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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-01-25 · Heft 4 (25.1.1887) · p. Seite 59

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 4 (25.1.1887)
Date
1887-01-25
Page
Seite 59 (sequence 11)
Language
German
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59 ständig zutreffend anerkennen müssen; aber destomehr erfüllt die Darstellung den Zweck, angehende Denker mit den Hauptresultatcn jener deutschen Philosophen bekannt zu machen. Wir wünschen daher dem trefflichen Buche eine recht allgemeine Verbreitung unter allen Freunden der neuhebräischen Literatur und unter de» Schülern des Ostens. — Is e u i H c t o n. Auf die richtige Anficht Kommt es an. Bor einigen Tagen besuchte mich ein alter Bekannter, ein kleiner, grimmiger Mann, in welchem das gutmüthige Herz und die böse Laune sich stets in den Haaren lagen, der stets pessimistische Worte auf den Lippen hat und doch nur menschenfreundliche Handlungen verübt. Ein sehr wechselvolles Leben, viele Enttäuschungen, viele gute und doch nicht erfüllte Absichten haben diese Widersprüche in seine Seele gebracht. — Sagen Sie, redete er mich an, welches Lebensalter halten Sie wohl für das Beste, für das, in welchem man sich trotz aller Widerwärtigkeiten und Mißgeschicke noch irgend wohl fühlen könnte? — Ich mußte lächeln. Tann sagen Sie mir erst, antwortete ich, welche Jahreszeit halten Sie für die angenehmste? — Ich, erwiderte er rasch, keine, wenigstens nicht in unserem abscheulichen Klima. Keine hält, was sie versprochen oder was man in ihrem Namen versprochen hat. Ich freue mich auf den Frühling und denke an dT die schönen Maienlieder der Dichter, und er ist feucht und kühl. Ich hoffe auf den Sommer, und er bringt mir erdrückende Hitze, so daß ich mich nach dem Gewitter trotz seiner Blitzschläge, Wirbelwinde und Regengüsse wie nach einem Befreier sehne. Man vertröstet mich auf den Herbst, und er ist rauh, stürmisch, seine Tage voll Nebel, die Blätter tanzen umher und der Regen schlägt an die Fenster. Ter Winter ist nun gar nicht meine Passion; die Nord- und Ostwinde benehmen mir den Athem und wecken die Gicht in den Gliedern; das ewige Feuern im Ofen und die erhitzte Luft in den Zimmern sind mir fatal. Was hält' ich da zu loben? — Alles, was das Gegentheil ist von dem, was Sie aufgeführt haben. Denn, fuhr ich fort, wenn dies alles Ihnen als unangenehm auffällt, so muß doch auch das Gegentheil, also das Angenehme, vorhanden sein, und ich brauche Ihnen es wohl nicht zu schildern. Es kommt immer auf das alte Lied wieder hinaus, das jedes Ding seine guten und seine üblen Seiten habe, Vorzüge und Nachtheile besitze, und es unsere Aufgabe sei, uns leicht in die Dinge zu schicken und sie aufs Günstigste uns zurechtzulegen. Und so antworte ich Ihnen: diejenige Jahreszeit ist die Beste, in welcher gerade dqs schönste Wetter und recht andauernd ist. Gleichgültig ist mir, wie sie sich eben benennt. - Ja, sagte mein Widerpart, da stoßen wir eben wiecer auf unseren alten Gegensatz; meine Lebenserfahrungen haben mich pessimistisch gemacht, die Ihrigen Sie optimistisch. — Das (Elftere gebe ich Ihnen zu und es thut mir leid genug. Mich selbst kann ich nicht als optimistisch anerkennen, da ich mir der dunklen Schatten und der trübseligen Flecken an allen irdischen Dingen wohl bewußt bin und sie mir durchaus nicht verschleiere. Aber, was ich gewinnen muß, ist, daß aus unseren Schicksalen allein unsere Anschauungsweise vom Leben hervorgehe. In diesem Falle müßte ja Jeder, der Widerwärtigkeiten erfahren hat, und wer hat dies am Ende nicht, solche düstere Ansichten hegen. Ich weiß sehr wohl, daß Niemand so tief in das Herz des Anderen zu blicken vermag, um zu wissen, wie tief irgend ein Schicksalsschlag ihm in das innerste Sein seiner Seele gedrungen, wie tief er ihn gebeugt, wie lange er sie beherrscht. Vergleiche ich aber meinen und vieler Anderer Lebensgang mit dem Ihrigen, Freund, so däucht es mich, als ob Niemand unter uns von den heiligen Uebeln des Lebens verschont worden, daß sich Jedem von uns große Schwierigkeiten in den Weg stellten, und, als wir sie überwunden, fanden wir uns in den Erfolgen getäuscht. Da kommt es also darauf an, wie wir das Leben und seinen Wandel auffassen, welche Kraft wir besitzen, uns aufzurichten und unseren Blick wieder zu erheitern. Es kommt darauf an, ob wir uns befähigt erhalten, auch die freundliche Gestaltung unserer Verhältnisse, auch die Gaben eines günstigen Geschickes zu würdigen und der Freude darüber die Pforten unserer Seele zu erschließen. Noch mehr, es kommt sogar darauf an, ob wir alles das erwägen, was Uebles uns erspart bleibt, was Uebles uns hätte treffen können und glücklicher Weise uns nicht betroffen hat. Sind wir so weit gelangt, und man kann auch hierin sich heranbilden, so werden wir das menschliche Leben viel farbiger, viel blüthen- und fruchtreicher finden, in uns viel mehr Frieden empfinden und mit dem Geschick und mit den Menschen auf recht freundlichem Fuße stehen.— Ich hatte einen recht aufmerksamen Zuhörer und er schien eine Zeit lang über das Gesagte nachzudenkeu. Dann hob er an: Ich komme zu meiner ersten Frage zurück. Welches Lebensalter halten Sie für das Beste, für das 4*

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