Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1887)
- Date
- 1887-01-25
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
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58 erschienen. Bor drei Jahren endlich erhielt er die Ernennung als ordentlicher Professor. Außer seinem großen Werke sind von ihm zahlreiche Monographien, besonders slavische Geschichte betreffend, zuletzt noch ein umfangreiches Kulturbild im Rahmen einer Novelle „Beata und Halszka" erschienen. Die Polen, welche Anfangs ihn anfeindeten, weil er manches nationale Märchen als solches ausdeckte, zollen ihm dennoch jetzt das Lob eines der scharfsinnigsten und gründlichsten Forscher. Vom Herzog Ernst von Coburg-Gotha erhielt er den ernestinischen Hausorden für Kunst und Wissenschaft. Er ist bis jetzt unverheirathet, beim deutschen Kaiserhofe aber persona gratissima, hängt mit großer Liebe an seinen strengjüdischen Eltern und Geschwistern und hat für sein Judenthum schon die schwersten Opfer gebracht. Warschau, im Januar. Der „Polit. Corresp." wird von hier gemeldet: Die in Betreff des Aufenthaltes der Juden in einigen Städten erflossenen Ausnahmeverfügungen werden mit größter Strenge ausgeführt. Neuerlich wurden die Truppenkommandanten in den polnischen Garnisonen angewiesen, Juden von Armeelieferungen nach Möglichkeit auszuschließen! (Bekanntlich hatte man schon im letzten russischtürkischen Kriege die Juden von allen Lieferungen für die Armee grundsätzlich ausgeschlossen. Man gerieth aber hierdurch in solche Verlegenheiten, daß man schleunigst jüdische Lieferanten wieder herbeirief.) Asien. Bagdad, im Tecember. Die türkische Regierung hat seit längerer Zeit die hiesige israelitische Gemeinde mit einer besonderen Abgabe von 150,000 Piaster jährlich belastet, die durch den Vorstand von den begüterten Mitgliedern eingezogen wurden. Die jüngste Volkszählung hat einen Anwachs der jüdischen Bevölkerung erwiesen und infolge dessen hat die Regierung jene Abgaben auf 335,000 Piaster jährlich erhöht. Nun besteht aber die Vermehrung der Gemeinde nur aus armen Leuten, die kaum das Nöthige für ihre Familen durch ihre Arbeit erschwingen. Sie, die bis jetzt von allen besonderen Abgaben frei waren, weigerten sich, ihren Antheil an jener zu zahlen, zumeist weil sie dies eben nicht vermochten. Die Vorsteher lehnten deshalb ab, sich ferner mit der Einziehung der Abgaben zu beschäftigen. Die Behörden ließen nun diejenigen, die nicht zahlten, in's Gefängniß werfen. Einige wurden wieder entlassen, wenn ihre Freunde das Geld aufgebracht hatten, andere schmachten schon mehrere Monate im Kerker, und ihre Familien sind ohne Ernährer. Man kann sich denken, welche Aufregung und Trauer in den Hütten dieser Armen herrschen. Bonn, 16. Januar. (Notizen.) In Sydney (Australien) geht eine Pferdebahn dicht vor der Synagoge vorüber. Während der letzten jüdischen Feiertage verordnete die Direction, daß die Wagen während des Gottesdienstes nur im Schritt an der Synagoge vorüberfahren sollen. — Jüngst starb in New-Iork Hr. David Levi, ehemaliger Senator der Vereinigten-Staaten und ehemaliges Mitglied des Congresses, in dem er Florida vertrat. Da er im Secessionskriege Partei für die Südstaaten ergriffen hatte, wurde er nach der Eroberung Richmond's gefangen genommen und erlangte die Freiheit erst unter der Präsidentschaft Grant's wieder. Levi war ein Nachkomme des marokanischen Großveziers Mustafa Astes, der sich nach Gibraltar zurückzog, wo er zum Judenthum übertrat. Bonn, 16. Januar. (Literarische Notizen.) Das Neuhebräische war Jahrhunderte hindurch die Sprache der Juden in der Literatur und in der Correspondenz. Die Kenntniß desselben war so allgemein verbreitet, daß nur Schriften, die in ihr versaßt waren, den Juden aller Länder zugänglich waren. So mußten die Werke unserer Geistesheroen aus der arabischen Epoche, die meist in arabischer Sprache geschrieben waren, ins Neuhebräische übertragen werden, um das geistige Eigenthum der Juden aller Länder zu werden. Aber auch in der Neuzeit hat die neuhebräische Sprache noch ihre ganze Wichtigkeit, namentlich für unsere Glaubensgenossen in den osteuropäischen Ländern. Sie wurde für sie die Vermittlerin aller Kulturbestrebungen, namenlich der wissenschaftlichen. Wir besitzen eine lange Reihe neuhebräischer Schriften, welche die Mathematik und die Naturwissenschaften behandeln und diese Disciplinen den aufstrebenden Geistern jener Länder zugänglich machen. Wir erinnern z. B. aus der jüngsten Zeit an die trefflichen geographischen Arbeiten des Schuldirectors Herrn Hillel Kahane in Botuschan. In diesen Tagen kam uns eine Schrift des Herrn Fabian Mieses in Leipzig zu N'Di;^'Dn nr.ip nsnnr-, eine Geschichte der neuern Philosophie (Leipzig, Commissionsverlag Schäfer, 1d87). Obgleich es auf dem Titelblatt nicht bemerkt worden, setzen wir voraus, daß dieser Band nur der erste Theil des ganzen Werkes ist. Der Verf. stellt hier das philosophische System Kant's, sowie der Kantianer Jacobi, Reinhold, Fries, Schulze, Salomon Maimon, dann das Fichte's und Schelling's dar. Wahrhaft meisterhaft ist die Behandlung der neuhebräischen Sprache, um die Abstractionen dieser Philosophen auszudrücken, und gelingt ihm das mit einer Art Virtuosität. Man steht hier oft vor einem sprachlichen Räthsel, und siehe da! der Verf. hat es glücklich gelöst. Ueberall befleißigt er sich der Klarheit, wofür ihm seine Leser sehr dankbar sein müssen. Selbstverständlich wird man deshalb die Auffassung der betreffenden philosophischen Gedanken nicht immer als gründlich und voll-