Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 1 (4.1.1887)
- Date
- 1887-01-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3 als Jlitriguautc», in der thörichstcn Selbstüberschätzung befangen, darstellt, so drückt doch die Verachtung noch weit schwerer auf Geist und Geinüth. Man erkennt uns Begabung, Bildungs- und Thätigkeitstricb zu, was man früher uns abgesprochen hat — nur daß man diese Eigenschaften jetzt wieder ebenso ungeheuerlich übertreibt, wie man es früher mit unserer Erniedrigung gethan. Wir können nichts Anderes thun, als in unserer Culturtendenz, in unserem Streben nach dem uns gebührenden Antheil am öffentlichen Leben, in der treuen Pflichterfüllung gegen Staat und Vaterland, in der Aneignung aller civilisatorischen Befähigung fortzufahren und durch Wort und That hiervon unsere Mitbürger zu überzeugen. Wir müssen der Zuversicht leben, daß die Wahrheit des Thatsächlichen zuletzt allen Dunst feindseliger Verleumdungen zerstreuen und uns in diejenige Lage bringen werde, in welcher auch für uns Friede und Fortschritt gesichert sein werden. Ein eonservativer Gallapfel. Ein weniger vorsichtiger Schriftsteller hätte vielleicht die Überschrift „eine conservative Blüthe" oder eine „conservative Frucht" angewendet. Uns aber sind Blüthe und Frucht als die eigentlichen Zielpunkte und höchsten Erzeugnisse des Pflanzenlebens viel zu schätzensmerth, als sie für den Artikel zu gebrauchen, den wir heute besprechen wollen. Wir fassen ihn vielmehr als einen Auswuchs auf, der sich krankhaft ansetzt und nichts als Bitterkeit enthält, einen Gallapfel. Um so weniger konnten wir den Artikel „Die Juden in Frankreich", von Dietrich von Oertzen im Dezemberheft der „con-. servativen Monatsschrift" als eine Blüthe oder eine Frucht bezeichnen, als dies Hütte voraussetzen lassen, der Baum, auf welchem diese sich entfaltet hätten, wäre ein Giftbaum. Dafür halten wir nun den Conservatismus an sich keineswegs, sondern sogar für eine in der Gesannntheit des politischsocialen Lebens erforderliche Pflauzengattung, nur darf sie nicht überwuchern, nicht die übrigen Bäume des Waldes! beherrschen oder gar erdrücken wollen . . . Wir sind ebenso wenig befähigt, in die Herzen der Conservativen zu blicken, wie in die anderer Parteigänger. Wir meinen deshalb, daß es auch unter den Conservativen Männer giebt, in welchen, wir sagen nicht eine humane Gesinnung, so weit gehen unsere Ansprüche gar nicht, sondern ein Gerechtigkeitsgefühl auch gegen ihre jüdischen Mitbürger vorhanden ist. Wir müssen uns daher nach den anerkannten Organen dieser Partei Umsehen, wie nach der „Kreuzzeitung", der „conservativen Monatsschrift", dem „Reichsboten", der „conservativen Correspondenz" u. a., sowie nach den Antezedentien der beiden ersteren, denn die anderen haben noch keine solche. Nun, da wissen wir, daß die Kreuzzeitung die eigentliche Mutter des deutschen Antisemitismus ist, und diejenigen, welche sich als Bäter und Urheber der neuesten antisemitischen Wühlerei vorstellen, nur die Söhne jener sind. Wer hieran zweifelt, braucht nur die Jahrgänge unseres Blattes seit 1848 durchzusehen. Hiernach müssen wir allerdings die conservative Partei als mit dem Antisemitismus stark verquickt annehmen. Was aber die genannten Zeitschriften geleistet haben, wird an bitterstem Haß und schrankenlosen Berläumdungen durch den Artikel Dietrichs von Oertzen übertroffen. Doch müssen wir bemerken, d< doch nicht originell ist, sondern nur ein Epitomator, der Auszüge aus einem anderen weitläufigeren Werke l nämlich aus der berüchtigten Schrift Drumonts, was er fr erst gegen Ende seines Artikels sagt. In Deutschland man sich heute, trotz aller Deklamationen, so wenig wn den Pariser Moden, so von der Pariser Literamr unabh gemacht. Jeder Schund von französischen Dramen auf den deutschen Schaubühnen aufgeführt, jeder Schun! französischen Romanen in s Deutsche übertragen. In F reich ist man zu solcher gegenseitigen Hülfeleistung niö entferntesten bereit. So ist unseres Wissens kein eir deutsches Libell gegen die Juden in's Französische übert worden. Kaum aber war Drumont's Werk erschiene! ward es auch in die deutsche Sprache gekleidet. Nun is zwei-- jetzt dreibändige Schrift nicht Jedermanns Sache; half nun Hr. von Oertzen nach. Dieser Held war s Redakteur einer conservativen Zeitung, die, wie so viele Schwestern, an Abonnentenschwäche versiegte. Dies die Stimmung nicht freundlicher. Sein "Artikel bestel einem „Bortrag, gehalten in einer christlich-socialen I Versammlung." Die Christlich-Socialen versuchen es i wieder, sich mit dem „Volk" als identisch aufzuspielen, aller Proteste, die aus dem „Volke" dagegen erhoben m und trotzdem, daß die Christlich-Socialen die wenigen zählen können, an denen sich eine kleine gleichgestimmte | unter der Führerschaft eines evangelischen Pfarrers zusan gefunden hat. — Die Schrift Drumont's ist nichts al i geschichtssälschender Klatsch, gerichtet gegen Alles, was in F reich seit 1789 geschehen, und die Persönlichkeiten, di im Lause dieser Zeit hervorgethan. Hier wird Alles Koth beworfen, in den Schmutz getreten. Es ist aber : geschehen, was nicht durch die Juden hervorgerufen wo und worin sie ihre Hände nicht gehabt hätten. So, z. B. sie, die damaligen zwölf jüdischen Familien in % die Urheber und Führer der Jaeobinerelubs waren! Und verloren ihrer viele den Kopf unter der Guillotine! hat Crmnieux Ludwig Philipp versagt und Napoleon III den Thron gesetzt! Eine besondere Geschichtsfälschung ein Aufruf, den Cromieux zur Gründung der Allianz univ. verlassen haben soll. Derselbe ist eine Erfindung kleinen antisemitischen Blattes, das vor einigen Jahre i*