre alt, bis dahin völlig unwissend, in das Studium ein und Jahrzehnte vergingen noch, bevor er als Lehrer und Meister in geistig so glänzender Weise zu wirken anfing. Erzählt doch die Sage, daß ein noch! jugendlicher Lehrer erst dann im Sanhedrin den Vorsitz erhielt, als er in einer Nacht völlig graues Haar bekommen hatte. Man berichtet von Sophokles, daß er in seinem 92. Jahre noch mit neugeschaffenen Dramen um den Preis warb; Alexander v. Humboldt hat im höchsten Alter erst die Resultate aller seiner Arbeiten und Forschungen in meisterhafter Weise im Kosmos niedergelegt, und was man auch neuerdings geurtheilt hat, bewunderungswürdig sind die Leistungen des 80jährigen Goethe. Aehnlichen Erscheinungen, wenn auch nicht an diese Höhe reichend, begegnen wir ja in allen Kreisen. Ich wollte hiermit nur erweisen, daß selbst das höchste Alter keine absolut zurückstehende Lebenszeit ist, und sich in demselben Intelligenz, Gemüth, Pflichteifer und Thatkraft erhalten können. Mit Recht spricht daher der Psalmist (92, 13): „Der Gerechte sprosset wie die Palme, Wie eine Zeder auf Lebanon schießt er auf; Noch treiben sie im Greisenalter, Sind saftvoll und belaubt." Dazu ist aber erforderlich, daß der Mensch sich auf der Höhe der Lebensanschauung erhalte, daß er den finstern Dämon, der sich seiner in den dunkeln Stunden des Lebens bemächtigt, immer wieder aus seiner Seele drängt und sein Auge dem Lichte öffnet, das endlich doch immer wieder seine Strahlen freundlich auf den Erdensohn ergießt. Skizze zur Geschichte der Juden in Heplitz (Löhmen). Bon vr. Adolf Rosenzweig, Rabbiner und Prediger daselbst. (Fortsetzung?) Die Stadt hörte nicht auf, auch in der Folge ihre Zugkraft auf die Inden auszuüben. Trotz des Druckes, der auf ihnen lastete, trotz der hohen Steuern, die sie an die Gutsherrschaft und an den Staat entrichten mußten, finden wir im I. 1674 bereits wieder 21 und 6 Jahre später 25 „behauste" Familien mit 154 Personen. Im I. 1671 starb Hieronymus und Graf Johann Georg Marcus v. Clary-Aldringen übernahm die Herrschaft. Obgleich Handel und Wandel allenthalben stockten, fand er es doch für angemessen, im Jahre 1696 die sogenannte „Pardonscasse" einzurichten, für die jeder Jude zu Gunsten der Herrschaft „unter jüdischem Bann" bei jedem Kauf und Verkauf, sowie bei jedem Geldgeschäfte und jeder Schenkung eine besondere Taxe, von jedem Gulden 1—3 Kreuzer Pardons- *) S. Nr. 1. 2. 3. Durch ein Versehen ist in Nr. 3 „Schluß" angegeben worden. Red.

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