Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1887)
- Date
- 1887-01-11
- Page
- Seite 24 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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24 zu erkennen war. So bot ihm ein Theil aus Jes. Cap. 3 eine treffende Gelegenheit, seinen Zuhörern zu erörtern, wie hier Jesaias die scharfen Pfeile seines gewaltigen Wortes gegen die damalige Putz- und Modesucht der Töchter Zions schleuderte. Schön waren die Worte des Redners, als er von der politischen Wirksamkeit der Propheten sprach, wie sie sich trotz Anfeindung und Mißhandlung nicht scheuten, vor Großen und Mächtigen die Wahrheit zu enthüllen. Der Raum verbietet mir die herrlichen Sätze des Redners über „die Wahrheit" hier wörtlich anzuführen. Zum Schlüsse ging Redner zu den Weissagungen der Propheten über, betonte dann, daß wir uns in diesem Punkte von dem Christenthume trennten; wir dürften jedoch ohne Ueberhebung darauf Anspruch machen, tiefer in den Geist der prophetischen Verheißungen eingedrungen zu sein. Das alte Wort: „Von Zijon geht Belehrung aus für viele Völker" erfüllt sich immer mehr. Die christlichen Missionen wirken mehr durch das, was sie mit dem Judenthum gemein haben, als durch das, wodurch sie sich von ihm unterscheiden. Die alte ehrwürdige Mutter blickt mit Wohlwollen, ohne Neid und Groll auf ihre Töchter, doch hätten die Töchter während der langen Leidenszeit der Mutter sich etwas dankbarer und liebevoller gegen dieselbe erweisen müssen. Wann die prophetischen Verheißungen in Erfüllung gehen, das kann Niemand sagen; doch mögen auch Jahrhunderte darüber verrauschen, so wird nach langem Kampfe endlich die schöne Zeit Heranbrechen, wo die übrigen Confessionen wenigstens geistig „das Laubhüttenfest" mit uns feiern. Das ist die Zeit, wo Liebe und Wahrheit alle Menschen beseelt, wo Lieblosigkeit, Unduldsamkeit weichen müssen, wo ein fester und einiger Brüderbund alle Völker umschließt. Lang anhaltender Beifall ließ den Redner deutlich erkennen, daß die Herzen und Geister seiner Zuhörer sich seinen Erörterungen erschlossen hatten. Laubheim. Oesterreich - Ungarn. Wien, 28. Dez. Der niederösterreichische Landtag votirte nach dem Referate des Universitäts-Rectors Zimmermann dem deutschen Schulverein eine Subvention von 2000 fl. Der Antrag der Antisemiten, dem antisemitischen Schulvereine für Deutsche 1000 fl. zu bewilligen, wurde mit allen gegen fünf Stimmen abgelehnt. Wien, im Dezember. Die folgende Gerichtsverhandlung hat so eminent ein culturhistorisches und actuelles Interesse, daß wir sie an dieser Stelle wiedergeben. Bor dem Wiener Schwurgerichte fand soeben ein Betrugsproceß seinen Abschluß, der dadurch eine gewisse Originalität besitzt, daß ein Angeklagter aus seinem Bornamen „Ariel" die Berechtigung ableitete, sich verschiedenartige andere Vornamen beizulegen, und daß in Folge hiervon eine Auseinandersetzung über den Zusammenhang zwischen gewissen althebräischen und neudeutschen Vornamen entstand. Gestern wurde nun der Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde in Wien, Di-. Moritz Güdemann, als Zeuge vernommen und um eine sachverständige Auskunft über die Streitfragen ersucht, die aufgeworfen worden waren. Die Vernehmung dieses Zeugen gestaltete sich wie folgt: Präs. (Graf Lamezan): Einer der Angeklagten heißt officiell Ariel Leib Berger, die Angeklagte Taube Mischke Berger; Beide aber haben im Laufe ihrer Vergangenheit sich andere Namen beigelegt. Der Erstgenannte nannte sich abwechselnd auch Anton, Leopold, Viktor und Avigdor; die Angeklagte dagegen legte sich den Namen Antonie bei. Nun behauptet Ariel Leib Berger, daß der Name Ariel gleichbedeutend sei mst Leib, dann aber auch mit Leopold, ja selbst mit Anton u. s. w. Ich ersuche Sie nun, uns gefälligst Auskunft zu geben, welche Gebräuche in Ihrer Religionsgenossenschaft in Ansehung der Namen bestehen. Zeuge: Im Allgemeinen kann ich nur sagen, daß die bürgerlichen Namen den hebräischen nicht zu entsprechen brauchen und denselben auch nicht immer entsprechen. Der Name Ariel war ursprünglich kein Eigenname und der Gebrauch als solcher ist folgendermaßen entstanden: In der Bibel wird Juda mit einem Löwen verglichen, Ariel heißt aber zu deutsch Löwe *), und int Mittelalter entstand bei den Juden die Sitte, sich diesen Namen beizulegen, wie ja auch in der katholischen Kirche der Name Leo auf Grund der gleichen philologischen Abstammung eingeführt wurde. Da nun Ariel auf Deutsch Löwe heißt, bei den Juden sich aber das mittelalterliche Deutsch am längsten erhalten hat, erklärt es sich, daß viele Juden heute noch das Wort Löwe mit Leib aussprechen, da man ja im Mittelalter für Löwe „Leuw" oder „Leib" sagte. Es ist also möglich, daß Jemand, der Ariel heißt, sich deutsch Leib oder auch im Neudeutschen Leopold nennt. Was hingegen den Namen Anton betrifft, so hängt derselbe mit Ariel allerdings nicht zusammen, aber ich muß nochmals wiederholen, daß die bürgerlichen Namen der Juden den hebräischen keineswegs zu entsprechen brauchen. Hierbei führe ich mich selbst als Beispiel an. Ich heiße Moses, mein deutscher und bürgerlicher Name aber ist Moritz, obwohl dieser Name mit Moses nicht zusammenhängt. Ich hätte mit gleichem Recht ganz anders, z. B. Heinrich, heißen können; erst seit relativ kurzer Zeit wird von den Juden ein gewisser Zusammenhang im Wortklang zwischen beiden Namen gesucht. Es kommt ferner vor, daß Juden nur einen Namen haben, so z. B. wird der Name Alexander, obwohl er nicht hebräisch ist, als ein hebräischer acccptirt, und es I) Dies ist nicht richtig. Ariel heißt deutsch „Held Gottes", „Mächtiger Gottes"; s. Fürst Lex. s. v. Red.