Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1887)
- Date
- 1887-01-11
- Page
- Seite 23 (sequence 7)
- Language
- German
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23 Nummer macht sodann Herr Liebermann von Sonnenberg allerlei Vorschläge, wie man am Besten gegen die Juden agitiren soll. Nach dem Muster der Freimaurer und des Tugendbundes müsse man eine antisemitische Bereinigung auf Gegenseitigkeit in großem Stil zur Unterstützung der Mitglieder unter einander in allen erlaubten Dingen schaffen. Sehr viel könne man in der Agitationsweise von Eugen Richter lernen bei Errichtung eines antisemitischen Preßbureaus. Auch ein kurzgefaßtes antisemitisches Vademecum müsse herausgegeben werden. Herr Liebermann von Sonnenberg klagt hierbei darüber, daß die Opferwilligkeit der Wohlhabenden unter den Antisemiten von zu vielen Seiten im Laufe der Bewegung in Anspruch genommen ist und dadurch nicht unbedeutende Summen ohne entsprechenden Erfolg in zusammenhangslosen Experimenten aller Art verzettelt worden seien, was dann Mißstimmung und Unlust zu weiteren Opfern zur Folge gehabt habe. Vielleicht Empfiehlt es sich, meint derselbe Artikel, einen „deutschen Fechtbund zur Wiedereroberung des Vaterlandes" zu gründen mit Titeln, wie Knappe, Landsknecht, Ritter, Komthur, ja Großmeißer, „Ordensschwestern mit entsprechender Rangordnung müßten ebenfalls mitfechten dürfen!" Ein anderer Vorschlag des Herrn Liebermann geht dahin, „eine Sammelbüchse in Form des goldenen Kalbes, welches ihm aus die Zunge gelegte Goldstücke verschlingt," zu construiren. Alle antisemitischen Scatspieler im Reich müßten einmal im Monat zum Besten der antisemitischen Vereinigung spielen. Vor Allem aber dürfe das gesammelte Geld nicht wieder ausgegeben werden. Alle Gesinnungsgenossen müßten es beherzigen, „daß auf Jahre hinaus keine Geldforderungen irgend welcher Art an die Centralstelle gerichtet werden dürfen." Der Hauptvorschlag des Herrn Liebermann von Sonnenberg geht dahin, „aller Orten im Baterlande Aergernißcommissionen" zu bilden, „deren Mitglieder täglich planmäßig die jüdischen Zeitungen daraufhin lesen, ob darin Vergehungen gegen den § 166 des Strafgesetzbuches enthalten sind." Dieser Paragraph bedroht die Erregung von öffentlichem Aergerniß durch Beschimpfung von Einrichtungen oder Gebräuchen der christlichen Kirche. Die betreffenden Kommissionsmitglieder müßten es sich nun zur Aufgabe machen, stets „mit gutem Gewissen bezeugen zu können, daß der betreffende Zeitungsartikel bei ihnen Anstoß und Aergerniß erregt hat." Daraufhin sei dann eine Denunciation bei dem Staatsanwalt einzureichen. Wer gar nichts anderes könne, der möge wenigstens „eine kleine unpolitische Vereinigung (Stammtisch, Rauch-, Kegel- und Scatclub, Lese-, Turn- oder Gesangverein, Tanzkränzchen, Liebhabertheatergesellschaft u. dgl.)" begründen. Nur das eine Merkmal müsse allen diesen Vereinigungen gemeinsam sein, daßJuden principiell von derTheilnahme ausgeschlossen sind." Allerdings in die Gesellschaft gehören sie auch nicht hin! Aus Süddeutschland, 27. Dezember. (Privatmitth.) Auch aus Süddeutschland wurden an den Reichstag Gegenpetitionen gegen den wiederholten Antrag der Thierschutzvereine, betreffend die Betäubung der Thiere vor dem Schlachten, eingereicht. Auf meine Bitte um Unterstützung derselben an unseren Reichstagsabgeordneten, ein Ausschußmitglied der Centrumspartei, gab mir derselbe die beruhigende Versicherung, daß die Petition der Thierschutzvereine, Betäubung der Schlachtthiere betreffend, falls sie überhaupt in's Plenum des Hauses gelangen sollte, eine Aussicht auf Annahme nicht hat. Bochum, den 19. Dezember. (Privatmitth.) Am Mittwoch, den 8. Dezember, hielt Herr Rabbiner vr. Frank aus Cöln im „Verein für jüdische Literatur" einen äußerst interessanten und lehrreichen Vortrag über „Propheten und Prophetismus". Nachdem Redner in der Einleitung der verschiedenartigen Auffassungen, die im Laufe der Zeit über die Wirksamkeit der Propheten hervortreten, kurz Erwähnung gethan, gab er eine klare und durchsichtige Erklärung des prophetischen Berufes, wie sie sich an die hebräischen Bezeichnungen noh, n;n oder n.xi knüpfte. Seit Samuel bildeten die Propheten einen eigenen Stand; im Talmud Chagiga wird Samuel der Lehrer der Propheten genannt. Der Prophetismus war keine erbliche Würde; die meisten Propheten kamen ohne Vorbildung in ihr hohes Amt, hatten keine Propheten als Väter, was aus Amos 7. 17: „Ich bin kein Prophet und auch keines Propheten Sohn," deutlich hervorgeht. Die prophetischen Inspirationen waren kein dauernder Gemüthszustand, sondern beruhten lediglich auf göttlichen Offenbarungen. Diese Offenbarungen geschahen theils im Traume, zumeist im wachen Zustande; der Prophet hatte von diesen göttlichen Gedanken ein klares Bewußtsein, denn er konnte das Geoffenbarte auch später noch vortragen. Der prophetische Vortrag war meistens mündlich und zuweilen von Musik begleitet, wahrscheinlich um die Begeisterung des Propheten anzuregen, wie ja auch bekanntlich die griechischen Tragödien von Flötenspiel begleitet waren. Die früheren Propheten wirkten durch mündlichen Vortrag, wobei sie sich häufig symbolischer Handlungen bedienten. Maimonides bezeichnet diese symbolischen Handlungen in seinem More Nebuchim Cap. 46 als Visionen; aber so lange die Propheten nur mündlich mit dem Volke verkehrten, waren sie doch etwas Anderes, nämlich wirkliche Handlungen mit symbolischem Charakter. Später vermittelten die Propheten ihre Gedanken auf schriftlichem Wege, wie die Weissagungen einiger Propheten an fremde Völker, bei denen der mündliche Bortrag ausgeschlossen sein mußte, da die Propheten ja fern von diesen Völkern lebten. Mit großem Geschick wußte Redner eine passende Auswahl an prophetischen Stellen zu treffen, aus denen die Einwirkung der Propheten auf religiöse Gesinnung, ans Sitte und Lebensanschauung deutlich