Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1887)
- Date
- 1887-01-11
- Page
- Seite 29 (sequence 13)
- Language
- German
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29 lassen hatte, regelte den Zinsfuß und gestattete, „da wo der Christ zehn Schock vom Hundert nimmt, soll der Jude 20 vom Hundert nehmen dürfen"; denn, so lautet die interessante Motivirung, „würde der Jude dieselben Zinsen nehmen, wie der Christ, so könnte er dabei nicht bestehen; denn der Christ nimmt die seinen frei und verwendet sie für sich; nicht so der Jude; denn dieser muß zuerst uns berichtigen, was er schuldig ist, zweitens jenen Herren, dessen Schutz er genießt, drittens seine Zinsungen, viertens läßt ihn schwerlich ein Amt, dessen er bedarf, ungeschoren, und endlich muß er doch auch selbst etwas haben, wovon er mit Weib und Kind leben kann. Zudem sucht ihn der Christ nur auf, wenn ihn die höchste Noth dazu zwingt, wie etwa, wenn ihm Haft oder sonst ein Schaden droht und er anderswo kein Geld auftreiben kann, und gerade hierin pflegen sich die Christen gegen einander sehr unchristlich zu verhalten, indem sie einander mehr Schaden zufügen, als der Jude durch seinen Wucher."22). Diese Verordnung machte in einzelnen Kreisen viel böses Blut und der gutherzige, aber schwache König wurde so lange bearbeitet, bis er sich dem Wunsche der Menge fügte und zugab, daß die Juden aus ganz Böhmen, Mähren und Schlesien verwiesen werden sollten. Interessant ist es, daß die Hetzer so weit gingen, selbst dem Adel, der die Juden in seinem eigenen Interesse unterstützte, mit der Landesverweisung zu drohen, falls er es wagte, für die Juden einzutreten. Allein der Adel war mächtig genug, das Ausweisungsedict wenigstens für die Juden außer Prag aufzuheben. Von Prag aus aber flüchteten sich Viele, um der Wuth des gegen sie aufgehetzten Pöbels zu entgehen, aus die Güter der Adeligen. Auch in Teplitz mögen sich Einzelne angesiedelt haben. Zu dieser Annahme berechtigt uns der Umstand, daß um diese Zeit der Neubau der Synagoge vor sich ging. Um 1585 ging Teplitz in den Besitz von Radislav dem Aelteren, Wchinsky v. Wchinitz über, der einer alten böhmischen Familie entstammte und durch seine Gemahlin Esther v. Wreschowitz mit dem Hause dieses Namens verwandt war. Radislav Wchinsky war ein Mann seltener Begabung und eiserner Willenskraft, dabei aber herrschsüchtig, zur Tyrannei angelegt, überdies ein gesinnungstüchtiger Katholik, dem jedes Schisma verhaßt war. Er verstand es, die Schwäche der Kaiserzeit auszunutzen und zu seinem Nutzen auszubeuten. Am 13. Februar 1606 erließ er eine Instruction für die Juden, in der er bestimmte: 1) Ohne Consens des „gnädigen Herrn" darf keinem ansässigen Juden irgend eine Eintragung in die Stadtbücher gestattet werden, widrigenfalls der Primas, während dessen Amtirung die Eintragung erfolgte, einer Strafe von 10 Schock böhmischen Groschen verfällt; 2) ohne 22) Schlesinger a. a. O., S. 404 f. Einholung derselben Erlaubniß darf kein ansässiger und in Teplitz geborener Jude bei Verlust seines gesummten Vermögens und einer Buße der Juden-Aeltesten von 50 Schock böhmischen Groschen anderswohin übersiedeln; 3) in Teplitz wohnhafte Juden dürfen, „wie dies bereits den früheren Juden von dem gnädigen Grundherrn verboten war," so auch in Zukunft einen anderen Juden nicht vor dem jüdischen Rabbiner in Prag belangen und verklagen, sondern „nur vor den hiesigen Juden-Aeltesten und der hiesigen Obrigkeit" bei einer Strafe von 2 Wochen Gefängniß und 10 Schock böhmischen Groschen; 4) sofort ist eine genaue Conscription aller anwesenden Juden, Männer, Weiber und Kinder, zu veranlassen und durchzuführen. Ihre Zahl betrug zu jener Zeit 78 Personen. Auf Radislaus den Aelteren folgte Radislaus der Jüngere und sodann dessen Neffe Wilhelm, der sich der erste in der Familie Kinsky nannte. Die Schreckenszeit des Dreißigjährigen Krieges blieb auch auf unser Thal nicht ohne Einfluß. Die Bevölkerung verminderte sich zusehends und auch die Judengemeinde schmolz stark zusammen, so daß die Zahl der Juden um 1621 nur 24 Personen in 11 Judenhäusern ausmachte. Wie sehr die Judenschaft daran gewöhnt war, betreffs ihrer Zahl starken Schwankungen ausgesetzt zu sein und wie trotz der Drangsale der Zeit ihr Optimismus sich erhielt, erhellt am Besten daraus, daß die Gemeinde in dieser Zeit es dennoch für angemessen fand, die alte baufällig gewordene Synagoge, die übrigens auch durch einen an sie grenzenden, bei Regengüssen stark anschwellenden Kanal litt, einzureißen und erhöht und erweitert wieder aufzubauen.23) Indessen tobte die Kriegsfurie weiter und zerstörte die Frucht langen Fleißes emsiger Bürger. Als die kaiserlichen! Regimenter vom 9. bis 13. Juni 1632 hier ihr Quartier aufschlugen, fanden sie Teplitz beinahe vollständig verödet — Contributionen verzehrten die letzte Habe der Bewohner, Raub und Mord, Plünderung und Brand verscheuchten die am Leben Gebliebenen; dennoch brauchte die Armee, die zu schützen berufen war, in vier Tagen nicht weniger als über 30,000 fl. und die Summe erscheint noch als mäßig, bedenkt man, daß der Croatenführer Joh. Ludwig Jsolauv allein 2 Faß Gerstenbier und laut Kerbhölzer für 33 fl. 36 kr. austrank.21) 23) Ich vermuthe, daß die verschiedenen Angaben über die Zahl der Juden nicht ohne Reserve anszunehmen sind — die Herrschaft hat selten die wirkliche Zahl erfahren; denn waren auch durch die rasch wechselnden Umstände Schwankungen betreffs der Zahl eingetreten, so können sie doch kaum so stark gewesen sein. Auch widersprechen sie einer anderen Angabe in Theatr. europ. IV, p. 109, nach der sich die ganze Judenschaft von Teplitz 200 an der Zahl im Jahre 1639 gelegentlich einer Belagerung der Stadt aus den Schloßberg flüchtete. Die ständige Zahl der Juden muß größer gewesen sein, dabei ist aber die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, daß viele sich um 1621 aus Furcht vor dem Kriege flüchteten. 24) Vgl. Berzeichniß, „was die Herrschaft Teplitz und die kayser-