Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1887)
- Date
- 1887-01-04
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 bitisches aufgefunden wurden —. da mußte sich alsbald die Frage erheben: begegnet man in allen diesen Ueberresten auch Nachrichten über das alte Israel, und treffen wir hier auf Uebereinstimmung oder Widerspruch mit den Angaben der h. Schrift? Diese Frage mußte das Interesse viel weiterer Kreise als die der gelehrten wecken. Die Aufdeckung aller dieser Monumente, so wie die Entzifferung der Hieroglyphen und der Keilschrift, bildet eine glänzende Seite in der modernen Wissenschaft, in der Geschichte und Linguistik. Es wurde dadurch die Culturperiode des Menschengeschlechts, die der hellenischen vorangegangen, ffo gut wie entdeckt, und der historische Blick auf Jahrtausende zurück gewährt, die bis dahin von der Dämmerung der Legende bedeckt waren. Je langsamer aber der Fortschritt in dem Verständniß der Hieroglyphen und der Keilschrift war, je mehr erst die an sich gerechtfertigten Zweifel an der Richtigkeit der Uebertragungen zerstreut und eine annähernde Sicherheit im Lesen und Verstehen jener so lange geheimnißvollen Schriftzüge gewonnen werden mußte, desto begieriger wurde und ist das allgemeine Publikum nach den Resultaten dieser mühsam geführten Forschungen. Es war deshalb ein glücklicher Gedanke, den Herr A. H. Sayce, Professor der vergleichenden Sprachwissenschaft in Oxford, faßte, unter dem Titel „Alte Denkmäler im Lichte neuer Forschungen" einen Ueberblick über die durch die jüngsten Entdeckungen in Egypten, Assyrien, Babylonien, Palästina und Kleinasien erhaltenen Bestätigungen biblischer Thatsachen" für das allgemeine Publikum zusammen zu stellen. Das englische Original ist jetzt in deutscher Uebersetzung erschienen (Leipzig, Otto Schulze), und zwar in einer vom Verfasser revidirten Ausgabe. Allerdings sind die Aufschlüsse, die wir hier aus der früheren Periode Israels erhalten, nicht so bedeutend wie die Lobredner dieser Forschungen mehrfach ausgegeben haben, und können wir immer noch auf das freilich nur das erste Buch Mosis befassende Werk von Ebers verweisen. Verbreitet wurde mit besonderem Nachdruck die Meinung, daß sich in den ersten Stücken des Pentateuchs und in den Keilschriften große Übereinstimmung fände, die auf einen gemeinschaftlichen Ursprung Hinweise. Nun ist es natürlich, daß in der Ideenwelt der Völker sich mancher Gedanke in gleicher Entwickelung vorfinde, noch dazu, da die gleiche Eulturstufe der verschiedenen Nationen — nicht nothwendig zur gleichen Zeit — eine Aehnlichkeit der Darstellung, der Ausdrucksweise, der Formengebung, um für die Masse verständlich zu sein, voraussetzt. Die Täfelchen, auf welchen die Schöpfungsgeschichte erzählt wurde, sind so zerbröckelt und unvollständig, daß sie mehr Voraussetzungen und Ergänzungen fordern, als einen bestimmten Nachweis bieten. Die Welt ist aus der Meeresfluth hervorgegangen; zuerst wurden die Götter geschaffen, einer nach dem andern, dann die leuchtenden Weltkörper und die Wesen nach einer gewissen Ordnung, die sich aber nicht mehr erkennen läßt. Bedeutender sind die Anklänge, welche die babylonische Erzählung von der Sintfluth mit dem Berichte der h. Schrift hat. Der Verlauf ist ziemlich derselbe; nur die Zahlen und die Oertlichkeiten weichen von einander ab. Der Samas-napistim, 1 ber babylonische Noah, erzählt die Geschichte der Sintfluth selbst, und färbt sie deshalb mit vielen individuellen Zügen; er beschreibt die Schrecken und seine sonstigen Gefühle, als er das ganze Menschengeschlecht vernichtet sah. Sehen wir nun über Einzelheiten hinweg, so ergiebt sich der Unterschied zwischen der babylonischen und der Schrifterzählung besonders in der durchweg polytheistischen Färbung der ersteren, und zwar von sehr niedrigem Standpunkte. So heißt es z. B.: „Im Himmel fürchten sich die Götter vor der Sintfluth und suchen Zuflucht, steigen empor zum Himmel des Gottes Anu. Wie ein Hund auf seinem Lager, kauern sich die Götter an dem Gitter des Himmels zusammen" u. s. w. Auch fehlt es nicht an Streit und Disputationen unter den Göttern; doch wird zuletzt ebenfalls verkündet, daß keine Sintfluth wieder eintreten werde. Ist die Übertragung, die von Haupt gegeben ist, richtig, so ersieht man jedenfalls, daß beiden Berichten derselbe Stoff zu Grunde liegt, der aber in der mosaischen Fassung von echt monotheistischen Ansichten durchtränkt und in seiner Knappheit ergreifend und erhaben ist. Eines wird durch jenen babylonischen Bericht widerlegt, nämlich die Meinung einiger Bibelkritiker, daß der Sintfluthbericht in der h. Schrift aus zweien zusammengesetzt sei; es müßte sonst eine gleiche Operation mit dem babylonischen Texte vorgenommen sein. — Mit der Geschichte über den Thurmbau zu Babel etwas Aehnliches in den Keilinschriften zu finden, ist noch nicht gelungen, denn was Smith darüber mittheilt, hat sehr zweifelhaften Werth. Hinsichtlich der Völkertafel im zehnten Kapitel lassen sich aus den Keilinschriften mancherlei Völkernamen näher und richtiger bestimmen. Weiterhin aber finden Einzelheiten aus dem Leben Abrahams Erklärung in den Keilschriften; so Oertlichkeiten, wie Ur und Haran, und besonders der Krieg Kedar- Laomer's, wie er im 14. Kap. erzählt wird. Wenn von hier aus die Geschichte Israels nach Egypten sich wandte, so bringt der Verf. über diesen Zeitraum aus den egyptologischen Erörterungen nichts Neues heran, als was schon oft auch in dieser Ztg. erörtert worden. — In der Revue des deux Mondes vom 1. Dez. setzt Ernst Renan seine „Origines de la Bible" fort, und zwar behandelt er „das Gesetz". Wir haben nicht vor, ihm noch einmal in seiner bibelkritischen Hypothese ins Einzelne zu folgen, da wir dieselbe vor Kurzem in dieser Ztg. bereits bestritten und alle ihre Schwächen nachgewiesen haben. Er setzt sie in dem vorliegenden Artikel in synthetischer Weise auseinander, und macht da aus der