Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1887)
- Date
- 1887-01-04
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227663-3227665--44089-3266348- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
10 Blatte, das den Liberalismus pur oxeellsnoo vertreten willV) Breslau, 13. Dezember. Folgende Mittheilung der „Schles. Ztg." möchte wohl viele Glaubensgenossen in Galizien, Ungarn und Rumänien berühren. Es heißt: Die von den ungarischen Auswanderern her drohende Choleragefahr ist nunmehr auf das geringste Maß zurückgegangen, und zwar wesentlich durch Vorkehrungen von österreichisch-ungarischer Seite, die man vielleicht auf diplomatische Einwirkungen von Berlin aus zurückführen darf. Sämmtlichen Billetexpeditionen der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn und der Kaschau-Oderberger Bahn ist in letzter Zeit von ihren Direktionen, wie man uns aus Oesterreichisch-Oderberg schreibt, eine Verfügung des österreichischen Ministeriums des Innern zugegangen, nach welcher, so lange die Cholera in Ungarn nicht als gänzlich erloschen zu betrachten ist, an Personen, die im Verdachte der Auswanderung nach Amerika stehen, Fahrbillets nicht verkauft werden dürfen, mögen diese Personen unbemittelt oder bemittelt sein. Diese Maßregel und höhere Verordnungen der ungarischen Regierung haben die Auswanderung so eingeschränkt, daß in der letztvergangenen Woche täglich im Durchschnitt höchstens sechs solcher Personen über Oderberg nach Deutschland weiter gereist sind. Diese wenigen Leute besaßen fast sämmtlich Verwandte in Amerika und hatten von diesen Schiffskarten für die Fahrt von Hamburg, Bremen oder Rotterdam nach den Vereinigten Staaten zugesandt erhalten. Bei den Oderberger Auswanderungsagenten wurden nur sehr wenige Schiffskarten gelöst. Wie die ungarische, so ist auch die österreichische Regierung mit großer Strenge gegen die Agenten der Dampfschifffahrts-Gesellschaften und deren Unterhändlern vorgegangen, selbst den beiden in Oesterreichisch-Oderberg angesessenen staatlich konzessionirten Agenturen ist es bei Strafe verboten worden, sich im Verkehr mit den Auswanderern irgend eines Vermittlers zu bedienen oder auf jene in irgend einer Weise cinzuwirken, die mit der Beförderung nach dem Hafenplatze nichts zu thun hat. Die meisten Auswanderer fahren von Oderberg aus mit Billets nach Ratibor, Breslau oder Berlin weiter und läugnen mit Hartnäckigkeit die Absicht, nach Amerika zu reisen, um der pekuniären Revision in Ratibor zu entgehen. Das gelingt jedoch nicht allen, es kommen vielmehr öfters zurückgewiesene Paupers in Oderberg wieder an. Der preußische 1) Der Verfasser des Artikels stützt sich, nicht in seinen absurden Vorschlägen, wohl aber für seine Ansichten vom Judenthum auf eine Schrift des Rechtsanwalts Emil Lehmann — eines der Vorsteher der israelitischen Cultusgemeinde zu Dresden und Mitgliedes des Ausschusses des deutsch-israelitischen Gemeindebundes — wir kennen diese Schrift nicht, können aber nicht glauben, daß der Mann gegen die jüdischen Feste rede, der ein Buch für die Chanukkah-Feier geschrieben. Wie antinational? An die Siege der Makkabäer sollen nur noch christliche Kinder denken dürfen, jüdische Kinder — wie antideutsch!!! Arzt I)r. Stein ist noch in Oderberg stationirt; irgend welche verdächtige Erkrankungen von Reisenden sind in der letzten Woche nicht vorgekommen. Die Desinfektionen mit dem Karbolsäure-Sprengapparat werden im Bahnhofe Oderberg jetzt nicht mehr wie früher täglich ausgeführt, dagegen werden die zur Beförderung der Auswanderer dienenden österreichischen Eisenbahnwagen täglich desinfizirt. Von neuen Cholerafällen im nördlichen Ungarn ist in letzter Zeit nichts bekannt geworden. Oesterreich-Ungarn. Wien, 19. Dezember. Wir haben auch in diesem Blatte von dem 70jährigen Geburtstage des Dr. Adolf Fischhof Notiz genommen, und daß der Gemeinderath von Wien mit Majorität es abgelehnt hat, einen Glückwunsch an den verdienstvollen Manu zu richten. Dieses Faktum könnte zur Verkennung Fischhof's veranlassen und den Antisemiten Gelegenheit bieten, diese makellose Persönlichkeit zu verunglimpfen und gegen die Juden auszuspielen. Die volle Aufklärung über die Situation giebt aber ein Schreiben Fischhof's an die Mitglieder des Gemeinderaths, welche für die Adresse gestimmt haben, und das deshalb auch hier wiedergegeben werden soll. Es lautet: „Hochgeehrte Herren! Sehr erfreut durch die Achtung und Sympathie, die Sie aus Anlaß meines siebzigsten Geburtstages mir zu bekunden so freundlich waren, sage ich Ihnen hiermit wärmstens Dank. Gleich Ihnen glaube ich an den schließlichen Sieg der Humanitäts- Idee. Gleich Ihnen bin ich davon überzeugt, daß das nationale, ganz so wie das persönliche Individuum, seine Existenz nicht durch das Verkümmern anderer Existenzen, sondern dauernd nur dadurch fördert, daß es deren Wohl unlöslich fest an das seinige knüpft. Man hat mir vorgeworfen, daß ich durch die beabsichtigte Bildung der deutschen Volkspartei vom Deutschthume mich entfernt habe. Meine Herren! Sie kennen das damals aufgestellte und von Ihnen geprüfte Programm. Es enthielt vier Punkte. Im ersten forderten wir die gesetzliche Sicherung der Sprachenrechte aller Volksstämme Oesterreichs unter Wahrung der unserer Muttersprache im Interesse des Staatswohls gebührenden. Position. Und was geschah jüngst? Die hervorragendsten Männer der Linken setzten ihren Namen unter einen Gesetzentwurf von gleicher Tendenz. Im zweiten Punkte verlangten wir eine zeitgemäße Wahlreform, eine Ausdehnung des Wahlrechts auf breite Volksschichten. Und einer der hervorragendsten Männer im Kreise der Linken brachte vor Kurzem einen Gesetzvorschlag in's Abgeordnetenhaus, in welchem, tuenit auch in bescheidenem Maße, das Wahlrecht den Arbeitern eingeräumt wird. Der dritte Punkt verlangte die Inangriffnahme socialer Reformen; und auch diese Forderung wurde