Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1887)
- Date
- 1887-01-18
- Page
- Seite 34 (sequence 2)
- Language
- German
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u sollten in ihrem Staate bestehen. Sie stellten ihnen die Bedingung, entweder Spanien zu verlassen oder zur katholischen Kirche überzutreten. Am 12. März 1492 erstoß ein königliches Edict, das alle Juden, die sich nicht taufen ließen, aus Spanien ve> bannte, das sie binnen vier Monaten zu verlassen hätten. Dies geschah zur selben Zeit, als Columbus ausfuhr, einen neuen Welttheil vor den Augen der Menschen aus dem Schooße des Oceans aufsteigen zu lassen. Hunderttausende von Juden zogen es vor, ihr schönes, aber gegen sie so grausames Vaterland zu verlassen, als die Religion ihrer Väter aufzugeben. Wie Viele von ihnen auf den Irrfahrten, die sie antreten mußten, umgekommen, wissen wir nicht; aber wir finden ihre Nachkömmlinge noch heute in den osteuropäischen Ländern. Das Schicksal, welches die in Spanien zurückgebliebenen und zur Kirche übergetretenen traf, war nicht minder hart. Die römische Kirche hatte stets für Alles, was irgend ihre Existenz bedrohen könnte, ein sehr empfindliches Gefühl. Sie setzte, und mit Recht, voraus, daß diese durch Zwang gewonnenen Proselyten in religiöser Beziehung sehr laxer Art wären, in ihren Herzen die Anhänglichkeit an ihre väterliche Religion bewahrten und insgeheim wohl auch die jüdischen Gesetze beobachteten, selbst wenn sie sich nach außen noch so eifrig in die kirchlichen Ceremonien schickten. Daß ein solches Element mit der Zeit einen auflösenden Einfluß ausüben könne, fürchtete die Kirche. Nebenbei besaßen viele dieser Neuchristen ein großes Vermögen, das sie durch den Handel mit dem Auslande erworben. Deshalb ward die Inquisition gegründet und deren Tribunale wurden mit den furchtbarsten Vollmachten ausgerüstet. Den Gebrauch, den diese von ihrer Machtfülle machten, und welcher Tausende der Enussim in den Kerker und auf den Scheiterhaufen brachte, brauchen wir uicht zu schildern. Die Folge war, daß zahlreiche dieser Neuchristen heimlich das für sie so verderbliche Land verließen und bei freiere» Völkern eine Zufluchtsstätte suchten. Holland, Norddeutschland und später England nahmen sie auf, wo sie als die nützlichsten Werkzeuge für Handel und Gewerbe ihren Dank für die gewährte Erlösung darbrachten. — So war nun Spanien von den Juden gänzlich verlassen, und man sucht gegenwärtig vergebens nach Spuren von ihnen, außer etwa in einigen prächtigen Synagogen, die zu Kirchen umgewandelt worden, oder auf einer der Balearischen Inseln, wo einige traurige Volksreste geblieben. Daß dies für Spanien kein Segen war, haben spanische Schriftsteller selbst längst anerkannt. Ein so hochgradiger Fanatismus gebietet dem geistigen wie dem materiellen Fortschritt ein Halt und verödet mit der Zeit das Land, das er zu beglücken und dem er den Segen des Himmels zuzuziehen vorgiebt. Die Vertreibung der Juden und Mauren war eine der wirksamsten Ursachen für den Niedergang Spaniens und die Verarmung des Volkes trotz aller Silberflotten aus den beiden Indien. Sollte nun auch in der Neuzeit im Geiste des spanischen Volkes keine Veränderung vor sich gegangen sein? Der Drang des spanischen Volkes nach freierer politischer Verfassung, der so viele revolutionäre Zuckungen diesem Staate gebracht hat und seine innere Verfassung immer wiederholten Schwankungen überantwortete, legt ein Zeugniß ab, daß auch hier der Stillstand aufgehört hat und eine Gestaltung nach dem Geiste und den Bedürfnissen unserer Zeit fordere. Die Frage, ob den Juden der Wiedereintritt in die pyrenäische Halbinsel bleibend versagt sein solle, wurde allmählich aufgeworfen, noch dazu, da Portugal stillschweigend die Juden wieder duldete und in Lissabon, namentlich aus Nordafrika, sich eine große Gemeinde ansammelte. Es wurden mehrfache Versuche gemacht; zuerst von der Redaction dieses Blattes durch eine Petition an die Regierung und die Cortes, welche jedoch, da kurz darauf wieder die Reaction die Oberhand behielt, ohne augenblicklichen Erfolg blieb. Es war aber eine Saat, die unter günstigeren Umständen aufzuschießen vermochte. Bon London aus wurde vor einigen Jahren der Versuch erneuert. Daß im spanischen Geiste eine Umwandlung stattfinde, erwies sich aus mehrfachen historischen und belletristischen Schriften. Wir erinnern z. B. an den Roman „G-loria“ aus der Feder eines der bedeutendsten und angesehensten neueren Dichter. In demselben wurden Juden und Judenthum im vortheilhaftesten Lichte dargestellt und der Verfasser ließ sich darüber aus, daß die Bigotterie in einem großen Theile des spanischen Volkes sich sehr abgeschwächt habe. Wir haben seiner Zeit über diese merkwürdige Dichtung einen ausführlichen Bericht gegeben. Nach und nach sind auch einige Juden nach Spanien gekommen und haben dort keine Schwierigkeiten für ihren dauernden Aufenthalt gefunden, wenn auch ihre bisweilige Religionsübung (z. B. an den hohen Festtagen) gänzlich privatim geschehen mußte. In der jüngsten Zeit hat ein Senator, Lopez Lapuya, sich der Sache angenommen und deshalb mehrere Zuschriften an die Areh. isr. in Paris gerichtet. Daß ein förmlicher Widerruf jenes Edictes vvn 1492 wohl schwerlich erfolgen werde, ist vorauszusetzen. Kein gesetzgebender Körper gesteht gern die schweren Sünden der Väter ein, aber es frägt sich, ob nicht die gegenwärtige Verfassung Bürgschaften enthält, welche dem Ausländer auch nicht-katholischer Confession den Aufenthalt, die freie Bewegung, Eigenthum und Leben sichern. Hierüber giebt eine Zuschrift des genannten Senators an den österreichischen Reichsrathsabgeordneten Hrn. Dr. Bloch Aufschluß, die der »Pester Lloyd" veröffentlicht und welche also lautet: