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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-01-11 · Heft 2 (11.1.1887) · p. Seite 18

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 2 (11.1.1887)
Date
1887-01-11
Page
Seite 18 (sequence 2)
Language
German
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schengeschlechts beruht so auf der Tradition und der Entwickelung in ihr. Auch der entschiedenste Selbstforscher steht auf den Schultern seiner Vorgänger, kann viele ihrer Angaben nicht noch einmal prüfen und muß aus anderen Gebieten des Wissens sich auf die Resultate Anderer verlassen. Ja, wer sich hiervon freihalten wollte, würde keinen Schritt vorwärts thun können und sich jeden Augenblick gefesselt finden. Andererseits wird doch Niemand leugnen können, daß die neueren Kritiker und Forscher auch in Fehler und Jrrthümer verfallen, daß sie nicht selten Resultate Hervorbringen, Ergebnisse zu finden glauben, Beobachtungen gemacht zu haben wähnen, Folgerungen ziehen, die sich als unzuverlässig, als unhaltbar recht bald erweisen. Was folgt hieraus? Daß alles menschliche Wissen und Können sich aufbaut von einem Geschlecht zum anderen, auf dem gesammten Boden der Vergangenheit, auf dem Grunde der Tradition. Ebenso aber folgt daraus, daß die Tradition auf eine unbedingte Geltung keinen Anspruch machen darf, daß im Thatsächlichen den sich immer verändernden Verhältnissen und Bedingungen Rechnung getragen werden müsse, und daß in allem Geistigen und Wissenschaftlichen die prüfende Kritik ihre Hand anzulegen habe, aber eine unbefangene, vorurtheilslose, nicht leidenschaftliche Kritik, nicht eine solche, die von vornherein darauf ausgeht, das Tradirte zu verneinen und etwas Neues an dessen Stelle zu setzen, eine Kritik, die mit dem gleichen Eifer die Begründung und Richtigkeit des Tradirten sucht, wie das Gegentheil, eine gesunde und normale Kritik. Werfen wir nun einen Blick auf die specifisch jüdische Tradition. Das Judenthum hat, wie natürlich, ein uraltes Fundament in der mosaischen Urkunde. Die Fragen und Resultate der Bibelkritik ändern hieran nichts, denn seit den ältesten Propheten steht die Anerkennung dieses Fundamentes fest. Auf diesem Fundamente, welches also die Urtradition i abgab, gingen nun die verschiedenen Entwickelungsphasen vor! sich, je nach den vorherrschend dringlichen Bedürfnissen, indem jede dieser Phasen mehr oder weniger aus der vorangegangenen entnahm und festhielt. So stützte sich der Prophetismus vorzugsweise auf die in der mosaischen Urkunde gegebene Gotteserkenntniß und allgemeine Sittlichkeit. Der Talmudismus nahm zwar die Lehre der Propheten in sich auf, legte aber das Hauptgewicht auf das mosaische Gesetz und arbeitete dies nach den Zielen, die er verfolgte, nach allen Richtungen durch bis tief in die Casuistik hinein. Der Rabbinismus stand ganz und gar auf dem Boden des Talmudismus, während die Religionsphilosophie wieder auf die Lehre zurückging und diese nach dem Bedürfnisse der Zeit mit den herrschenden Philosophemen auszugleichen versuchte. Das moderne Iudenthum, immerhin die bisherige gesammte Entwickelung als seinen Boden betrachtend, kehrte doch vielmehr zu den Propheten und Hagiographen zurück, um sowohl aus dem Mosaismus als aus dem Prophetismus den allgemeinen Lehrinhalt von Neuem herauszuheben und wissenschaftlich durchzuarbeiten. Wir haben also auch hier die Erscheinung, daß der obwaltenden Geistesrichtung und dem Bedürfnisse der Epoche genügt werden soll, aber zu diesem Zwecke aus allen vorangegangenen Phasen das Material geschöpft und festgehalten werde. Hierzu ist aber die Kritik unentbehrlich. Sie hat zunächst die Geschichte des Judenthums uud hiermit die Geschichte der Tradition selbst aufzuklären, zu berichtigen und zum Berständniß zu bringen. Sie hat dann das Wesen und das Bleibende in ihm von der Form und dem Wechsel in dieser zu unterscheiden und auf diesem Wege zur Sicherung der gegenwärtigen Entwickelungsphase den Boden zu ebnen und zu festigen. Da ist denn sicherlich eine feindselige und leidenschaftliche Kritik ebenso wenig am Platze, wie eine unbedingte Anerkennung der Autorität der Tradition. Vom rechten Geiste beseelt, geht diese besonnen und vorsichtig zu Wege, ohne Scheu und Furcht, abzutrennen, was sich in der Prüfung nicht bewährt, aber auch anzuerkennen, was lebenskräftig und den Fortbestand der Religion sichernd ist. Uebrigens bedürfen wir auf unserem Gebiete recht sehr des „Selbstschaffens" — wir meinen, an kritischen gelehrten Werken haben wir keinen Mangel, wohl aber bedarf es der Schriften, in welchen mit frischem Geiste, tiefem Gemüthe, lebhafter Einbildung die Gegenstände erfaßt und in schwungreicher Sprache und kunstgemäßer Form dargestellt werden, so daß sie den größeren Kreis unserer Glaubensgenossen anziehen und begeistern. Möchte das jüngere Geschlecht die seit den letzten Jahrzehnten recht fühlbar werdende Lücke auszufüllen begabt und willens sein! Die gegenwärtige Stellung der Rabbiner. In den zwanziger Jahren wurde aus den Regierungskreisen eine hervorragende jüdische Persönlichkeit zu Berlin gefragt: Was ein Rabbiner sei? Welche Funktionen er auszuüben habe? Die Antwort lautete: Er führt die Aufsicht über das Schächten. Das war boshaft und paßte in das System der preußischen Judengesetze, welche seit dem Allgemeinen Preußischen Landrechte die Existenz der Rabbiner völlig ignorirten. Späterhin wurde an einem anderen Orte auf dieselbe Frage erwiedert: Der Rabbiner hat die Ritualgesetze auszulegen und in Fragen, welche diese betreffen, Entscheidung zu geben. Dies war schon angemessener, aber doch mangelhaft. Jedermann weiß, daß es das Amt der früheren Rabbiner war, zu „lernen" und zu lehren; unter „lernen" verstand man, täglich Mischnah und Gemara zu recitiren und zu studiren, was schon an und für sich für eine der ganzen Gemeinde Segen bringende Beschäftigung gehalten

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