Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1887)
- Date
- 1887-01-04
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
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Als bann aber die Hochsluth des Antisemitismus auf die deutschen Israeliten hereinbrach, stand die A. Z. d. I. stets in der Vorderreihe derer, welche diese schmähliche Bewegung bekämpften und zurückzudrärlgen suchten. Mit scharfer Kritik beleuchtete und vernichtete sie die Lügen und Verleumdungen des hohen und niedern Pöbels, der sich an die Spitze der Judenfresser gestellt hatte; keine Rede, keine Broschüre entging da ihrer Aufmerksamkeit. Auch hier kannte sie keine Furcht, kein Ansehen der Person. Wie sie den berühmten Gelehrten und Philosophen, welche denl Antisemitismus eine tiefere Begründung oder doch Entschuldigung zu Theil werden lassen wollten, unerschrocken uub gleichberechtigt entgegen trat, so scheute sie auch nicht vor den mächtigen Staatsmännern zurück, welche jenem eine nicht eingestandene aber doch offcufuubigc Ullterstützinlg liehen. Sie wies da den Israeliten ihren wahren Platz im politischen Leben an: ans Seite der freisinnigen Parteien, die, wenn auch nicht inuner durch ihre Gefühle, so doch durch ihre Grundsätze genöthigt sind, für die volle Gleichberechtigung aller Religionsparteien vor dem Gesetze einzustehen. Jetzt haben sich die von dieser -Zeitung bekämpften Strömungen wenigstens in Deutschland zum größten Theile verlausen. Aber wie wirken sie noch iu den Ländern des östlichen Europa nach: in Ungarn, Rumänien, Rußland! Wie unsägliches Weh hat da Millionen Unschuldiger betroffen, die sich verhöhnt, ausgeschlossen, mit Füßen getreten, des legitimen Erwerbes beraubt sehen! Auch für sie tritt die A, Z. d. I. jederzeit klagend, zürnend, rathend ein. Besonders die rnssischen Juden sehen in ihr noch immer ihren Trost, die Stätte, wo sie ihren Jammer zum Ausdruck bringen und dafür Rathschläge und Aufnlunterung empfangen. Inzwischen hatte die Neugestaltung der großen politischen Verhältnisse auch anregend ans das untere Leben der deutschisraelitischen Gemeinden gewirkt; die meisten von ihnen schritten unbeschadet des Widerstandes kleiner orthodoxer Fraktionen, in gemäßigter aber dttrchgreifender Weise voran. Allerorten erhoben sich prächtige Synagogen, nahm der Gottesdienst eine ästhetisch schöne, anziehende Form an. Auch jetzt bewahrten diese Blätter ihre führende Rolle. Gerade bei der Allseitigkeit der Reformen machte sich das Bedürfnis; nach einer einheitlichen und systematischen Gestaltung der neuen Zustände immer dringender geltend. Das bewog den Redakteur dies. Ztg., im Jahre 1808 das Institut der Rabbinerversannulungen wieder in's Leben zu rufen. Tie neue - - vierte — Rabbiner Versammlung tagte am 11. bis 14. August 18(58 in Dassel. Sie sollte sich ausschließlich mit den gottesdienstlichen Fragen i beschäftigen. In ihr lvurde der Gedanke eurer allgemeinen j jüdischen Synode angeregt. Derselbe war sehr bestechend, sehr Zlnponirend: indes; Philippson erkannte wohl, das; derselbe j bei der örtlichen Zersplitterung und Jnteresseuverschiedeuheil der deutschen Israeliten auf die Länge unausführbar sei. Er plaidirte deshalb lieber für Proviuzialversammlnugeu. Allein da jener umfassende Vorschlag angenommen wurde, widmete er sich in Gemeinschaft mit Adler (Kassel) und Aub (Berlin) eifrigst den Vorbereitungen zu der allgemeinen Synode: schließlich verdankte sie zum größten Theil seiner Energie unb | der Unterstützung dieser Zeitung ihren Zusammentritt. Sie 1 bestand aber — wie Philippson vorausgeseheu — zum größten 1 Theil aus Rabbinern, denen einige Gemeindedelegirte lediglich als Folie dienten. Acht Sitzungen hielt sie ab, zu Leipzig, vom 2V. Juni bis 4. Juli 186V. Als erster Gegenstand wurde auf die Tagesordnung der Antrag Philippson's über die Prinzipiell des. Judenthums iu politischer, sozialer und interkonfessioneller Beziehung gesetzt. Eine solche öffentliche Kundgebung war durch die Zeitverhältnisse geboten: das förmlich dir Gleichstellung fauttioniveube Gesetz des norddeutschen Bllndes war noch nicht erflossen und das ökumenische Konzil , mit seinen mittelalterlichen unb verketzernden Tendenzen war soeben einberufen worden. So wußte Philippson mit dem praktischen Sinne zugleich stets hohe, allgemeine (Ausblicke zu vereinigen: das ist das wahre Geheimnis', feines Wirkens mtb seiner Erfolge. Sein Alltrag lvurde mit Akklamation angenommen und erregte weit über Deutschland's Grenzen hinaus das größte Aufsehen; der Aerger der Jndellfeinde that erst sein volles Verdienst dar. Gleichzeitig! mit der Leipziger Synode tagte auch der erste israelitische i Gemeindetag, au dessen Vorbereitungen und Statntenberat Hungen sich Philippson eifrig betheiligte. Leider war seine Ansicht von der Unmöglichkeit regellnäßiger allgenleiner Verhandlnngell nur allzubegründet; schon die zlveite allgemeine Synode in Augsburg 1871 hatte geringen Erfolg, mtb dann verlies die ganze Bewegung im Sande. Dagegen hatte Philippson die Freude, eine andere An gelegenheit, die ihm seit vielen Jahrzehnten am Herzen ge legen und die er bereits iu den erstell Jahrgängen der A. Z. d. I. feurig verfochten hatte, null verwirklicht zu sehen-, im Mai 1872 loard zu Berlin die Hochschule für die Wissenschaf! des Judenthulns eröffnet. Auch diese Zeitung hatte dazu beigetragen, inbem sie einen erfolgreichen Aufruf an die Israeliten Deutschlands und des Auslandes 31tv Fundirnng der Hoch' schule erlassell. Es war nur eine gerechteWürdiguug derBerdienste