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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-01-25 · Heft 4 (25.1.1887) · p. Seite 53

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 4 (25.1.1887)
Date
1887-01-25
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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53 das Mittel des Gedächtnisses im Geiste wieder hervortreten, ohne ein inneres Mittelglied zur Einwirkung auf den Willen zu besitzen. Nur aus dem Boden der reinen Gotteserkenntniß erwächst auch die reine Sittlichkeit, und beide in ihrer innigsten Verbindung beherrschen den Menschengeist, um ihm den Begriff der wahren Sittlichkeit tief einzusenken und diesen zum Inhalt seines Denkens, Fühlens und Wollens zu machen. Die Auswanderung. Die Auswanderung der Juden aus den osteuropäischen Ländern wird noch lange Zeit hindurch auf der Tagesordnung stehen und dürfen wir sie nicht außer Acht lassen. Freilich hätte man nicht geglaubt, daß gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Auswanderung für einen großen Theil unserer Glaubensgenossen noch immer eine solche Nothwendigkeit sein werde, wie in den Zeiten des Mittelalters. Aber auch gegenwärtig ist es nicht etwa Wanderlust oder Mangel an Heimathsliebe, welche die Juden über die Grenzen ihres Vaterlandes treibt. Vielmehr bringen die drückenden und immer noch drückender werdenden Ausnahmegesetze in Rußland, die Verfolgungssucht in Rumänien und die schwierigen Erwerbsverhältnisse in Galizien für die in abgegrenzten Landschaften angehäufte jüdische Masse die Nvthwendigkeit der Auswanderung mit sich. Aber der Gedanke ist leichter zu fassen, als die Ausführung. Tausende greifen darnach als nach ihrem letzten Hilfsmittel, aber den Entschluß in That zu verwirklichen, stellen sich fast unüberwindliche Schwierigkeiten entgegen. Zunächst sind es die Geldmittel, die fehlen. Wer noch Etwas besitzt, findet immer noch den Zustand erträglicher, welchen die Ausnahmegesetze bewirken. Es ist die mittellose Masse, für welche die Auswanderung eine Existenzbedingung wird. Aber woher für diese die Transportkosten, die ersten Ausgaben für Niederlassung und Lebensunterhalt und endlich die Mittel nehmen, sich einen Erwerb zu schaffen? noch dazu, da das nordamerikanische Gesetz jetzt den Nachweis eines gewissen Quantums an Geldmitteln fordert, um die Ankömmlinge zuzulassen. Alsdann die Unkenntniß der Sprache und der Landesverhältnisse, die Fremdartigkeit der äußeren Erscheinung und der gewohnten Lebensweise. Ist doch die Zahl derjenigen nicht gering, welche unkluger Weise nach Amerika versetzt, nach der Heimath zurückkehrten, weil sie trotz der Freiheit in der neuen Heimath materiell noch schlimmer daran waren, als in der alten. Aus diesem Grunde ist eine massenhafte Einwanderung in ein bestimmtes Gebiet durchaus nicht rathsam, da in diesem Falle das Arbeits- und Erwerbsfeld für so viele allzu beschränkt ist, sich allzusehr vertheilt, abgesehen davon, daß die in jenen Ländern seit Jahrhunderten ansässigen Juden von einem solchen Anschwellen eines fremdartigen Elementes selbst zu leiden haben. Es ist also nicht blos die Auswanderung, sondern auch die Zerstreuung über große Ländergebiete ins Auge zu fassen, wenn nicht die Noth der Eingewanderten ebenso groß in der neuen Zufluchtsstätte wie in der alten Heimath sein soll. Wir fragen deshalb, warum beschränkt sich der Zug der Einwanderung vorzugsweise auf die nordamerikanischen Vereinigten Staaten? Warum richtet er sich nicht auch nach dem mächtig aufstrebenden Canada? Nach den Republiken Central- und Südamerika's, ja auch nach Brasilien? In allen diesen ungeheuren Ländergebieten finden sie gegenwärtig Freiheit der Niederlassung, der Bewegung und der Religionsübung. Wenden wir uns nach Europa zurück, so besteht in England die unbedingte Freiheit der Einwanderung. Aber in London hat sich bereits das jüdische Proletariat so angehäuft, daß dessen Bedürfnisse trotz der Wohlthätigkeit der englischen Juden nicht mehr zu bewältigen sind und man sich dort gezwungen sah, vor der Einwanderung mittelloser Juden nachdrücklich zu warnen. Dagegen befinden sich in den übrigen Theilen Großbritanniens, namentlich in Schottland und Irland, nur wenige Juden. Bis vor einigen Jahrzehnten gab es in Europa noch Länder, aus welchen die Juden verbannt waren. Norwegen, Throl, Steiermark, Krain und Kärnten standen mit Spanien auf einer Linie. Dies ist nicht mehr der Fall; außer im letzteren Lande sind die Verbannungsgesetze verfassungsmäßig aufgehoben. Bemerkenswerth ist es, daß demungeachtet in diesen Ländern sich nur wenige Juden eingefunden haben, obschon jene früher von der Furcht geplagt waren, daß sie, wenn sie den Juden die Pforten öffneten, von ihnen überschwemmt werden würden. Schließlich hat auch Spanien die Grenzsperre fallen lassen, und die Bestimmungen der spanischen Verfassung lassen kein Hinderniß gegen den Eintritt von Juden zu. Indessen ist es einleuchtend, daß es eben nur einzelnen Juden rathsam sei, nach diesen Ländern zu ziehen — massenhafte Einwanderung würde bald große Schwierigkeiten Hervorrufen. Für eine solche sind auch die gewerblichen Verhältnisse dieser Länder nicht angethan. Hinzufügen wollen wir noch, daß das britische Ostindien gewiß für Aufnahme einer starken Zahl unserer Glaubensgenossen ein sehr passendes Land wäre. Eine starke Anziehung aus Motiven, die wir nicht erst zu erörtern haben, wird stets das Land unserer Väter, Palästina, besitzen. Einzelnen Juden dahin zu wandern, steht gewiß nichts im Wege. Aber für eine größere Zahl, für eine compaktere Masse unserer Glaubensgenossen ist es bis jetzt völlig unbefähigt. Die einzelnen Colonien, die sich bis jetzt vermittelst sehr großer Unterstützungen zum Landbau dort niedergelassen haben, mögen, wenn ihnen diese Subventionen treu bleiben, allmählig gedeihen. Ihre Vermehrung und selbst ihre Vergrößerung ist

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