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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-01-25 · Heft 4 (25.1.1887) · p. Seite 54

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 4 (25.1.1887)
Date
1887-01-25
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
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54 eine sehr fragliche Sache. In den Städten Palästina's liegen aber die gewerblichen Verhältnisse äußerst darnieder, und die Zustände, bei dem Mangel aller reicheren Erwerbsquellen, sind von betrübender Art. — Wir können die Wortführer unserer russischen und rumänischen Glaubensgenossen nur ersuchen, diese unsere Bemerkungen weiter zu verbreiten. Es ist unser Bestreben, irgend welche sichere Wegweiser für die Auswanderer zu finden. Hauptsache ist jedoch, daß die letzteren nicht ganz mittellos ihre Heimath verlassen. Je mehr die Auswanderung zunimmt, desto weniger ist auf die Unterstützung der Glaubensgenossen in den zu durchziehenden Ländern, sowie in den zu neuen Heimstätten gewählten zu rechnen, und der Mittellose findet sich immer noch eher in der Heimath zurecht, als in einem fremden Lande, dessen Sprache er nicht kennt und dessen Verhältnisse ihm unbekannt sind. Deutschland. Berlin, 12. Januar. (Privatmitth.) Nachdem hier einige Bewerber um die neue Predigerstelle gepredigt haben, ist es von der Wahl wieder still geworden Man will wohl erst über den Neubau einer oder mehrerer Synagogen schlüssig sein. Am meisten sprach man von dem Erfolge des Rabbiners vr. Rosenzweig aus Teplitz. — Auch in den Wohlthätigkeitsanstalten macht sich die große Ausdehnung der Stadt insofern fühlbar, daß sich gewisse Vereine nur für cineu bestimmten Stadttheil constituiren. So besteht seit mehreren Jahren ein israelitischer Frauenverein „Ostend". Der Verein zählt gegenwärtig ca. 400 Damen als Mitglieder. Der Zweck desselben ist, armen kranken Frauen, insbesondere Wöchnerinnen, schleunige Geldunterstützungen zuzuwenden. Im verflossenen Jahre waren 131 Gesuche eingegangen, wovon 119 berücksichtigt wurden. Berlin, 16. Januar. (Privatmitth.) Der deutsche Reichstag ist aufgelöst und die Neuwahl auf den 21. Februar anberaumt. Als vor noch nicht drei Jahren die Wahlen zuni deutschen Reichstage stattfanden, wurde namentlich in Berlin und an einigen deutschen Orten der Antisemitismus von der coniervativen Partei als Wahlmotiv ausgespielt. Die Angriffe gegen die Juden waren heftig, blieben aber erfolglos. Man hatte damals die Wahl Ludwig Löwe's und Straßmanns zu bekämpfen; sie wurden Beide wiedergewählt. Beide sind unterdeß vom irdischen Schauplatz abgetreten. Wir glauben nicht, daß bei den diesmaligen Wahlen die Judenhetze eine Rolle spielen werde. Als einen Beweis dafür kann eine Volksversammlung im 2. Berliner Wahlbezirke angesehen werden, in welcher Stöcker, Professor Wagner und Cremer das Wort führten, und — der Juden gar nicht erwähnt wurde! Selbst als man vom Abgeordneten Bamberger sprach, wurde nur der Zwischenruf gehört: „Auch so ein Internationaler, kein Deutscher!" Die genannten Herren mußten also glauben, daß sie mit den Schimpfreden auf Juden keine Parade machen könnten. Es versteht sich, daß wir hiermit zufrieden sein können. In der That, in der schwierigen Krise, in welche Deutschland gerathen ist, leiden die Juden gerade so viel wie ihre christlichen Mitbürger, und es ist gar kein Moment ersichtlich, was sie darin zu bedeuten hätten. Der oben beschriebene Vorgang ist aber darum nicht gleichgültig, weil, wenn man die Gewohnheit abthut, bei öffentlichen Verhandlungen die Juden immer wieder vorzuschieben, die antisemitische Gesinnung auch im allgemeinen Publikum sich wieder abschwächen wird. Leipzig, 9. Januar. Herr Nathan Händler, Ehef der hiesigen Rauchwaarenhandlung N. Händler & Sohn, hat dem Vorstand der israelitischen Regionsgemeinde die Summe von 100,000 Mark zu einer Stiftung, die seinen Namen führen soll, mit der Bestimmung überwiesen, daß ein Viertel der Zinsen des unangreifbaren Kapitals alljährlich dem hiesigen Verein für Familien- und Volkserziehung behufs Heranbildung junger Mädchen (ohne Unterschied der Confession) für entsprechend praktische Berufsarten, drei Viertel des Zinsenertrages aber zu Heranbildung tüchtiger jüdischer Handwerker (unter ausdrücklicher Ausschließung gelehrter und künstlerischer Berufszweige) verwendet werden sollen. Der Stifter will namentlich durch die letzterwähnte Verfügung Söhne unbemittelter jüdischer Eltern zu guten Handwerkern herangebildet und damit das Handwerk, wie es in alten Zeiten der Fall war, unter seinen Glaubensgenossen zu Ansehen gebracht wissen, weshalb er auch die Verwendung der Zinsen zu Handelsgeschäften ausdrücklich verbietet, sich überhaupt für Lebenszeit seine Stimme bei der Entscheidung über die Vertheilung Vorbehalten hat. Breslau, 12. Januar. (Eingesandt.) (Die Rabbinerwahl in Breslau.) In der nächsten Zeit vollzieht sich in der hiesigen jüdischen Gemeinde das wichtige Ereigniß der Wahl eines Gemeinderabbiners. Es entspricht sicherlich den Empfindungen eines jeden einzelnen Gemeindemitgliedes über diese Frage, die nicht nur für den Kultus, sondern auch in ritueller Beziehung für das Familienhaus von größter Bedeutung ist, vor ihrer Entscheidung unterrichtet zu sein.

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