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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1887-01-11 · Heft 2 (11.1.1887) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
51 (1887)
Issue
Heft 2 (11.1.1887)
Date
1887-01-11
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Ein unparteiisches Organ sür alles jüdische Jntcrcffe. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 115) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Heransgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. Expedition: Leipzig, Woßptatz 17. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. Philippson in Bonn direct, in allen übrigen an die Verlagshandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. 51. Jahrgang. Leipzig, den 11. Januar 1887. Nr. 2. Inhalt. Leitende Artikel: Selbstschaffen und Tradition. — Die gegenwärtige Stellung der Rabbiner. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Bonn, Berlin, Aus Süddeutschland, Bochum. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest.— Frankreich: Paris. — Italien: Rom. — Rußland: Warschau. Turek. — Bulgarien: Philippopel. — Türkei: Konstantinopel. — Bonn: Notizen. — Paris: Literarische Notizen. — Feuilleton: Skizze zur Geschichte der Juden in Teplitz (Böhmen). Sdtc'nSc dzti-faef. Bonn, 5. Januar. Lelbstschassen und Tradition. Die folgenden Bemerkungen beziehen sich zunächst nicht speciell auf die jüdische Tradition, sondern nehmen die allgemeinen Verhältnisse in Betracht. Es ist nicht zu verkennen, daß in den Geistern des gegenwärtigen Geschlechts eine Feindseligkeit gegen alle Tradition, gegen alles Tradirte obwaltet; und was selbstgeprüft, selbsterkannt, selbstgeschaffen ist, wird für wahr und richtig gehalten, alles Ueberlieferte aber wird bestritten, verdrängt und mit schrankenloser Freiheit umgestaltet oder für falsch erklärt. Die Vergangenheit wird verachtet und man thut, als ob die früheren Menschen nur Kinder oder Betrüger gewesen. Wird doch selbst in mehreren Wissenschaften die Geschichte derselben als ganz überflüssig angesehen. Man kann diese Richtung nur als eine Reaction ansehen. Zu viele Jahrhunderte hindurch hat die einmal festgestellte Tradition die Alleinherrschaft behauptet, jede Geistesbewegung erdrückt, jede von ihr abweichende Meinung für ketzerisch erklärt und blutig bis zur Vernichtung verfolgt. Als nun in der Mitte des 17. Jahrhunderts die Kritik erwachte, in der weltlichen Macht nicht immer einen Unterdrücker fand und deshalb erstarkte, die Philosophie neue Auffassungen und Forschungen hervorbrachte, die Wissenschaften, die induktive Methode als die allein richtige annahmen, zahlreiche Entdeckungen und Erfindungen die früheren Ansichten nicht bloß als mangelhaft, sondern als irrthiimlich und falsch erwiesen: da kam es zu einer Reaction, zu einer feindseligen Gesinnung gegen alle Tradition und alles Traditionelle. Natürlich entwickelte sich dadurch ein entgegengesetztes Extrem. Wir brauchen nur auf die täglichen Erscheinungen zu blicken, um eine Hypothesen-, eine Neuerungssucht zu gewahren, die jeden Forscher und Autor beherrscht und ihn anspornt, etwas ganz Neues, dem bisher Geltenden Widersprechendes zu produciren; eine Folge davon ist eine Unsicherheit, eine Verworrenheit der Ansichten, selbst des Alltäglichen, welche uns mit einer abermaligen Reaction bedroht. Sehen wir uns deshalb die Dinge etwas näher an. Im Grunde beruht das ganze menschliche Wesen auf der Tradition und Niemand, auch der ärgste Feind derselben, kann ihrer ganz entbehren oder sich von ihr losmachen. In der Schrift heißt es: „Ein Geschlecht geht und ein Geschlecht kommt!" Dies ist aber nicht so zu verstehen, als ob die Geschlechter einander zu einem gewissen Zeitpunkte abwechseln. Jedes Geschlecht wurzelt in dem vorhergehenden, wird groß in dessen Mitte und auf dessen Boden. Jedermann wird in seinem elterlichen oder dem gleichen Hause erzogen, von Lehrern unterrichtet, von der Literatur der Vergangenheit gebildet und wächst auf in einer bestimmten gesellschaftlichen Atmosphäre. Er wählt einen. Beruf, und auch hier wird er von Meistern eingeführt und unterwiesen. Alles dies ist Tradition. Die geistige und sittliche Luft, die er von seiner Kindheit an eingeathmet, die Nahrung, die ihm geboten worden, begründen seine geistige und sittliche Constitution und machen den Grundstoff seines Lebens aus. Und nicht bloß das Individuum, sondern das Leben des ganzen Men-

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