Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1887)
- Date
- 1887-01-11
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227666--44107-3266367- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
19 wurde; zu lehren hatte er den Talmud in talmudischen Borträgen (Draschoth) einige Male des Jahres, im Beth-Midrasch regelmäßig, und Jünglinge im talmudischen Wissen auszubilden. Bemerlenswerth ist, daß eine sogenannte seelsorgerische Thätigkcit vom Rabbiner nicht gefordert wurde. Für Werke der Wohlthätigkeit gab es in jeder Gemeinde Männer und Frauen, welche sich denselben mit größtem Eifer und bewunderungswürdiger Hingebung widmeten. Rath und That in den einzelnen Vorkommnissen des Lebens, den Familien und Individuen zu bieten, war der Rabbiner bei seiner zurückgezogenen, nur dem Studium gewidmeten Lebensweise gar nicht fähig, da er in der Regel von den weltlichen Dingen gar wenig wußte. Daher kam es, daß, als im mittleren und westlichen Europa das Talmudstudium an Würdigung und Pflege bei den Juden viel verlor und der Fragen über die Ritualgesetze immer weniger wurden, auch das Bedürfniß nach Rabbinen abnahm, und sehr zahlreiche Rabbinatsstühle nach dem Tode ihrer Inhaber unbesetzt blieben. Aber auch hierin hat die Neuzeit bedeutenden Wandel geschaffen, und mit den veränderten Bedürfnissen sind auch ganz andere Forderungen an den Rabbiner aufgekommen. Der gegenwärtige Rabbiner, während ihm das Studium des Talmuds als private Beschäftigung überlassen bleibt, hat vorzugsweise zu lehren, und zwar Erwachsene und Jugend. In ersterer Beziehung ist es die Predigt, die eine seiner Hauptaufgaben bildet. Die früheren talmudischen Vorträge sind ihm erlassen, da dem Publikum das Verständniß dafür fehlt. Dagegen hat er regelmäßig zu predigen, und unser Publikum ist in den Anforderungen, die es an die Predigt stellt, nicht karg. Da es nicht von Jugend auf daran gewöhnt, da die Predigt an vielen Orten erst seit wenigen Jahrzehnten eingeführt ist, so fordern die Zuhörer, von derselben nicht bloß belehrt, sondern auch ergriffen und womöglich begeistert zu werden. Es soll einerseits der Verstand beschäftigt, andererseits das Gefühl erregt, die Phantasie belebt und der Geist überhaupt durch die Kunstform befriedigt werden. Alle diese seelischen Elemente sollen in der Predigt bewegt und beschäftigt werden. Dies hat der jüdische Prediger nicht außer Augen zu lassen, wenn er bei seinen Zuhörern einen dauernden Anklang und Werth erlangen will. Er darf als Homiletiker weder Nachlassen, noch in seiner Ausbildung stehen bleiben, sich nicht wiederholen und an bestimmte Phrasen gewöhnen; er muß an jede einzelne Predigt mit Ernst und Eifer gehen. Nicht minder aber ist es seine Aufgabe und Verpflichtung, für den religiösen Unterricht der Jugend zu sorgen, ihn zu leiten und auf den höheren Stufen selbst zu ertheilen. So wie er homiletisch gut vorbereitet, so muß er auch pädagogisch gebildet sein. Die religiöse Unterweisung der Jugend muß ihm in ihrer ganzen Bedeutung am Herzen liegen; er muß für dieselbe eifern und die Widerstrebenden heranzuziehen suchen. Aber dieser Unterricht muß auch begeistert und begeisternd ertheilt werden; es kommt bei ihm nicht sowohl auf das materielle Wissen, als auf die gemüthliche und vernunftgemäße Auffassung zugleich an. Die zweite Forderung, die an den gegenwärtigen Rabbiner gestellt wird, besieht in seiner Einwirkung auf den Gottesdienst. Bei der stabilen Beschaffenheit des früheren Cultus war der Rabbiner bei diesem äußerst wenig beschäftigt. Die Zeiten haben sich geändert. Der Jude geht nicht mehr pflichtgemäß zu jedem Gottesdienst, um sein Pensum an Gebeten abzuthun; er tvill darin angeregt und erbaut werden; das religiöse Gefühl soll in ihm geweckt und befriedigt werden. Zu diesem Ende hat der Rabbiner nicht bloß auf die nothwendige Verbesserung und Hebung des Gottesdienstes zu denken, sondern er selbst muß auch in denselben eingreifen und in ihm thätig sein. Die Richtung der Gegenwart geht dahin, die ursprünglichen Elemente unseres Cultus zu bewahren, aber auch flüssige und frisch quellende hineinzubringen, und ihm dadurch die Einförmigkeit zu nehmen, ohne ihm eine gewisse Festigkeit zu entziehen. Die Predigt allein genügt hierzu nicht, sondern Gebete und Ceremonien in der Muttersprache und deutsche Texte zu Gesängen sind erforderlich. Allerdings muß hierin in vielen Gemeinden noch mit Vorsicht vorgegangen werden. Die Lage der Dinge macht es in den mittleren und kleineren Gemeinden nothwendig, sowohl auf den orthodox als auch auf den reformatorisch gesinnten Theil der Gemeinde zu achten, da eine Spaltung nach diesen beiden Richtungen hin nur in den größten Gemeinden möglich ist. Der Rabbiner hat hierin mit Klugheit und Besonnenheit zu handeln, sich keinem Theile allein aiizuschließen, ohne hiermit des Charakters der Zweideutigkeit und Unzuverlässigkeit sich verdächtig zu machen. Er muß hierin der Gemeinde offen seine Ansichten und Tendenzen kundgeben, und kann dann sicher Vorgehen. — Weiterhin aber hat der Rabbiner auch die sogenannte seelsorgerische Thätigkcit zu beschreiten. Wir haben oben bemerkt, daß in den Gemeinden Männer und Frauen sich den Werken der Wohlthätigkeit gewissermaßen als einem Berufe widmeten; aber sie sind allmählich geringzähliger geworden, ja verschwunden. Der Rabbiner muß daher die Uebung der Wohlthätigkeit in's Auge fassen, den Vereinen und Veranstaltungen nahe treten, sie zu beleben und auszudehnen streben; wenn ein Zweig der Barmherzigkeit in seiner Gemeinde brach liegt, muß er nachhelfen, für ihn Interesse wecken und ihn pflegen. Mit feinem Takte hat er überall, wo Rath und Hilfe noth thut, dieselben zu spenden. Wir sagen „mit feinem Takte" — denn wir Juden sind nicht gewohnt, den Rabbiner in die Interessen der Familien und der Einzelnen sich einmischen zu lassen. Dieser darf daher in keiner Weise zudringlich erscheinen, aber auch niemals schwer zugänglich sein. Er muß sich suchen, aber stets finden 2*