Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 4 (25.1.1887)
- Date
- 1887-01-25
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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57 Nun beabsichtige ich aber, für eine Speiseanstalt zu plaidiren, deren Nothwendigkeit jeden Zweifel ausschließt. Ich meine eine Speiseanstalt für hungernde Kranke. Es ist eine gottgefällige That, Armen billige oder gar Gratisspeisen zu verabreichen. Ist der Arme aber krank, so steigert sich der Werth der That um so mehr. Mein Augenmerk richtet sich zunächst nach Carlsbad, der Zufluchtsstätte der notorisch Leidenden. Wer Carlsbad aufsucht, ist krank im wahrsten Sinne, darum pilgern auch so viele aus weitester Ferne dahin und selbstverständlich darunter auch sehr viele Arme. Sie haben sich die Mittel zur kostspieligen Reise verschafft, dort angelangt, sind sie oft der größten Noth Preisgegeben. Das dort bestehende jüdische Hospital kann unmöglich allen Aufnahme Suchenden Gewährung schenken, und so nagt so mancher kranke Arme dort am Hungertuche und verschlimmert sein Uebel, anstatt es zu heben. bis ihn am 5. Januar nach langem Leiden der Tod im Alter von 70 Jahren ereilte. Der Staat berief ihn vielfach zu Commissionen, namentlich über sociale Fragen und erkannte seine Verdienste durch die Verleihung der Ehrenlegion an. Das Begräbniß war ein überaus feierliches und die Theilnahme, die man dem Verluste eines solchen Mannes widmete, sprach sich seitens aller Stände und Classen aus. Die Zipfel des Bahrtuches wurden von dein Bürgermeister, dem Unterpräfecten, dem Oberstlieutenant des 49. Regiments, dem Präsidenten des Civilgerichtshofes, Alexander Leon, dem Präsidenten des israelitischen Consistoriums der Gironde und dem Director des Lyceums vonBayonne getragen. — Die Arch. isr. berichten die gewiß denkwürdige Thatsache, daß in der kleinen tunesischen Stadt Biserta die jüdische Gemeinde eine goldene Medaille für den Kapuziner P. Alexandro da Varazze in dankbarer Anerkennung seiner den Mitgliedern aller Confessionen gleichmäßig erwiesenen Menschenfreundlichkeit und Es werden wohl Collecten für Solche fast täglich einge-^ Krankenpflege schlagen ließ und mit einer Adresse in hebräischer leitet, aber belästigend wie diese für die Veranstalter wie für I Sprache überreicht hat. die in Anspruch Genommenen einmal sind, erreichen sie selten' ihr Ziel. Nur eine Speiseanstalt kann da wahrhaft helfen, wozu ich hiermit die Anregung zu geben mir erlaube. Wie diese zu Stande komme? darüber mögen in der Creirung solcher Institute Erfahrene ihre gefällige Ansicht in dieser Zeitung mittheilen. vr. Spitzer. (Der von uns sehr geachtete Vers, obigen Aufrufs hat uns den Abdruck desselben dringend empfohlen. Die Realisirung desselben kann aber wohl nur von wohlgesinnten Männern des Ortes, nämlich Carlsbad's, ausgehen. Red.) Frankreich. Paris, 14. Januar. In sehr rascher Folge verlor das französische Rabbinat drei sehr würdige Vertreter. Nach dem Tode des Rabbiners B. Lipman in Lille verschied auch der Großrabbiner Simon Levy in Bordeaux, und jetzt kommt die Nachricht, daß auch der Großrabbiner von Bayonne, S. Marx, heimgegangen ist. So sind drei Consistorialsprengel ihrer geistlichen Hirten beraubt, und es wird immerhin schwierig sein, sie wieder zn besetzen. Samuel Marx war 1817 zu Dürkheim «n der Pfalz geboren, also mehrere Jahre, nachdem die französische Herrschaft daselbst aufgehört hatte. Er wurde Schüler des Rabbinerseminars zu Metz und in seinem 25. Lebensjahre zum Rabbinat in Saint-Esprit berufen. 1846 wurden einige Bezirke von dem Consistorialsprengel Bordeaux abgelöst und zu einem eigenen Consistorialsprengel mit dem Sitze in Saint-Esprit, später Bayonne erhoben; an dieser Stelle wirkte er segensreich über 40 Jahre, Rußland. Petersburg, im Januar. Die kaiserliche Academie der Wissenschaften hat den Professor Di-. Jacob Caro zu ihrem ordentlichen Mitgliede ernannt. (Wir nehmen die Gelegenheit wahr, hier eine aus zuverlässigster Quelle stammende biographische Skizze zu geben. Die Redaction.) Jacob Caro ist als Zweitältester Sohn des Rabbiners Josef Haiman Caro geboren zu Gnesen (Provinz Posen) im Jahre 1838. Er besuchte das Gymnasium in Posen, studirte in Berlin, Halle und Leipzig zuerst Theologie, dann Geschichte und Cameralia. Durch seine Monographie: „Die Parteikämpfe der Häuser Zborowski und Zamoiski" habilitirte er sich als Privatdocent der Geschichte in Jena, erregte aber auch die Aufmerksamkeit der Herausgeber des „Europäischen Staatenwerkes" von Ucker und Heeren. Zu gleicher Zeit berief ihn die Großfürstin Helena behufs archivalischer Studien nach St. Petersburg, woselbst er ein halbes Jahr lang in sehr vertraulicher Stellung bei Mitgliedern des Kaiserhofes lebte. Eine Anstellung im russischen Staatsdienst schlug er aus, trotzdem er in Deutschland vor 1886 seines Glaubens wegen auf Beförderung verzichten mußte. Erst nach der Vollendung des ersten Bandes seiner umfangreichen „Geschichte Polens", mit deren Bearbeitung er seitens obengenannten Unternehmens als Nachfolger Röppell's betraut war, wurde er seitens der sächsischen Herzöge als Nutritoren Jenas zum außerordentlichen Professor ernannt. Nach 1866, noch unter Mühler, erhielt er einen Ruf als prof. honor. nach Breslau. Unterdeß waren vier dicke Bände der „Geschichte Polens" 4