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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-01-11 · Heft 2 (11.1.1887) · p. Seite 30

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 2 (11.1.1887)
Date
1887-01-11
Page
Seite 30 (sequence 14)
Language
German
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30 In der Nacht des 25. Februar 1634 fiel Wilhelm Kinsky als das erste Opfer der Verschwörung zu Eger und die Herrschaft Teplitz ging „mit allen ihren Appertinenten, Rechten und Gerechtigkeit" als Geschenk des Kaisers in den Besitz des Johann Graf v. Aldringen, eines geborenen Luxemburgers, der es durch Tüchtigkeit zu den höchsten militärischen Würden gebracht, über; allein dieser sah nie seine Besitzung — eine schwedische Kugel, die ihn auf dem Schlachtfelde bei Landshut traf, machte seinem Leben ein Ende. Anna v. Aldringen, die sich mit dem kaiserlichen spanischen Obersten Hieronymus v. Clary vermählte, erbte seinen Besitz. Noch oft erfuhr Teplitz des Krieges Elend, und was der Hagel der Feinde übrig gelassen, das hatten die Heuschrecken des kaiserlichen Heeres aufgezehrt. Endlich kam der von ganz Deutschland heiß ersehnte Friede. Sicherlich hatten ihn auch die Juden in Böhmen mit Freuden begrüßt. Allein kaum ruhten die Waffen, da schwang man sie wieder in der Landtagsstube gegen die Juden. Womit hätte man sich auch sonst in der Zeit der Ruhe beschäftigen sollen! Auf dem Landtage von 1650 wurde bestimmt, daß die Juden sich fortan in keinem andern Orte aufhalten dürften, als wo ihnen am 1. Januar 1618 der Aufenthalt ausdrücklich gestattet war — mit Teplitz allein wurde eine Ausnahme gemacht. Hier wurden auch solche geduldet, die vor dem genannten Jahre sich hier angesiedelt hatten. Die Teplitzer Herrschaft richtete nunmehr ihr Augenmerk auf die Kolonisirung des Ortes — die ganze Stadt zählte im Jahre 1641 bloß 22 bewohnte, 44 unbewohnte und 49 theils abgebrannte, theils niedergerissene Häuser.-') Im Laufe der nächsten Jahre hatte sich die Judenschaft ziemlich stark vermehrt, wie wir mit Recht aus den Umständen, deren wir bald erwähnen, schließen dürfen. Aus der Kolonisirung der Stadt ging deren Katholisirung Hand in Hand. Namentlich fand diese in Pater Elias Ignaz Reichel einen beredten, wenn auch nicht immer geschickten Mund und eine thätige, rücksichtslose Hand. Ihm waren aber nicht bloß die meißnischen Prädikanten und Lehrer, die das Volk zur Irrlehre verführen, sondern auch die Juden, diese „Taugenichtse" (nedntones), wie er sie gerne nennt, ein Dorn im Auge. Dieser Bileam, der das ihm verhaßte Volk fluchen wollte, hat ihm in seinem Berichte an die geistliche Behörde vom 20. August 1550, dessen Origiual sich in dem Erzbischöflichen Archive zu Prag befindet, ein Ehrendenkmal gesetzt, das in mannigfacher Beziehung interessant ist. Das vor allem bekundet, wie trotz aller Entehrung und Entbehrung, die Israel liche Soldatesca contribuirt von anno 1831 bis 1635". Schloßarchiv Teplitz. 25) Bei dieser Zählung war wohl die Judengasse nicht mitnbegriffen, da diese eine Kommune in der Kommune bildete. zu erdulden hatte, ihm nie sein Herz, sein Mitgefühl für Unterdrückte und Verfolgte abhanden kommen, konnte. Nachdem er seine Klage betreffs der Prädikanten und Lehrer vorgebracht, geht er zu den Juden über: „Auch die perfiden Juden unterstehen sich, mir Schwierigkeiten zu machen. Diese Taugenichtse eröffnen nämlich hier in Teplitz hartnäckigen Ketzern, die der Reformation wegen von anderwärts flüchtig geworden, ein Asyl; denn es gibt kein jüdisches Haus, das nicht einen solchen Gast beherbergte; selbst Leute von Adel betreten ihre Häuser!" Bedürfen diese Worte in dem Munde eines Feindes gleich Reichel eines weiteren Commentars? Die Anfänge der hiesigen evangelisch-lutherischen Gemeinde wurzeln in der Judengasse; in den Häusern armer Juden, die vor 200 Jahren mitten im Elend, das auf ihnen lastete, mehr Toleranz bekundeten, als viele evangelische Priester sich heute noch ihrer rühmen können! — Pater Reichel erzählt weiter — und auch das Folgende ist in mehrfacher Beziehung beachtungswerth, denn es gibt uns indircct einen Beweis für das rasche Anwachsen der Judenschaft, sowie des erhöhten Muthes, der sie erfüllte — er habe sie vor sich geladen und ihnen einige Paragraphen aus dem Beschlüsse der letzten Prager Synode über die geistlichen Strafen und dergleichen vorgelesen und ihnen befohlen, ihm ein Verzeichniß der unter ihnen lebenden Christen einzuhändigen; „die Taugenichtse" aber verweigerten dieses unter Spott und Gelächter und entfernten sich nicht ohne Drohungen. Jedoch der Gräuel ärgster war: die Juden hatten — in der Gasse war die Synagoge theilweise abgebrannt — in mehr als geziemender Weise in der Nähe der Pfarrkirche ein Bethaus eingerichtet und von dort dringe „ihr verwünschtes Heulen und Brüllen" (rugitus et mugitus illorum maledictus) bis in die Kirche,'") stört den Priester am Altäre und auf der Kanzel und verwirrt und zerstreut die Umstehenden. Zum Beweise dessen werden fremde Priester — es war im Sommer während der Curzeit — als Zeugen erwähnt, die ebenfalls hierüber entrüstet waren. Auch soll unter ihnen irgend ein Christ, und das ist die traurige Folge des „maßlosen Umganges" mit ihnen, wohne» und sogar ganz nach ihrer Art leben. Das liegt offen zu Tage, so schließt der Priester seine Beschwerde, wer aber zählt ihre geheimen Nichtswürdigkeiten? Darum verlangt er 26) Hallwich bemerkt, er habe nicht finden können, wo sich die Synagoge befinde. Thatjächlich ist die Entfernung von der alten Synagoge zur Pfarrkirche so bedeutend, daß selbst das schrecklichste Geschrei bis dahin nicht vernommen werden könnte. Allein der Bericht R.'s gibt uns selbst die Handhabe zur Eruirung der Localität. Die Synagoge in der Gasse wurde renovirt, und interimistisch richteten sie in unmittelbarer Nähe der Pfarrkirche ein Bethaus ein. Dieses kann sich nur in dem alten „Judenbade" (dem heutigen Sophienbade), das zu jener Zeit noch näher zur Dekanatkirche stand, befunden haben. Tie Klage brachte Reichel noch den 9. Ab ein, an dem die Klagelieder wohl etwas lauter gesungen wurden und leicht in der Kirche bei dem Morgengottesdienste gehört werden mochten.

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