Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1887)
- Date
- 1887-01-04
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
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11 bald darauf von der Linken feierlich in ihr Programm ausgenommen. Was den vierten Punkt betrifft, sprachen wir uns in demselben für die erhöhte Sicherung der Preßfreiheit und des Vereinsrechtes aus. Ist dieses Postulat etwa antideutsch oder anti-liberal? Meine Herren, ich bin noch nicht zu Ende. Schon vor siebzehn Jahren plaidirte ich in meiner Schrift über Oesterreich für die nationale Abgrenzung der Bezirke Böhmens, und die Deutschen dieses Landes traten im Interesse ihrer Nationalität während der letzten Landtagssession energisch für dieselbe ein. In der genannten Schrift schlug ich auch Maßregeln zum Schutze der nationalen Minoritäten vor, und vor zwei Jahren sprach ich in einem Journal-Artikel mich dahin aus, daß die Wahlbestimmungen nach englischem oder italienischem Borbilde so abgeändert werden, daß die nationalen Minoritäten in den Bertretungskörpern der Bezirks- und Ortsgemeinden so gut wie in den Landtagen nicht nur eine Repräsentation erlangen, sondern auch durch das Kurialvotum, d. i. durch ein der nationalen Minorität in Sprachfragen eingeräumtes Vetorecht vor der Vergewaltigung durch die Majorität geschützt werden. Und siehe da, vor Kurzem meldeten die Journale, daß der gefeierte Dr. Schmeykal einen Vorschlag zum Schutze der nationalen Minoritäten in den böhmischen Landtag einbringen wolle. Diese Absicht ist gewiß sehr löblich; aber weshalb tadelt man an mir, was man an Anderen lobt? Ist das Datum ein Verbrechen? War gestern undeutsch, was heute als echtes Deutsch gepriesen wird? Eine Beantwortung dieser Fragen ist kaum zu erwarten. Zum Glücke fechten mich irrige Beschuldigungen und ungerechtfertigter Tadel nicht an. Ich schätze die Volksthümlichkeit und respektire die öffentliche Meinung; aber wenn es Recht und Wahrheit gilt, klimme ich den steilen Pfad, der zu denselben führt, unverdrossen hinan, auch wenn er vom Strahle der öffentlichen Gunst nicht beschienen wird. Zum Schluffe, meine Herren, gestatten Sie mir die wiederholte Versicherung meines wärmsten Dankes und den Ausdruck der vorzüglichen Hochachtung, mit der ich bin Ihr ergebener vr. Fischhof." Pest, 16. Dezember. (Privatmitth.) In. der heutigen Sitzung des Finanzausschusses des Abgeordnetenhauses machte Wahrmann bei dem Titel Mittelschulen darauf aufmerksam, daß in dem sogenannten katholischen Staatsgymnasium in Budapest die katholischen Schüler separat und die jüdischen Schüler ebenfalls separat eingetheilt werden. Redner fragt den Minister, ob er hiervon Kenntniß habe und wenn ja, ob dies mit der liberalen Politik der Regierung übereinstimme? — Minister Trofort erklärt, er habe keine Kenntniß von der Sache; er mißbillige dies und werde es verbieten, wenn es sich so verhält. Bist kann dies principiell auch nicht billigen, doch bemerkt er, daß, fern von jeder illiberalen Absicht, nur die Vereinfachung des Religionsunterrichts den praktischen Grund dieser Maßregel bilde. Wahrmann hat diesen Einwand ebenfalls gehört, allein wenn in den Parallelklassen anderer Schulen die Zöglinge verschiedener Confessionen beisammen sein können, dann sieht er nicht ein, warum sie hier gesondert werden müssen. Max Falk findet, daß die Bemerkung Visi's nur so viel beweist, daß seitens der Direetion keine böse Absicht obwaltet, aber damit sei keineswegs noch die schädliche Wirkung dieser Maßregel beseitigt, die wohl nicht näher erörtert zu werden braucht. Er bittet daher auch seinerseits den Minister, an der Zusage festzuhalten, daß er die Sache untersuchen und wenn jene Maßregel wirklich besteht, deren Aufrechterhaltung einfach verbieten werde. Minister Trofrrt wiederholt seine Erklärung. Das Gesuch der ungarischen Rabbiner wegen des bekannten Erlasses, daß die jüdischen Schüler der Mittelschulen vom Schreiben am Sabbath und an Festtagen nicht dispensirt werden dürfen, wurde von dem Minister Trsfort abschlägig beschieden. Der aus dem Tiffa-Eßlürer Proeesse bekannte Sicherheits-Kommissär des Szaboleser Komitats, Andreas Recski, der sich zum Besuche seiner Verwandten hier befindet, ist plötzlich irrsinnig geworden. Aus Böhmen, 19. Dez. (Privatmitth.). In keinem Lande mit gemischter Bevölkerung ist die Lage der Juden so schwierig wie in Böhmen. Hier, wo der Kampf zwischen den Czechen und Deutschen stärker entbrannt ist, als zwischen den verschiedenen Nationalitäten in den anderen Provinzen des Kaiserstaates, wird unseren Glaubensgenossen die Frage gestellt, welcher der beiden streitenden Parteien sie sich anschließen wollen. Diese Frage wäre nun leichter zu beantworten, wenn es sich nur um die berechtigte Selbständigkeit und Gleichstellung der beiden Bölkerstämme handelte. Jeder, der eine feste Ueberzeugung in sich trägt, würde dann wissen, wem er seine Unterstützung zuzuwenden habe. Aber dies ist nicht der Fall, die Dinge haben sich zur Machtfrage zugespitzt; jede der beiden Parteien will die Alleinherrschaft an sich reißen, will die andere aus dem öffentlichen Leben verdrängen, nimmt die staatlichen und städtischen Aemter für sich in Anspruch. Von vornherein würde man denken, daß für die Juden die Sache einfach liege: in den rein ezechischen Landschaften hätten sie sich den Czechen zuzugesellen, in den rein deutschen den Deutschen. Aber es giebt eben in Böhmen Landstriche und Städte, in welchen beide Stämme vertreten sind, und wenn auch nicht in gleicher Zahl, doch die eine oder die andere eine starke Minorität bildet. Daselbst üben nun beide Parteien eine nachdrückliche Pression auf die Jaden aus, Versprechungen und heftige Drohungen werden nicht gespart. An und für sich sind die Juden auch in Böhmen deutscher Art. Sie sind von Deutschland einzeln