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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-01-25 · Heft 4 (25.1.1887) · p. Seite 51

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 4 (25.1.1887)
Date
1887-01-25
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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51 Eigenthums, die Wahrhaftigkeit und die Unterdrückung aller bösen Begierden auf (Zehnworte); sie forderte: „Gerechtigkeit, Gerechtigkeit folge eifrigst nach, damit du lebest", Gerechtigkeit im Gericht durch Unbestechlichkeit und Urtheil ohne Ansehen der Person, Gerechtigkeit in Handel und Wandel durch Vermeidung jeder Uebervortheilung, jedes Betruges, durch streng richtiges Maß und Gewicht ff.; sie rief „Wehe" aus (Jesaias 5) über die Habgier, die zum Schaden des Nächsten Güter aufhäuft, über jede Ausschweifung und Unmäßigkeit; Mildthätigkeit und Barmherzigkeit sprach sie nicht bloß im Allgemeinen, sondern in bestimmten Vorschriften aus, welche ein Recht des Hilfsbedürftigen auf die Befriedigung seiner Bedürfnisse, auf Hilfe und Rettung in jeder Noth, auf einen gewissen Antheil am Ertrage des Erwerbes begründeten; sie schrieb Schonung und Wohlwollen gegen abhängige Menschen, Menschlichkeit gegen die Thiere vor und sandte so ihr Licht über alle Zweige des menschlichen Denkens, Fühlens und Wollens, über all' sein Thun und Lassen aus. Aber was das Werk dieser Religion krönte, war, daß sie alle diese einzelnen Strahlen der Sittlichkeit in einen Brennpunkt vereinigte und dem ganzen Bau ihrer Ethik ein festes Fundament gab, nämlich in Gott. „Du sollst dich heiligen, wie der Ewige, dein Gott, heilig ist," so lautet der höchste Grundsatz der Sittlichkeit bei ihr, d. h. wie Gott das allervollkommenste Wesen ist, so strebe ihm nach als dem höchsten Vorbilde in der Vervollkommnung deiner sittlichen Eigenschaften, deiner Gesinnung, deines Handelns. In Gott ist der feste Grund alles sittlichen Wollens, denn er hat dies zur Bestimmung des Menschen gemacht, dem Menschen die Fähigkeit dazu verliehen, ihm zu diesem Zwecke das Selbstbewußtsein, die Freiheit des Willens gegeben. Die Religion des Judenthums stellt deshalb alle sittlichen Forderungen als Forderungen Gottes an den Menschen, all' sein Thun und Lassen als Beziehungen zu Gott dar, und läßt ihre Erfüllung oder Verletzung durch Gott als Vorsehung und Vergeltung richten, lohnen oder strafen. In der heiligen Schrift werden deshalb alle sittlichen Vorschriften mit dem Ausspruch gleichsam besiegelt: „Ich bin der Ewige, dein Gott"; sie werden allesammt als unmittelbare Vorschriften Gottes bezeichnet. Schon Joseph sagt, als er zur Sünde verführt werden sollte: „Wie sollte ich dieses große Unrecht thun und sündigen gegen Gott?" (1. Moses 39, 9); alle Propheten bezeichnen jede sittliche Entartung, jede Abweichung von Recht und Liebe als einen Abfall von Gott, und der letzte derselben ruft aus: „Haben wir nicht Alle einen Vater? Hat uns nicht Alle ein Gott geschaffen? Wie könnten wir treulos handeln Einer gegen den Andern!" (Maleachi 2,10.) So hat die Religion des Judenthums nicht bloß im Einzelnen ihre Ethik durchgearbeitct, sondern sie auch systematisch als Grundsatz und Folgerung, als Prämisse und Consequenzen aufgebaut. Wir brauchen nicht zu bemerken, daß die Töchterreligionen diese Ethik in ihren Grundzügen übernommen, wenn auch mehrfach modificirt sogar in Widerspruch mit ihr gesetzt und so zum allgemeinen Eigenthume der civilisirten Welt gemacht haben. Neben dieser Ethik der Religion haben aber denkende Männer von jeher ethische Systeme aufzustellen gesucht, und zwar als in sich abgeschlossene, vom Gottglauben getrennte. Die hellenischen Philosophen kamen hierzu, weil in ihrer Volksreligion überhaupt keine Ethik enthalten war, weil weder ihre Vorstellungen von der Gottheit sittliche waren, noch der Begriff der Vorsehung und Vergeltung in.ihr klar und bestimmend hervortrat. Anders bei den modernen Denkern. Sie, die durch ihre Erziehung, durch die allgemeine Verbreitung der religiösen Lehre von der religiösen Ethik durchtränkt waren, gingen nur von dem Bestreben der Unabhängigkeit und Selbständigkeit des philosophischen Denkens aus. Nicht in den einzelnen Zügen und Vorschriften unterschieden sie sich von der religiösen Ethik, wohl aber, indem sie nach einem eigenen höchsten Grundsatz, nach einer eigenen Quelle der Sittlichkeit, ohne Beziehung auf Gott, ohne Verbindung mit Vorsehung und Vergeltung suchten. Wer ganz vorurtheilslos die Resultate dieser Bestrebungen prüft, muß sie als unsicher, schwankend, ja haltlos erkennen. Schon das Faktum, daß sie die größte Mannigfaltigkeit hervorbrachten, und das eine das andere wieder aufhob, muß sie uns als gescheitert ansehen lassen. Nicht minder geht dies aus dem Umstande hervor, daß kein einziges dieser Systeme auf die Masse eine Einwirkung gewann, keines also einen allgemeinen Charakter erreichte, und daß selbst ihre Anerkennung in gewissen Kreisen nur eine kurze Dauer hatte. Wer z. B. die platonische und die aristotelische Ethik, die epikuräische und die stoische mit einander vergleicht, dem muß die Gegensätzlichkeit derselben ausfallen. Aber nicht minder findet er dasselbe bei Kant, Fichte, Hegel, bei Herbart und Krause, bei Schopenhauer und Hartmann. Die meisten Neueren fußen schließlich doch nur in dem, was sie der religiösen Ethik entnommen haben, und so sehr sie nach neuen Formeln und Worteinkleidungen suchen, so bleibt der innerste Gedanke der, welchen sie von der religiösen Ethik ererbt haben. Gerade bei dem jüngsten derselben, bei Hartmann, ist dies der Fall, wie wir seiner Zeit nachgewiesen haben. — Es liegt dies in der Sache selbst. Wenn die Ethik von der Lehre von Gott losgelöst und selbstständig begründet werden soll, so bleiben nur zwei Momente übrig, welche zur Fundamentirung derselben verwendet werden, welche einen höchsten Grundsatz aVgeben können, aus welchem die Sittengesetze gefolgert werden sollen: die menschliche Natur oder die menschliche Gesellschaft. Im ersteren Falle kann nur auf die eigene Befriedigung des Individuums recurrirt werden, indem , die 4

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