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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-01-25 · Heft 4 (25.1.1887) · p. Seite 52

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 4 (25.1.1887)
Date
1887-01-25
Page
Seite 52 (sequence 4)
Language
German
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52 wahre Befriedigung in die Erfüllung des Sittlichen versetzt wird; im zweiten wird der unangetastete Bestand der menschlichen Gesellschaft als höchste menschliche Aufgabe und als allein durch die Sittlichkeit gesichert anerkannt. Man wird aber leicht einsehen, daß beide Momente nur auf Utilitätsprincipien hinauslaufen, auf Nutzen oder Schaden. Selbst der viel verwendete Ausspruch: „Was du nicht willst, daß dir geschehe, das thue auch einem Anderen nicht", oder positiv gefaßt: „Was du willst, daß dir geschehe, das thue auch einem Anderen" ist nur ein Ausfluß der Utilität. Sobald aber die eigentliche Frage nach Nutzen oder Schaden ausläuft, ist das Individuum auf seine eigene Anschauung vom Nutzen oder Schaden und sogar auf seine zeitweise Stimmung und seine zeitweisen Verhältnisse angewiesen, und deßhalb über den sittlichen Werth seiner Entschlüsse und Handlungen ohne bestimmenden Rath. Noch schwieriger wird es ihm sein, die Beziehungen seines Wollens zu dem Bestände der Gesellschaft klar zu erkennen, und es wird ihm dies oft genug Vorkommen wie Einem, der eine tiefe Grube schaufelt oder einen Hügel aufwirft, inwiefern er damit den Bestand des Erdkörpers berühre. In der Menschenseele liegt die Befähigung zum Guten und Bösen, zu Recht und Unrecht; aber einen sichern Maßslab, für das was im Einzelnen gut oder böse, recht oder unrecht sei, ist ihr in ihrer eigenen Natur zu finden nicht gegeben. Dies ist eine unbestreitbare, durch alles Thatsächliche erwiesene Wahrheit. Er bedarf einer sicheren Anschauung, einer zweifellosen Vorstellung vom wahren Sittlichen, und diese ist nur über seine eigene Natur hinaus in Gott, als der höchsten sittlichen Vollkommenheit, zu finden. Hier ist kein Zweifel, keine Unsicherheit, kein Schwanken. Hat er eine richtige Vorstellung von Gott, so hat er sie auch von dem, was sittlich gut oder sittlich böse ist. Aber auch die Vorstellung allein genügt nicht; es muß sich ein Motiv, ein treibendes, hinzugesellen, und dies ist allein m dem Begriff von der Vergeltung durch Gott zu finden. Beides, die richtige Vorstellung und der Vergeltungsbegriff, müssen sich vereinigen, um den Menschen zur Sittlichkeit zu erziehen und zu nöthigen. So ist es denn doch nur die Religion, in welcher die Sittlichkeitslehre begründet ist, und was man auch dialektisch oder sophistisch zusammen construirt, so bleibt eine Ethik ohne Gott nur ein erkünsteltes und, weil ohne starke Fundamentirung, hinfälliges Werk. Man wendet häufig hiergegen ein, daß es Menschen giebt, die bei strengster Uebung der kirchlichen Formen, bei sogenannter eifriger Frömmigkeit, höchst unsittliche Handlungen verüben, und dies nicht immer aus Heuchelei, sondern aus falschen religiösen Ansichten, aus Aberglauben, der ihnen gerade von kirchlicher Seite gebracht werde. Man findet, daß einerseits die Kirche — wir verstehen hierunter die organisirte Erscheinung jeder Religionspartei — Dogmen aufgestellt habe, welche mit der Lehre von der Allheiligkeit Gottes, und darum auch nicht mit der reinen Sittlichkeitslehre übereinstimmen, andererseits zu viel Gewicht auf die Uebung des kirchlichen Ceremonials lege, so daß hieraus die Meinung fließe, durch diese Uebung äußerer Werke moralische Gebrechen und Vergehen decken zu können. Es ist nicht unsere Sache, die Richtigkeit dieser Anklagen, welche gegen die Orthodoxie aller Religionsparteien erhoben werden, näher zu untersuchen. Es hat sich hieraus wie aus der Opposition gegen alle hierarchische Herrschaft eine Feindseligkeit gegen den Klerikalismus entwickelt, die immer weitere Kreise ergriffen und namentlich in Frankreich zur staatlichen Herrschaft gelangt ist. Man hat hier in den öffentlichen Schulen einen Unterricht in der Ethik hergestellt, welcher von der Gotteslehre und dem Gottglauben völlig abstrahirt. Als Motiv gilt, daß die Lehre von Gott alsbald den confessionellen Charakter annehme und dies widerspreche bei religiös gemischter Bevölkerung der Gewissensfreiheit; gemischt sei aber in religiöser Beziehung die Bevölkerung jetzt auch da, wo nur eine Religion oder Kirche vorhanden, weil die freidenkerische oder wenigstens unorthodoxe Partei auch da eine zahlreiche sei. Wie dem auch sei, obige Einwände beruhen auf der Jdentificirung von Religion und Kirche, auf der Verwechselung beider mit einander. Kirche im allgemeinsten Sinne ist aber nur eine äußere Erscheinung der Religion, wie sie sich innerhalb eines größeren oder geringeren Zeitraumes für diesen gebildet hat, und schon daß verschiedene Kirchen innerhalb einer und derselben Religion neben einander bestehen, erweist zur Genüge, daß Religion und Kirche nicht identisch sind, ja recht viele Differenzpunkte haben können, was freilich jede Kirche von ihrem Standpunkte aus für sich ableugnet. Uebrigens werden auch die enthusiastischsten Freidenker nicht leugnen können, daß es auch unter ihnen viele schlechte und unsittliche Subjekte giebt, so daß ihr gegen die Religion als Grundlage der Sittlichkeit erhobener Einwand durch ihr eigenes Beispiel entkräftet wird. Abgesehen hiervon, kann nachdrücklich die Frage erhoben werden, ob nicht in der Menge der Menschen durch die Verdrängung des religiösen Bewußtseins eine sittliche Verwilderung eintritt, da jene ohne festen sittlichen Halt gelassen wird und ohne religiös-sittliche Ueberzeugung der Zügellosigkeit anheimfällt. Jedenfalls bleibt der sittliche Unterricht ohne die Lehre von Gott kalt und nüchtern und jede warme Begeisterung, jeder innerliche Enthusiasmus ausgeschlossen, der die jugendliche Seele ergreift und in ihr Vorstellungen und Antriebe nährt, die im Kampfe des Lebens selbst unbewußt und selbst bei nachmaliger Entfremdung von der Religion wirksam bleiben. Mit einigen moralischen Formeln und Sentenzen ist es nicht gethan. Sie gleiten, gleich grammatikalischen Formeln, vom Verstände, von der Kindesseele ab, und können nur durch

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